(Tan Chade Meng)
Die Lehre des Buddha dreht sich um diesen zentralen Lehrsatz,
der als die “vier edlen Wahrheiten” bekannt ist.
Die vier edlen Wahrheiten bilden die zentrale Grundlage des Buddhismus.
Was also sind die vier edlen Wahrheiten?
Erste edle Wahrheit
Die erste edle Wahrheit sagt: “Leben ist “Dukkha”.”
“Dukkha” wird sehr häufig als Leiden übersetzt;
ich glaube aber, dass dies eine sehr unzulängliche Übersetzung ist.
Eine viel bessere Übersetzung ist “Unbefriedigend”.
Im Kern sagt die erste edle Wahrheit,
dass das Leben unbefriedigend und unvollkommen ist.
Warum ist das so?
* Wir alle sind Schmerz und Leiden ausgesetzt.
* Wir alle können Krankheit, Alter und Tod nicht vermeiden.
* Wir sind Unbeständigkeit und Ungewißheit ausgesetzt.
* Sehr häufig müssen wir uns mit Dingen beschäftigen, die unangenehm sind,
* und von Dingen lassen, die angenehm sind.
All das ist unbefriedigend.
Zweite edle Wahrheit
Die zweite edle Wahrheit erforscht die Ursache des Nichtzufriedenstellens.
Woran liegt es, dass unser Leben unbefriedigend ist?
Die Antwort liegt innerhalb von uns:
unser Leben ist unbefriedigend wegen “Tanha” und “Avija”:
* “Tanha” wird sehr häufig als “Begierden” übersetzt,
aber eine viel bessere Übersetzung sollte “Durst” sein.
* “Avija” bedeutet “Unwissenheit”.
Was ist “Durst”?
Durst ist unsere natürliche Tendenz,
an Angenehmen anzuhaften und Unangenehmem abgeneigt zu sein.
Die meisten von uns verbringen den grüßten Teil ihres Lebens damit,
nach Dingen zu jagen und an Dingen zu haften,
die unsere Wünsche, Egos, Sinneslüste usw. befriedigen,
und zu versuchen vor den Dingen davonzulaufen,
die wir schmerzliches, unangenehmes usw. finden.
All dies fassen wir unter “Durst” zusammen.
Was ist “Unwissenheit”?
Unwissenheit ist, nicht zu wissen,
* dass alle bedingten Sachen vorübergehend sind,
* dass alle bedingten Sachen unbefriedigend sind,
* dass alle Sachen “ohne eigentliches Selbst sind”,
* die vier edlen Wahrheiten nicht zu kennen.
Der “Unwissenheit”-Teil ist ein wenig umfassend, das gebe ich zu.
Dritte edle Wahrheit
Gibt es dann einen Weg, den “Durst” und die “Unwissenheit” zu überwinden?
Diese Frage wird durch die dritte edle Wahrheit beantwortet.
Die dritte edle Wahrheit sagt: ja, gibt es einen Weg.
Es gibt einen Weg, “Durst” und “Unwissenheit” zu überwinden.
Wer diesem Weg folgt, wird ruhig und glückseelig.
Es gibt kein Leiden mehr.
Es gibt nichts Unbefriedigendes im Leben mehr.
Dieser Zustand des Seins wird “Nirwana” genannt.
Vierte edle Wahrheit
Das ist ja toll!
Aber wie überwinden wir dann “Durst” und “Unwissenheit”?
Hier kommt die vierte edle Wahrheit ins Spiel.
Die vierte edle Wahrheit ist ein Bündel der Kultivierung des Selbst,
die es dem Übenden ermöglicht, das Ziel des “Nirwana” zu erreichen.
Es gibt 8 Teile in diesem Bündel der Selbst-Kultivierung.
Darum wird es auch der “Achtfache Weg” genannt.
Die 8 Teile sind: der achtfache Pfad
1. Vollkommene Gedanken,
2. vollkommene Tätigkeiten,
3. vollkommene Rede,
4. vollkommener Lebensunterhalt,
5. vollkommene Bemühung,
6. vollkommene Achtsamkeit,
7. vollkommene Konzentration und
8. vollkommenes Verständnis.
Der achtfache Weg kann in 3 Bereiche geglieder werden:
1. Ethik
Der erste Bereich ist das “Ethik”.
Die Idee ist hier, ein Leben zu leben, in dem man versucht,
ständig Freundlichkeit und Liebe zu üben und so zu leben,
dass unser Gewissen rein ist.
Das kommt von unserer Übung vollkommener Gedanken,
vollkommenen Tätigkeit, vollkommener Rede und vollkommenen Lebensunterhaltes.
Im Grunde leben wir das Leben so gut wie wir können.
2. Konzentration
Der zweite Bereich ist die “Konzentration”.
Wenn unser reines Gewissen durch “Ethik” kultiviert ist,
kultivieren wir unseren Geist, damit er ruhig, friedlich und konzentriert ist.
Dieses kommt von unserer Übung vollkommenen Bemühungens und vollkommener Konzentration.
3. Einsicht
Der dritte Bereich ist die “Einsicht”.
Mit einem sehr starken, ruhigen, konzentrierten und friedlichen Geist lernen wir,
an uns selbst zu arbeiten, Einsicht in uns selbst zu gewinnen
und schließlich all unsere Probleme und alles Unbefriedigende in unseren Leben zu überwinden.
Dies resultiert aus unserer Übung vollkommener Achtsamkeit und vollkommenen Verständnisses.
Mit kurzen Worten …
Das oben gesagte ist Buddhismus kurzgefaßt.
Im Grunde holen wir hier den Buddha wie einen Arzt,
um ein Problem zu lösen: das Unbefriedigende.
In der alten indischen Kultur führt der Arzt 4 Schritte durch:
1. er kennzeichnet und bestätigt das Problem,
2. findet die Ursache des Problems,
3. gibt an, dass es eine Heilung gibt, und
4. verschreibt eine Behandlung.
Die 4 edlen Wahrheiten können als dieses Verfahren gesehen werden:
1. Die erste edle Wahrheit bestätigt, dass das Problem Dukka besteht.
2. Die zweite findet die Ursache.
3. Die dritte gibt an, dass eine Lösung möglich ist.
4. Und die vierte verschreibt die Lösung.
Im Web habe ich folgenden nachdenkenswerten Beitrag eines Eifelphilosophen gefunden:
“Wieder mal Sonntag. Andere sitzen jetzt in der Kirche und hören sich
Wahrheiten an, an die der Priester schon lange selbst nicht mehr
glaubt. Aber man geht halt hin, es “strukturiert den Tag” (man könnte
auch sagen: es raubt dem Leben die Freiheit - aber das ist hier nicht
das Thema) und sowas ist ja in Ordnung.
Wahrheiten sind ein
seltames Dingen und man hört spätestens auf, an Wahrheiten zu glauben,
sobald man ihre Beliebigkeit erkennt. Zum Beispiel bei der Frage: was
ist der Mensch?
Die Frage danach, was denn der Mensch ist, beschäftigt das menschliche Denken seitdem es Menschen gibt.
Eine Antwort auf die Frage, was denn der Mensch ist, ist bis heute nicht gefunden worden. Im Zuge des
Materialismus gab es lange Zeit eine Antwort, die heutzutage nicht mehr
haltbar ist, obwohl alle Gymnasiallehrer weltweit daran arbeiten, sie
immer noch in den Köpfen der Menschen zu züchten: der Mensch ist eine
Maschine, das Gehirn ein Dynamo und der menschliche Geist nur ein
Funken Strom, der im Augenblick des Todes vernichtet wird.
Diese
Philosophie wird mit aller möglichen Macht und Propaganda verbreitet,
weil sie trotz Vernunft und Aufklärung das Führen immer größerer Kriege
möglich macht, immer effizientere Menschenvernichtungsstrategien
erlaubt, den Konsumwillen maximiert und die politische
Widerstandsfähigkeit des Individuums minimiert.
Bei so vielen
Vorteilen gibt es für moderne Renditemaximierer gar keine andere
denkbare Philosophie. Und obwohl es so offensichtlich ist, das hier
pseudonaturwissenschaftliche “Wahrheiten” zum Zwecke der
wirtschaftlichen und politischen Dominanz mißbraucht werden, ist der
Widerstand gegen diesen Mißbrauch außerordentlich gering.
Darum
haben physikalische Erkenntnisse, die unser primitives Weltbild in
Frage stellen, kaum Konsequenzen für den Schulunterricht. Wie auch: die
Physiker wissen immer weniger, das da draußen in der “materiellen Welt”
eigentlich los ist, nur Materie finden sie immer weniger:
http://www.faz.net/s/Rub6E2D1F09C983403B8EC7549AB44FA0EF/Doc~E892B8CD8C8F64633A55EC180E90221E0~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Irgendwann
Ende 1997 saß Adam Riess an seinem Schreibtisch in der University of
California in Berkeley, kraulte sich seinen Henriquatre-Bart und
wunderte sich. Vielleicht ärgerte er sich auch ein wenig. Denn offenbar
war dem jungen Astrophysiker ein Rechenfehler unterlaufen: “Ich wollte
die Masse des Universums ausrechnen”, erinnert er sich. “Aber da kam
eine negative Zahl heraus. Das war natürlich Blödsinn, es gibt keine
negativen Massen.”
Doch es war kein Rechenfehler. Es war die
vielleicht wichtigste und zugleich verstörendste physikalische
Entdeckung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Der
Name, den die Wissenschaftler dem rätselhaften Effekt gegeben haben,
tut allerdings nur so, als wüsste man, was es ist: “Dunkle Energie”
bedeutet lediglich, dass es sich um etwas nur indirekt Messbares
handelt, das - wie praktisch alles Physikalische - irgendwie mit
Energie verknüpft ist. Alles Weitere ist unklar. In das gegenwärtige
Weltbild der Physik passt das Phänomen noch weniger als kleine grüne
Marsmännchen in das der Biologie.
Also … nicht nur,
das es keine Materie gibt - wir haben auch noch Schulden? Ich hoffe
sehr, er hat sich verrechnet. Es wäre mir unangenehm, wenn ich auch
noch Schulden beim Universum hätte, nachdem die Kanzlerin mir schon
einiges aufgebürdet hat.
Der Normalbürger bleibt verwirrt …
und freut sich, das man Physiker auch immer mehr in Elfenbeintürme
sperrt, weil sie nicht mehr zur Unterstützung renditefreundlicher
Normwahrheiten taugen.
Und erstmal haben wir ein
Erkenntnisproblem. Zwar darf die Erde mitlerweile eine Kugel sein und
sich auch um die Sonne drehen (jedenfalls für die Meisten), aber
ansonsten gibt es da noch eine ganze Reihe Dogmen, die uns
beeinflussen. Vor allem eins: “Wir wissen jetzt endlich alles!”
Tun wir aber nicht, wissen wir auch, aber Experten jeder Art sind tagtäglich bemüht, es uns zu beweisen.
Dabei kennen wir unsere Grenzen mitlerweile sehr genau:
http://www.psychophysik.com/html/re01-illusion.html
Es
ist gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, dass die menschliche
Selbst- und Umweltwahrnehmung zu großen Teilen das Ergebnis einer
Illusion ist. Der Mensch sieht mehr Dinge, als sein Auge an Daten
liefert. Der Mensch nimmt Materie fälschlicherweise als mit Stoff
gefüllten Raum wahr. Das menschliche Auge sieht nur ein kleines
Frequenzspektrum. Die Interpretation von Reizen und Gedanken ist
mehrheitlich das Ergebnis unterbewusster konditionierender Programme.
Und die Physik tut das Ihrige dazu, die Illusion zu entlarven:
http://www.psychophysik.com/html/re022-illusion-materie.html
Quantenphysikalische Erkenntnisse sind so extrem weit ent- fernt von dem, was sich Otto Normalverbraucher vorstellen
kann, dass sie in unserem Alltagsbewusstsein keine Rolle
spielen. Dabei schreit diese Wissenschaft förmlich danach,
unser mechanistisches Weltbild der Marke ?Newton? endlich dorthin zu
schieben, wo es hingehört: In das Reich der Märchen und Illusionen. Es
gibt weder prall mit Materie gefüllte Atom- kugeln noch gibt es in den
über 99,99999999% Vakuum eines Atoms oder Atomkerns ein winzig kleines
Kügelchen, welches randvoll mit ?Stoff? gefüllt ist. Macht diese
Erkenntnis einigen Menschen Angst, so ist dies psychologisch
verständlich. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die
Quantenphysik auf dem besten Wege ist, uns die Materie zu rauben.
Und
das ginge ja gar nicht. Rauben uns die Physiker die Welt der Materie -
in der wir uns gerade im Westen doch so fein eingerichtet haben.
Eigentlich
gehören solche Nachrichten auf die Titelseite einer jeden Zeitung, in
die Lehrpläne der Schulen und Universitäten. Stattdessen muß man lange
suchen, um sie zu finden, denn: was Wahrheit ist bestimmen die Medien
und die Entwickler von Unterrichtsmaterialien. Und die Wahrheiten, die
im 19.Jhd. ins Leben gerufen worden sind, sind außerordentlich nützlich
zur Beherrschung des Volkes.
Menschen, die verinnerlicht haben, das sie eigentlich ein Dynamo sind, haben panische Angst davor, das
die Maschine kaputt geht.
Was
aber - um einen anderen Vergleich anzuregen - wäre, wenn wir kein
Dynamo sind (nicht sein können, weil es Materie im Sinne des 19.Jhd.
schlichtweg nicht gibt, obwohl es da draußen für unsere beschränkten
Sinne so aussieht), sondern … ein Radioempfänger. Jemand, der kurz zu
Gast ist.
Die Folgen für die Widerstandsfähigkeit des Volkes
wären nicht einzuschätzen. Möglicherweise würden die dann einfach mal
auf den Tisch hauen und sagen: Nein, das wollen wir alle nicht. Das
konnten die früher ja auch.
Das wäre aber für die Rendite (und für alle, die von ihr Leben) eine Katastrophe. Die Hamster würden
aufhören, sich wie bescheuert im Rädchen abzumühen. Das geht ja gar nicht.
Also
lieber: Tittytainment auf Flachbildschirmen. Das schöne an
Flachbildschirmen ist übrigens, das sich dort das Gerät endlich dem
Niveau des Programms angepaßt hat.
Dabei ist doch die Frage, was denn da draußen eigentlich los ist, viel spannender als die Brüste von
Frau Crawford. Denn wenn es so ist, wie die Physiker sagen, wenn das
alles hier nicht so ernst ist, wie man uns mit Gewalt vorgaukelt …
dann ist das doch eigentlich eine schöne Angelegenheit.
Dann
würde man ja auch nichts Großartiges riskieren, wenn man man den Arsch
vom Sofa bekommt und den Untergang der westlichen Wertegemeinschaft
aufzuhalten versucht. Immerhin: man riskiert doch sowieso nichts.
Sterben wird man so oder so. Die Frage ist doch: hat man vorher noch
mal gelebt - oder nur soviel zusammengerafft, wie man gerade eben
abtransporieren konnte?
Einen bemerkenswerten Ausblick bietet folgende Studie, die auch im (seriösen) Magazin Lancet
veröffentlicht wurde: eine der wenigen ernstzunehmenden Studie zum
Thema “Nahtodesforschung” (auch übrigens ein Thema, das von der neuen
Kirche radikal bekämpft wird).
http://www.psychophysik.com/html/re051-nahtodesforschung-s2.html
Info3:
Wie erklären Sie sich, dass eine bedeutende Anzahl von Patienten mit
einer tiefen Nahtodeserfahrung, nämlich 43 Prozent, innerhalb von
dreißig Tagen nach der Wiederbelebung verstarb?
van Lommel: Ich glaube, dass ich das
erklären kann, wenn auch nicht wissenschaftlich. Wenn man eine
Nahtodeserfahrung macht, weiß man plötzlich - man glaubt nicht mehr -,
dass es keinen Tod gibt. Denn man fühlt sich außerhalb des Körpers
lebendig und sofort verschwindet die Furcht vor dem Tod. Ich glaube,
dass so jemand in gewisser Weise den Zeitpunkt wählen kann, wann er
gehen möchte. So jemand wird »locker« und kann seinen Körper jederzeit
verlassen. Statistisch gesehen war das sehr auffällig. Nach zwei Jahren
wollten wir mit unseren Patienten mit einem Nahtodeserlebnis das zweite
Interview durchführen und stellten fest, dass die meisten verstorben
waren. Dann sahen wir, dass der Zeitpunkt ihres Todes hauptsächlich in
den ersten dreißig Tagen auftrat, nachdem sie die Nahtodeserfahrung
gemacht hatten.
Also … erschreckend viele wollen lieber nach “drüben”. Obwohl da eigentlich gar nichts ist …
Was ist nun der Mensch?
Auf jeden Fall nicht das, was man uns verkaufen will um besser verkaufen zu können.”
London - Innere Ruhe und Ausgeglichenheit - das scheint das britische Top-Model Kate Moss zu suchen. Zumindest zitiert der «Mirror» in seiner Onlineausgabe einen Bekannten von ihr mit den Worten:
«Sie fährt richtig auf Buddhismus ab - und hat sich auch schon einen Bronze-Buddha gekauft.» Na dann. Die mehr als ein Meter große Statue throne jetzt in ihrem Wohnzimmer in einer Duftwolke aus Räucherstäbchen. Außerdem soll die 35-jährige, die schon mit 14 ins Modelgeschäft einstieg, viele Bücher über diese fernöstliche Glaubensrichtung gekauft haben, die sie täglich lese. «Kate will sich entspannen und genießt es, zu meditieren und etwas über Buddhismus zu lernen», so der Freund des Models. Offenbar hat die erfolgreiche Geschäftsfrau (Mode, Parfum) und Mutter einer sechsjährigen Tochter Beruhigung nötig.
Mettâ-Vipassanâ-Bhâvanâ
von
Shanti Strauch
Aus der Zeitschrift: Gestaltkritik 2-97, Gestalt-Institut Köln
Shanti R. Strauch, vormals Elektronik-Ingenieur, war fünf Jahre lang Mönch in der Theravada-Tradition. In Sri Lanka unterzog er sich einer zweijährigen Intensivschulung in Vipassana-Meditation, lebte dort eine Zeit lang im Dschungel und zog später mit der Bettelschale als Wandermönch durch Europa. Im TIG Berlin (Therapeutisches Institut Giesebrecht) erhielt er seine Gestalttherapie-Ausbildung. In Therapie(ausbildungs)gruppen und buddhistischen Kreisen gibt er Anleitung zur Meditation und Dharma-Praxis. Daß erstmals ein Einführungsvortrag von Shanti Strauch schriftlich vorliegt, ist Marc Genrich zu verdanken, der dieses ?Werkstattgespräch” auf Band aufgenommen und abgeschrieben hat. Shanti Strauch hat es dann noch überarbeitet. Das Werkstattgespräch fand im Rahmen eines Übungswochenendes der Buddhistischen Meditation im Gestalt-Institut Köln statt.
Wir wollen heute Abend gemeinsam buddhistische Meditation üben. Einige Dinge, die für unsere Übung wichtig sind, möchte ich vorher erläutern. Man mag es erstaunlich finden, daß der Buddha so nachdrücklich das Richten der Aufmerksamkeit auf den Körper empfohlen hat. Wer das Körpergewahrsein entfaltet, so heißt es in einer Lehrrede, der entfaltet das Todlose. Was hat der sterbliche Körper mit dem Todlosen zu tun? Nun, das Todlose, die Essenz des Lebens, offenbart sich, wenn wir frei sind von Sucht, Abwehr und Verblendung. Am einfachsten erschließt es sich aus einem Zustand wunschloser Fülle heraus. Hierzu muß der Leibraum mit seinen Gefühlen klar präsent sein, ohne daß wir in irgendeiner Weise mit ihm verhaftet sind. Doch der Fleischkörper, so wie wir ihn kennen, ist dem unmittelbaren Erleben nicht zugänglich. Wir sehen da nur die äußere Hülle, und wenn wir die Augen schließen, bleibt davon ein Erinnerungsbild, das wir zu spüren meinen. Was wir wirklich fühlen, ist nicht der Fleischkörper, sondern der Empfindungsleib. Es gibt da im Pali ein Wort ‘vedanâ’, das beinhaltet sowohl ‘Empfindungen’ als auch ‘Gefühle’. Wir sagen ja meist zu dem, was mit dem Körper verbunden ist, ‘Empfindungen’, und zu dem, was eher seelische Art ist, ‘Gefühle’. In meiner Anleitung sage ich mal das eine, mal das andere, und ich sage noch ein drittes: ‘Energie’. Darunter verstehe ich etwas, das wir empfinden, fühlen, wahrnehmen können, das aber nicht mehr begrenzt ist durch den Körper. Oft begrenzt das gewohnte Körperbild unsere Gefühle. In unserer Übung gibt es immer wieder die Einladung, den Gefühlen Raum zu geben, sie sich ausweiten zu lassen. Der Empfindungsleib wird zunächst ähnlich gegliedert erlebt wie der Fleischkörper. Wenn wir uns allmählich von diesem Erinnerungsbild lösen, kann der Empfindungsleib groteske Formen und erstaunliche Ausmaße annehmen. Er kann sogar grenzenlos sein. Wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit ganz bei den Gefühlen und in den Gefühlen sind, finden wir keine Grenzen.
Sobald wir in dieses Unbegrenzte hineinfinden, erleben wir “Energie”. Energie ist ein Faktor des Erwachens. Aus der Sicht des Buddha ist unser Tagesbewußtsein ein Träumen, ein Halbschlaf. Der massive Fleischleib, die Grobheit der Sinnesobjekte, vor allem aber Verlangen und Abwehr binden auf dieser Ebene viel Aufmerksamkeit. Das macht unser Gewahrsein träge und trüb. Aber in der Tiefe unseres Wesens sind wir quicklebendig, klar und wach. Diesen Keim des Erwachens, die Buddhanatur, haben wir alle in uns. Zu Beginn unseres menschlichen Daseins verwirklicht sich auch schon die Grundbefindlichkeit dieser Buddhanatur. Wenn wir ein kleiner Keim im Mutterleib sind, dann spüren wir keine Grenzen, keine Form. Nichts was uns bedrängt, alles fließt uns zu an Energie. Wir sind offen, durchlässig und voller Liebe. So viel Energie ist da, was immer wir bedürfen ist im Überfluß da. Das ist vom Empfinden her das Gleiche, was ein erwachtes Wesen erlebt. Was das Baby freilich nicht hat, ist ein klares Bewußtsein davon. Es kann diesen Schatz nicht würdigen und nicht behüten, und allzubald geht er ihm verloren. Das heißt, verloren geht natürlich nur der Kontakt zu dieser Energie; unsere Einbettung in den Kosmos kann niemals verloren gehen. Das wird klar, wenn wir wieder Kontakt bekommen zu unserem Empfindungsleib. Wenn wir nach vielen Umwegen diesen Schatz wiedergefunden haben, dann wissen wir ihn wohl zu würdigen. Der Weg dahin ist für den einen kürzer, für den anderen länger. Man sagt, es dauert oft viele Existenzen, bis die Buddhanatur ausreift.
Aber lassen wir uns überraschen, bleiben wir offen für Wunder! Möglicherweise haben wir eine allzu begrenzte Vorstellung davon, was das ist, erleuchtet oder erwacht zu sein. Vielleicht birgt unsere Alltagserfahrung ganz unvermutete Schätze? Jedenfalls wissen wir das Vorhandene oft gar nicht zu würdigen; uns verlangt nach spektakulären Erlebnissen. Und solange unser Geist auf der Suche nach Luftschlössern ist, sind wir nur halbbewußt bei dem, was wirklich da ist. Unsere Aufmerksamkeit ist zerstreut, deshalb können wir das Gegebene nicht klar genug wahrnehmen, und eben deshalb läßt unsere Erfahrung zu wünschen übrig. Es geht also in erster Linie darum, die Aufmerksamkeit zu sammeln, durchaus im Alltäglichen und Gewöhnlichen. Wir nehmen unsere Zuflucht zu dem, was ist - nicht zu dem, was sein könnte, sollte, müßte. Sobald wir unsere Gegenwart würdigen und dankbar annehmen, erwachen wir aus unseren Wunschträumen zur Wirklichkeit. Ein Moment des Erwachens könnte es sein, wenn wir ohne Abwehr klar bewußt unsere Schmerzen ertragen; ein anderer, wenn wir ohne uns zu verurteilen um unseren Ärger wissen oder unsere Traurigkeit spüren. Würdigen wir unsere Erfahrung, auch wenn sie leidvoll ist, und bleiben wir offen! Es mögen gerade unsere dunklen Anteile sein, die durchlichtet werden müssen, damit sich ein klares, umfassendes Gewahrsein entfalten kann.
Normalerweise ist unser Gewahrsein verengt und gefangen durch unser Selbstbild. Mag dieses Selbstbild etwas Erhabenes sein oder etwas ganz Kümmerliches, wir halten daran fest. Wir sind stolz darauf, leiden daran, wir hegen und pflegen es, putzen es heraus, behängen es mit allem möglichen Firlefanz, halten es für das Wichtigste in der Welt. Mit der Übung erschließt sich uns eine offenere Sichtweise. Wenn wir nun neue, beglückende Erfahrungen machen, aber auch Kontakt bekommen zu unserer Bedürftigkeit, zu beschämenden Einsichten und tiefen Ängsten, könnte dies unser Selbstbild aufblähen oder verunsichern oder verletzen. Dem können wir vorbeugen, indem wir in einer Weise üben, die weitgehend ohne Identifikation auskommt.
Lassen wir uns vom Erleuchtungserlebnis des Buddha inspirieren! Das Erwachen des Buddha vollzog sich in drei Stufen. In der ersten Nachtwache, so heißt es, erinnerte sich der Bodhisatta seiner früheren Geburten. Er konnte sich genau daran erinnern, daß er im vorangegangenen Leben den und den Namen hatte, die und die Eltern, den und den Beruf. Und im Leben davor, so erinnerte er sich weiter, hatte er jenen Namen und jene Eltern usw. So wanderte seine Erinnerung viele, viele Existenzen zurück, 92 Weltzyklen sollen es gewesen sein. Im manchen Daseinsrunden erlebte sich der Bodhisatta als Tier, in anderen als Himmelswesen; alle möglichen Lebensformen hat er erinnert. Interessant ist nun, daß der Buddha bei seiner Erzählung immer sagt: ?Das war ich.” Diese Sichtweise entsprach noch weitgehend dem alten Brahmanenglauben, wonach eine Ich-Seele die Verkörperungen durchzieht wie ein Faden die Perlenkette. In dieser ersten Nachtwache wurde das Selbstbild des Bodhisatta erheblich ausgeweitet und aufgelockert, es blieb aber im wesentlichen noch ungebrochen.
In der zweiten Nachtwache passiert nun etwas ganz Neues, für Hindus völlig Unvorstellbares: der Seelen-Faden zerreißt! Da ist kein Ich-Erleben mehr, sondern ein Gewahrwerden auf und absteigender Wesenheiten. Der Psychologe würde ‘Projektion’ dazu sagen: die inneren Anteile werden als eigenständige Wesen erlebt. Nun gut. Der Bodhisatta sieht, wie die Wesen je nach ihrem Wirken wiedergeboren werden. Und nun, merken wir uns das für unsere Übung: der Bodhisatta spricht hier durchweg von den lieben Wesen, auch wenn sich einige davon so schlimm benehmen, daß sie in die Hölle wandern.
In der 3. Nachtwache zerfällt auch das Bild von den Wesenheiten. Dem Buddha offenbart sich die nackte Wirklichkeit, unverstellt von Überzeugungen, Bildern, Zugriffen jeder Art. Er durchschaut den Bewußtwerdeprozeß, entdeckt die ,Vier Edlen Wahrheiten’ - und realisiert seine Freiheit.
Was können wir nun mit dem Erleuchtungserlebnis des Buddha anfangen? Zunächst, was unsere persönliche Vergangenheit betrifft, da gilt es bewußt Verantwortung zu übernehmen, durchaus in dem Sinne: ?Das war ich”. Auch wenn wir nur ein sehr beschränktes Gedächtnis haben, wäre es heilsam, davon ausgehen, daß wir unser Schaffsal selbst produziert haben. Im Augenblick sitzen wir hier zwar wie die Heiligen auf der Matte, aber da gibt ja auch ziemlich unheilige Begehrlichkeiten und Abneigungen in uns. Es reicht schon, zu erinnern, was wir in diesem einen Leben so alles verzapft haben. Der Pali-Begriff ’sati’, der meist mit ‘Achtsamkeit’ übersetzt wird, heißt im ursprünglichen Sinne ‘Erinnerung’. Nur wenn wir mit unserer Vergangenheit klar sind, können wir unbeschwert in der Gegenwart leben. Um uns zu erinnern, brauchen wir nicht unbedingt unseren Kopf zu bemühen. Neue, frische Erinnerungen steigen auf, wenn wir still und offen unsere Gegenwart betrachten und unsere Sinneswahrnehmung wieder Kontakt zu den Gefühlen bekommt. Da mögen neben beglückenden Erinnerungen auch peinliche Vorkommnisse aufsteigen, wo wir durchaus keine rühmliche Rolle gespielt haben. Engelhaftes, Tierisches, Dämonisches, Gespensterhaftes lebt in uns, nicht nur als Erinnerungsbild, sondern es verkörpert sich in unserem Alltag. Am Anfang wird man sich vielleicht noch mit all dem identifizieren und tapfer sagen: ?Ja, das war ich” oder ?Na gut, das bin ich also auch”. So ist das erst mal eine Bereicherung des Selbstbildes bzw. eine Auflockerung, ähnlich wie sie der Buddha in der ersten Nachtwache erlebt hat.
Mit der Zeit wird es einfacher und wirkungsvoller, wenn wir uns die zweite Phase des Erwachens zum Vorbild nehmen und nicht mehr sagen: ?Das bin ich”, sondern: ?Das sind Wesenszüge oder Wesenheiten, die da aufsteigen.” Zuerst erscheint das befremdlich, aber bald gewinnt man richtigen Spaß daran. Wir identifizieren uns nicht mehr mit dem, was wir in uns vorfinden, sondern üben uns in dieser neuen Sichtweise, z.B.: ?Aha, da ist jetzt ein kleiner Dämon, der sich in mir verkörpert. Wie wütend der ist!” Wir betrachten dieses Wesen mit dem gleichen liebevollen Interesse, wie wir etwa ein spielendes Kind betrachten, mit Offenheit, Zuwendung und Mitgefühl. Gelegentlich auch mit herzlichem Vergnügen. Ja, wir sind mit offenem Herzen bei diesem Wesen, in ganz tiefem Kontakt; wir spüren genau, wie es sich anfühlt, wütend zu sein. Oder wir merken, wie da einer ganz komische Klimmzüge macht, um beachtet zu werden. Oder wir umhüllen fürsorglich ein schluchzendes Kind. Dabei können wir erstaunliche Entdeckungen machen. Da gibt es Wesen mit ganz widersprüchlichen Bedürfnissen, die scheinbar gegeneinander arbeiten. Vielleicht verkörpert sich gerade ein Wesen, das meditieren möchte. Kaum sitzen wir auf der Matte, sind ganz andere Wesen zugange, mit sinnlichen Bedürfnissen, alberne Wesen, manchmal auch ganz dumme, das kennt Ihr doch auch, oder? All dies verkörpert sich in uns, und wir sind mit Achtsamkeit und offenem Herzen dabei: ?Das lebt da jetzt in uns.”
Je mehr wir unsere ganze Wirklichkeit kennenlernen, desto unangemessener erscheint die Vorstellung, ein Einzelwesen mit klar definierbaren Eigenschaften zu sein. Wir gleichen eher einem Kosmos von Wesenheiten. Wir merken auch, wie oft Wertungen, Lob und Tadel aufsteigen: ´Das ist jetzt richtig´ - ´Das sollte besser nicht sein´. Unsere Gouvernante spielt offenbar eine bedeutsame Rolle in diesem Theater. Wir haben möglicherweise auch ziemlich penetrante Anteile in uns. Ein unerbittlicher Diktator mag uns ständig antreiben und bisweilen dem ganzen übrigen Völkchen die Lebensfreude nehmen. Ein lebensfeindliches Ideal kann uns regelrecht terrorisieren. Auch hier gilt es, offen und freundlich zu bleiben und seine innere Unabhängigkeit zu bewahren bzw. neu zu gewinnen. Wir können ein zwanghaftes Verhalten nicht mit Gewalt durchbrechen. Nur liebevolles Verstehen kann allen Zwang auflösen. Schauen wir diesem ganzen Theater vielleicht ein bißchen entspannter zu, mit Geduld und Humor. Erinnern wir uns, daß wir mit diesen lieben Wesen üben, nicht gegen sie! Wie wollen wir den rauhen Alltag mit seinen Monstern überstehen, wenn wir nicht einmal auf dem Meditationskissen mit unseren Gespensterchen klarkommen?
In einer noch späteren Übungsphase konfrontieren wir einfach den Ärger, ohne dabei an irgendwelche Wesen zu denken. Wir erforschen mit Wißbegier und Hingabe, was das eigentlich ist, woher es kommt, unter welchen Bedingungen es entsteht, wie es sich anfühlt, usw. Je vertrauter wir damit werden, desto eher merken wir: ?Ach, da sind sie ja wieder, diese Aufwallungen” und wissen immer besser damit umzugehen. Wir lernen den Gefühlen in uns Raum geben, um ihre Energie unmittelbar zu nutzen. Dabei entspannen wir uns bewußt zum Boden hin und spüren zusammen mit dem Bodenkontakt dieses Herzklopfen, dieses Zittern der Knie, das Pulsieren im Hals, usw. Wir lassen die Erregung im ganzen Leibraum sich ausbreiten, öffnen uns bis in die Zehen und Haarspitzen hinein für diese Energie und lassen sie durch uns hindurchfließen. Dabei können wir immer wieder erleben, wie es sich in unserem Gewahrsein einfach auflöst und unsere Wachheit nährt. Unsere Ärger-Energie macht uns frisch und wach wie eine belebende Dusche. Im Alltag erweist sich diese Übung als ein wahrer Segen; sie schützt uns davor, daß starke Gefühle uns überschwemmen und wir im Gefühlsdusel Unsinn machen. Wo nichts unterdrückt wird, braucht sich nichts zusammenzubrauen, anzustauen oder herauszubrechen. Ist das dann überhaupt noch Ärger? - mag man sich fragen. Was immer es sein mag, wenn wir Erregung spüren, darf sie fließen. Die bedrohlichen Einflüsse aus dem Unbewußten werden so allmählich zu nährenden Lebensströmen.
Mit dem Körpergewahrsein gewinnen wir eine bislang nicht gekannte Sicherheit und Zuversicht. Voller Vertrauen können wir die Dinge sich frei entfalten lassen und heitergelöst allem zuschauen. Da entwickelt sich das Sinnesbewußtsein immer wieder aus keimhaften Berührungen bis hin zur Anschauung der vertrauten Dinge, da entstehen Gedanken, Assoziationen, Wünsche und lösen sich wieder auf Es wird offensichtlich, daß wir mit all diesen Vorgängen nicht eben viel zu tun haben. Je weniger wir uns einmischen, desto klarer erkennen wir, wie die Dinge ganz von selber gesetzmäßig auseinander hervorgehen. Wenn die Fähigkeit des Nichtgreifens und Nichthaftens, die Gelassenheit, in Ruhe völlig ausgereift ist, könnte uns in einem gesegneten Augenblick bewußt werden, daß wir mit diesem Geschehen überhaupt nichts zu tun haben. Was immer da fließt, überschwemmt uns nicht, trägt uns nicht fort, vermag uns nicht zu beeindrucken, ja es berührt uns nicht im Geringsten! Wir merken das vielleicht zum erstenmal bei einem lauten Geräusch, das vollkommen ungehindert durch uns hindurchgeht. In diesem Augenblick könnten wir unsere Freiheit von allen Verhaftungen realisieren. Dies entspräche der dritten Nachtwache des Buddha.
Der Überlieferung nach sind in unserem Zeitalter schon vier Buddhas mit unterschiedlichen Hauptkräften erschienen. Wir haben sie alle verschlafen! Der fünfte und letzte Buddha wird ein Buddha der Liebe sein. Also: die letzte Chance, zum Erwachen zu kommen, besteht darin, unser Herz zu öffnen! Nicht mit dem Kopf - mit dem Herzen gilt es zu verstehen! Wir lernen also, alles Lebendige, das sich in uns verkörpert, zu achten und fürsorglich damit umzugehen. Wir schließen Freundschaft auch mit den fragwürdigen und unbequemen Wesenheiten in uns. Dann übernimmt in unserem Völkchen allmählich der Buddha das Regiment, der Buddha der Liebe. Ob es Angenehmes oder Unangenehmes zu erleben gibt, erinnere das Buddha-Baby in deinem Herzen und laß es an allem teilhaben. Unsere Zuflucht zum Buddha ist die Zuflucht zur erwachenden Liebe! Alles ist in Ordnung, wenn die Liebe dabei ist, wo sie aber fehlt, müssen wir sie behutsam wecken. Wir brauchen uns mit nichts zu identifizieren. Wir kommen ins Zwiespräch mit einem verdrießlichen Untermieter von uns. Oder wir entdecken einen depressiven Anteil in uns. Oder: da ist einfach dieser Zustand von Erschöpfung, den wir näher erforschen können. Das alles sind Hilfen, unsere Abwehr zu überwinden, achtsam mit uns umzugehen und ein umfassendes, liebevolles Gewahrsein zu entwickeln. Je besser wir uns selbst verstehen und annehmen können, desto leichter wird es, mit anderen Wesen klarzukommen. So, also dieses wache liebevolle Interesse für unsere Wirklichkeit, darum geht es in der Meditation.
Eine besondere Rolle in unserer Übung spielen alle Übergänge. Schon der Übergang vom Sitzen ins Stehen hinein, das Aufstehen, ist eine spezielle Achtsamkeitsübung. Probieren wir das gleich mal aus, den Anfang davon. Lassen wir uns Zeit. Zunächst werden wir uns der Startposition bewußt, wie immer sie sei, ohne gleich etwas zu bewegen wir entspannen uns in diese Körperhaltung hinein spüren den Bodenkontakt entspannen uns ganz zum Boden hin öffnen das Gewahrsein nach oben dehnen uns in die Aufrichtung hinein öffnen das Gewahrsein zum Raum um uns herum gehen achtsam in die Bewegung hinein dehnen und räkeln uns, immer in Kontakt mit unseren Gefühlen Dabei wissen wir genau was wir tun, mit welchen Körperteil wir dieses Aufstehen beginnen. Wie fühlt sich das an, wenn wir das Fußgelenk ergreifen wenn wir jetzt das Knie anheben wenn wir einen neuen Kontakt zum Boden gewinnen nun noch ein bißchen nachspüren Gut.
Es geht darum, das Gewahrsein der Übergänge zu schulen. Wir versacken mit unserer Aufmerksamkeit immer wieder in statischen, begrenzten Zuständen, statt wahrzunehmen, wie die Dinge auseinander hervorgehen, miteinander koexistieren, wie sie ineinanderfließen, wie eins das andere nährt und sich dabei verzehrt. Im Grunde geschieht das ständig, aber wir nehmen es kaum wahr. Wenn wir z.B. um uns herumschauen schon fixiert der Blick dieses oder jenes Objekt. Um von der einen Form zur anderen kommen, muß der Blick ja durch den Raum gleiten manchmal blinzeln wir auch dazwischen Kriegen wir mit, wie die Farben und Formen durch unser Sehfeld fließen, wie sie verschwinden und wieder auftauchen? Auch mit unseren Gedanken ist es so. Wir haben da vielleicht ein ganz wichtiges Problem - auch wieder so etwas Kompaktes, das unsere Aufmerksamkeit fesselt. Vielleicht interessieren wir uns bei dieser Gelegenheit mal für das Denken als solches? Was ist das eigentlich - Denken? Auch Denken ist etwas Fließendes, ist Bewegung, die man empfinden kann. Wenn wir jetzt irgendein Mantram im Geiste wiederholen würden, könnten wir es nach einiger Zeit ganz deutlich spüren. Wir würden wahrnehmen, wie das rollt und was das für Gefühle auslöst. Laßt uns das doch mal ausprobieren! Also denken und dabei spüren Denk mal bewußt den Vokal ?Aaa” jetzt das ?Uuu” und nun ?Iii” nicht wahr, das spürt man doch! Wir interessieren uns also in unserer Übung mehr für die feinen Veränderungen, als für das Statische und Feste.
Übergänge können auch Körperzonen sein. Da gibt es typische Übergangszonen, die Gelenke. Bei den aktiven Körperübungen achten wir besonders auf die Gelenke, gar nicht mal so sehr auf die Glieder als solche. Die Gelenke verbinden die Glieder mit dem Leib und die Gliedteile miteinander. Die Gelenke sind gleichsam die Weichen, die den Energiefluß bahnen in die eine oder die andere Richtung. Wenn wir der Gelenkräume nicht gewahr sind, können wir das Fließen der Gefühle nicht spüren. Eine ganz wichtige Übergangszone ist unsere Haut. Wenn z.B. die Haut an den Fußsohlen verspannt und nicht zu spüren ist, bekommen wir bei längerem Stehen gestaute Füße. Wir arbeiten nun mit unseren Übungen intensiv den ganzen Leibraum durch und lassen all diese Verspannungen in Bewegungsempfindungen und letztlich in pure Wachheit aufschmelzen. Dabei erleben wir, daß unsere Haut weniger eine Grenze ist als vielmehr ein Kontaktorgan. Überall, wo Kontakt bewußt wird, geschieht ein Austausch, dort fließt etwas, und das öffnet unser Gewahrsein und macht uns wach. Manchmal erleben wir unbequeme Gefühle wie Schwindel oder Übelkeit. Wir können das als einen Zwischenzustand der Schmelze sehen: Eis wird erst mal zu Schneematsch, dann zu Wasser, schließlich zu Dampf. Wir bleiben geduldig bei diesen Matschgefühlen, geben ihnen Raum, lassen sie sich weiter verteilen, schauen zu, wie sie sich auflösen. Wem es zu viel wird, der mag sich hinsetzen oder hinlegen. Übergänge sind auch all unsere Sinneskontakte: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Sie öffnen unser Gewahrsein zum umgebenden Raum. Bei Müdigkeit empfiehlt sich die behutsame Aktivierung der Sinne. Wir spüren etwa zur Hautoberfläche hin, zu den Haarspitzen, lauschen in den Raum hinein, öffnen die Augen oder dehnen uns ein wenig. Bei Aufgeregtheit empfiehlt sich eher die Wendung nach innen. Wir nehmen den Bodenkontakt wahr und die Schwere des ruhenden Leibraums. Überlaß alles der Schwerkraft. Alle Unruhe darf in die Erde sinken.
Die Bahnung des Leibgewahrseins unterstützen wir gelegentlich durch geeignete Vorstellungen. Wenn z.B. das Gewahrsein nach oben zu entfalten ist, dann sage ich vielleicht: ?Wir stellen uns vor, die Haare stehen zuberge…” oder ?Ein Fädchen zieht uns am Schopf zum Himmel…” Diese Bilder dienen lediglich als Schlüssel, das Gewahrsein in diesem Bereich zu öffnen. Wir sollten nicht zu sehr mit dem Willen arbeiten, sondern mehr bereit sein, uns einzulassen, uns hinzugeben. Hierzu ein kleines Experiment: Werdet euch mal eures Armes bewußt, der jetzt vielleicht irgendwo abgestützt ruht Macht euch klar, dieser Arm bewegt sich nicht von alleine Werdet euch der Muskeln bewußt, die notwendig sind, den Arm zu heben Wir innervieren behutsam diese Muskeln, ohne den Auflagekontakt gleich zu lösen und dann heben wir mittels dieser Muskeln den Arm hoch Spürt, wie sich das anfühlt! Wir heben den Arm bis über den Kopf und strecken die Hand ganz nach oben Nun laßt den Arm wieder sinken. Kleine Pause.
Laßt den Arm ruhen der darf sich ganz tief ausruhen keinen Millimeter bewegt der sich von alleine Nun spüren wir in unsere Achsel und öffnen uns dort behutsam öffnen uns im Ellenbogen im Handgelenk spüren in die Hand bis in die Fingerspitzen, Fingerzwischenräume hinein und nun folgen wir dem Bedürfnis nach weiterer Öffnung, dehnen uns noch ein bißchen nach vorn und räkeln uns dann nach oben Nicht wahr, das ist etwas völlig anderes, als wenn wir die Bewegung mit Muskelkraft machen, merkt ihr das? Wenn wir die Muskeln anspannen ist die Aufmerksamkeit beim Fleischkörper, nicht im Empfindungsleib. Der Arm ist ein materielles Ding, und ihr hebt dieses Ding mit einiger Mühe hoch. Das Dehnen in den Raum hinein ist eine völlig andere Erfahrung. Wir spannen nichts an, wir entspannen uns. Wir öffnen das Gewahrsein zum Leibraum und darüber hinaus, erleben fließende Gefühle und schließlich einfach Raum. Unser Bewußtsein wird raumartig.
Einige Leute, wenn sie meditieren, sind ständig bemüht, durch Muskelkraft mit aufgerichtetem Rücken zu sitzen. Es ist unmöglich, dabei tief zu entspannen. Es funktioniert ein paar Minuten lang und bindet enorm viel Energie. Dann wird der Rücken wieder müde und sackt zusammen. Man kann einen ganz mühelosen, aufrechten Sitz finden, indem man sich erst mal bewußt dem Boden anvertraut und sich dann nach oben in die Aufrichtung hinein entspannt. Eine Hilfe hierbei ist, wie gesagt, das Himmelsfädchen; es zieht uns sanft nach oben und wir überlassen uns diesem Zug Wie ein Hündchen, am Nackenfell gepackt, sich hochziehen läßt und alles baumeln läßt und sich schwer macht nach unten Wenn ihr diese beiden Dinge beachtet, das Sich-Niederlassen auf den Boden und das Sich-Öffnen nach oben, dann habt ihr einen mühelosen, aufrecht-entspannten Meditationssitz.
Das ganze Geheimnis des mühelosen, lustvollen Übens besteht darin, daß wir mit der Achtsamkeit von innen her Räume erschließen, nicht von außen her irgendwelche Objekte manipulieren. Den Unterschied merkst du am deutlichsten bei der Atembetrachtung. Wenn du mit der Achtsamkeit von außen an den Atem herangehst, ihn als Objekt betrachtest, mußt du ihn festhalten, um ihn nicht aus dem Gewahrsein zu verlieren. Das strengt an, und nach ein paar Atemzügen ist der frustrierte Geist woanders. Wenn du auf diese mühsame Weise unbedingt beim Atem bleiben willst, mußt Du von außen her, mit dem Willen, ständig Energie investieren. Schließlich wird der rebellische Geist müde und sagt sich: der Klügere gibt nach. Dann hast du den Trick raus, im Sitzen ‘bewußt’ schlafen zu können. - Ganz anders, wenn du den Atem vom Empfindungsleib her erschließt. Laß den Willen am besten beiseite, spür lieber. Sobald du dich in die Atemgefühle hinein entspannst, gewinnst du Raum, Weite, Wachheit. Das macht Spaß und der Geist ist voller Begeisterung dabei. Da entsteht offene Weite - und vor allem Klarheit. In der Rechten Sammlung sind Wohlgefühl, Ruhe und Klarheit miteinander verbunden. Diese Art Sammlung ist mühelos.
Festhalten verengt unser Gewahrsein, bewußtes Loslassen öffnet es wieder. Die Enge und Dumpfheit unseres Tagesbewußtseins ist zum großen Teil bedingt durch die übermäßige Bindung der Aufmerksamkeit an statische Objekte. Nun üben wir uns darin, aufmerksamer zu werden für alles, was fließt und pulsiert und sich verändert. Annähernd statisch ist zum Beispiel unsere Sitzposition. Wir sitzen also aufrecht-entspannt, der Körper darf sich ausruhen Da sind diese deutlichen Druckempfindungen im Gesäß, spür mal Bleib ein Weilchen in diesen Druckempfindungen Hilfreich mag die Vorstellung sein, daß wir die Empfindungen einfärben, um sie sichtbar zu machen. Wo sie deutlich zu spüren sind, in kräftigen Farben, und wo wir sie mehr ahnen als spüren, ganz leicht hintuschen Dabei kommen wir mit unserer Achtsamkeit immer tiefer in diesen Kontaktraum hinein spüren die Ruhe und den Frieden gut. Bleib ein Weilchen in diesem Raum, ruh dich aus ruh dich richtig aus Das ist ein wunderschöner, angenehmer Zustand, nicht wahr, aber auch etwas tranceähnlich. Würden wir bei dieser Ruhe bleiben und uns da hinein vertiefen, würden wir vermutlich einschlafen.
Da sind aber, wenn wir ganz still sitzen und in uns hineinlauschen, feine Bewegungen in uns, wie die Atembewegung oder ein ganz feines Schwanken des Körpers Das sind Empfindungen, die sich von Moment zu Moment ändern, im Gegensatz zu den annähernd statischen Druckempfindungen im Becken Diesen feinen Veränderungen gilt jetzt unser besonderes Interesse. Wo spürst du sie am deutlichsten? Wie fühlt sich das an wie weit wirken diese Empfindungen in den Leib hinein? So, wenn die Bewegung klar genug geworden ist, versuch jetzt mal beides zugleich wahrzunehmen, also die Druckempfindungen im Becken zusammen mit diesen feinen Bewegungsgefühlen Sind das eigentlich voneinander abgegrenzte Gefühle? Ist da eine Trennwand dazwischen? Was geschieht jetzt? Sind die Gefühle im Beckenraum noch statisch? Das Becken scheint mitzuatmen, oder? Ist das eine Täuschung, oder kannst du das wirklich spüren? Vielleicht entdecken wir gerade, daß unser Becken ein pulsierender, atmender Raum ist ?
Das Prinzip ist einfach. Die stabile Sitzhaltung mit den deutlichen Druckempfindungen im Becken bildet den Ankergrund für unsere Achtsamkeit. Im Stehen ist es der Bodenkontakt in den Fußsohlen. Wir bleiben ein Weilchen mit der Achtsamkeit in diesem Bodenkontakt. Wenn wir uns dort behaglich fühlen und der Schwerpunkt unseres Gewahrseins tief und sicher im Becken bzw. in der Erde ruht, können wir uns behutsam öffnen für alles, was sich bewegt. Was bewegt sich alles? Zunächst der Atem. Wir nehmen beides, die Druckgefühle im Becken und die Bewegungsgefühle des Atems, zugleich ins Gewahrsein und lassen es zusammenfließen. Später, mit zunehmender Sammlung und feinerer Achtsamkeit, entdecken wir immer mehr Bewegung in uns und um uns herum. Der schwingende Körper, fließende oder pulsierende Schmerzen, das feine Gewoge der Gemütsbewegung, Erinnerungsbilder, Wonneschauer, Geräusche wie Lachen oder fernes Rufen wir lassen alles in diesen Raum von Ruhe hineinfließen und schauen zu, wie es sich auflöst. Eine einzige große Schmelze! Unser Gewahrsein gleicht einer offene Schale, die alles in sich aufnimmt und in sich birgt. All diese zuströmenden Energien fließen in unsere Ruhe hinein, lösen sich auf, nähren unsere Ruhe, die dabei voller und tiefer wird. Ein See von Ruhe, von vielen kleinen Zuflüssen gespeist, ein Meer von Ruhe, das flutet und ebbt und doch machtvoll still ist in seinem Grunde.
Dieses unablässige Fluten und Ineinanderströmen, das wir besonders intensiv bei den Körperübungen und im nachspürenden Sitzen auf unserer Matte erleben, geschieht eigentlich immer und überall. Babys und kleine Kinder erleben es wohl noch, aber der Erwachsene muß es in der Regel durch geeignete Übungen wieder erschließen. Um wieder in Fluß zu kommen, müssen wir einfach mehr auf die Übergänge und kleinen Veränderungen achten. Es gibt im Alltag unendlich viele Gelegenheiten, Übergänge zu entdecken und näher zu erforschen. Übergänge sind z.B. das Ein- und das Ausatmen, das Beugen und Strecken der Glieder, das Hin- und das Herblicken, das Sichsetzen und das Aufstehen, das Gehen, das Kauen und Schmecken, das Entleeren von Kot und Urin, das Einschlafen und das Erwachen, und natürlich das Sterben, der Übergang von der einen Existenz zur anderen. Letzlich ist unser ganzes Leben ein einziger fließender Übergang.
Das Üben mit den Übergängen führt nach einiger Zeit dazu, daß sich eine ganz neue Dimension der Selbsterfahrung auftut. Unser gewohntes Selbstbild kommt ins Fließen: wir sind kein statisches Etwas, wir sind ein Fluß! Es ist erregend und beglückend mit allen Sinnen zu erleben, wie wir ständig in Fluß sind. Von allen Seiten her strömt es in uns hinein und durch uns hindurch, wir sind umflutet und durchflutet von Energie, von nährenden und stimulierenden Kräften! Ist das Leibgewahrsein erst einmal gebahnt und geöffnet, bedarf es keiner besonderen Mühe, es zu bewahren. Es tritt im Alltag immer mal wieder in den Hintergrund, aber kaum richten wir die Aufmerksamkeit darauf, wird uns sogleich wieder das Fließen und Fluten bewußt. Und dann - lassen wir uns ein Weilchen nähren und stillen! Wir brauchen nichts weiter zu tun, alles Wesentliche geschieht ganz von selbst, aller Segen ist im Überfluß da!
Eines will ich noch anfügen: Gehen wir ökonomisch mit dem Ertrag unserer Arbeit um! Gegen Ende der Übung lassen wir uns viel Zeit, die Ernte unser Bemühung einzuholen. Also - stell dir vor, wir haben gerade unser halbes Stündchen in Stille gesessen. Wir bewegen uns nicht sofort, wenn das Glöckchen ertönt. Erst mal nehmen wir bewußt wahr, wie es in uns ausschaut Was ist am deutlichsten zu spüren? Vielleicht fühlen wir uns erfrischt und glücklich, vielleicht aber auch müde und enttäuscht. Der eingeschlafene Fuß piekt, der Rücken tut weh Was immer es sein mag, würdige es als Erfolg deiner Übung, geh achtsam damit um! Wir bleiben still sitzen, spüren die besondere Qualität dieses Zustands, gehen noch einmal in ganz tiefen Kontakt damit so fühlt sich das an bleib dabei und erinnere zusätzlich die Körperhaltung Wir sitzen in der würdigen Buddha-Haltung mit unserer Energie, öffnen uns dafür in allen Gliedern, Organen, Geweben verkörpern es ganz Für ein paar Augenblicke werden wir zu Buddhas und Buddhinen der Freude, der Traurigkeit, des Schmerzes spür das in allen Zellen und Poren auch um dich herum laß es ausstrahlen in den Raum Und dann gehen wir behutsam in die Bewegung, dehnen und räkeln uns, lockern die Sitzposition und finden - geleitet von unseren Gefühlen - in eine bequemere Körperhaltung hinein.
Auf dieser Seite möchte ich einen kleinen Einblick in die Welt des Buddhismus geben. Dabei hoffe ich, dass meine Ausführungen auch dem Anfänger in Sachen Buddhismus verständlich und nützlich sind (Tip: einfach die Fachbegriffe in Klammern ‘überlesen’). Wem diese Einführung nicht genügt, dem empfehle ich meine Buddhismus - Links durchzusehen, denn dort sind auch einige Links zu anderen einführenden Buddhismus-Seiten zusammengestellt.
Kurze Geschichte des Buddhismus
Der erste Buddha (”Der Erwachte”), der die Lehre (”Dharma”) verbreitete, war Siddhartha (”Der sein Ziel erreicht hat”) Gautama, ein Königssohn, der ca. 565 v.u.Z. im heutigen Nepal geboren wurde. Obwohl man ihm das Leid der Welt ersparen wollte, indem man ihn von der Außenwelt abschottete, konnte er einmal seinen Bewachern entkommen und wurde mit dem Leid konfrontiert, das in den Straßen der Stadt, in der er lebte, die Menschen quälte. Im Alter von 29 Jahren beschloss er sein Haus und seine Frau mit dem gerade erst geborenen Sohn zu verlassen und sich verschiedenen asktetischen Lehrern anzuschliessen. Bald wurde ihm klar, daß er sein Ziel, die Befreiung vom Daseinskreislauf (samsara), nicht durch Askese erlangen könne, gab daher den asketischen Lebenswandel auf und wendete sich dem ‘Mittleren Weg’, d.h. der Mitte zwischen den beiden Extremen Völlerei und Askese, zu. Unter einem Bodhi-Baum sitzend erreichte er schließlich, nach langen Jahren der Übung in der Meditation, im Alter von 35 Jahren die Erleuchtung, das Erwachen (Bodhi). Ursprünglich wollte er seine Erkenntnisse anderen nicht mitteilen, da er sich bewußt war, daß man seine Erfahrung nicht mit Worten beschreiben könne. Schließlich begann er auf Bitten anderer, seine Einsichten darzulegen (er setzte das Rad des Dharma (”Lehre”) in Bewegung). Er führte bis zum Ende seines Lebens ein Wander-Dasein und zog lehrend von Ort zu Ort. Es scharten sich Jünger um ihn, die wißbegierig waren, seine Lehre aufzunehmen, und sie später in die Welt trugen. Man nannte ihn auch Shakyamuni, der Weise aus dem Geschlecht der Shakyas. Da auch Buddha vor seiner Erleuchtung schon oft wiedergeboren wurde, und er jeweils einen anderen Namen trug, beschreibt sein Name Shakyamuni Buddha das Leben, in dem er erleuchtet wurde und die Lehre verbreitete.
Shakyamuni Buddha starb im Alter von 80 Jahren an einer verdorbenen Speise.
Nach Shakyamunis Tod (ca. 480 v.u.Z.) teilte sich der Buddhismus bald in zwei grosse Schulen oder “Fahrzeuge” (für den Weg der Erlösung): Hinayana und Mahayana (näheres zu deren Unterschiede weiter unten). Später kam noch ein drittes Fahrzeug hinzu, das Vajrayana oder Diamand-Fahrzeug, das vom Tantrismus beeinflusst wurde und das man auch zum Mahayana zählen kann. Der tibetische Buddhismus (”Lamaismus”) beruht auf den Lehren des Vajrayana in Einbeziehung der tibetischen Ur-Religion “Bon”.
Trotz der grossen Vielzahl an buddhistischen Schulen ist ihnen das Ziel aller Bemühungen gemein: Die Erfahrung des Nirvana oder Erleuchtung durch intuitive (nicht-verstandesmässige) Erkenntnis der Tatsache, dass alles eins ist (”Buddha”, “Buddha-Natur”, “Das Absolute”, “Das Eine”, “Geist”). Der Term “Eingehen in das Nirvana” ist daher irreführend, denn es setzt ein Getrennt-Sein vom Absoluten voraus, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Dieses Getrennt-Sein ist eine Täuschung, eine Illusion, denn alles ist ein Teil des Absoluten (dualistische Sichtweise), ja das Absolute selbst (nicht-dualistische Sichtweise). Es ist daher angebrachter, vom “Erfahren des Nirvana” zu sprechen. (Dazu siehe auch Punkt 5 weiter unten)
Buddha lehrte den Dharma als ‘Gegenbewegung’ zum Hinduismus, der einen ewigen Lebenskreislauf (samsara) postuliert, dem kein Lebewesen je entkommen könne. Buddha hat in seiner Erleuchtung erfahren, daß es einen Ausweg gibt, nämlich das Loslassen von allem, was Leiden schaft. Somit ist der Buddhismus eine (Selbst-)Erlöserreligion. Der Mensch kann sich nur selbst, durch eigene Anstrengungen aus dem Kreislauf von Werden und Vergehen befreien.
Da es im Buddhismus keinen Gott in dem Sinne eines Schöpfergottes gibt, ist es eine atheistische Religion.In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiessen werden, dass auch Buddha kein Gott ist, sondern ‘nur’ der erste von vielen, die erleuchtet wurden und den Weg zur Beendigung des Leidens aufzeigte. Dadurch wurde er zum Stifter dieser ‘Religion’.
Die Lehre, aus der später der Buddhismus entstehen sollte, wird Dharma (Sanskrit; Pali: Dhamma) genannt. ‘Dharma’ hat viele Bedeutungen, u.a. ist es auch die Bezeichnung für die letzten Bestandteile, aus denen alles Seiende zusammengesetzt ist, die unbelebt und nicht dauerhaft sind (cf Demokrits ‘Atome’, die jedoch dauerhaft sind). Dharma mit der Bedeutung “Lehre” bezeichnet vieles, die wichtigsten Inhalte fasse ich nachfolgend kurz zusammen
Dharma - Die Lehre des Buddhismus
Die Vier Edlen Wahrheiten - Das buddhistische Glaubensbekenntnis
1. die Wahrheit vom Leiden (Duhkha)
Zu Leben bedeutet zu leiden; wollen, was man nicht bekommen kann; bekommen, was man nicht will;
die fünf Gruppen des Anhaftens (Skandha)
Leiden (Duhkha) entsteht aus: Gier (Trishna), Begehren/Hass und Verblendung bzw. Unkenntnis.
2. die Wahrheit von der Entstehung (Samudaya) des Leidens
Ursache des Leidens ist Begehren und Unwissen (der Vier Wahrheiten).
3. die Wahrheit von der Aufhebung (Nirodha) des Leidens
Sobald man nicht mehr begehrt/anhaftet, gibt es kein Leid mehr.
4. die Wahrheit vom Weg, der zur Aufhebung des Leidens führt
Das Mittel zur Befreiung vom Leiden ist der Achtfache Pfad oder Weg.
Nicht-Kenntnis der Vier Wahrheiten ist Nicht-Wissen (Avidya).
Der Achtfache Weg
1. vollkommene Erkenntnis der Vier Wahrheiten
2. vollkommener Entschluß zu Entsagung, Wohlwollen und Nicht-Schädigung von Lebewesen
3. vollkommene Rede
4. vollkommenes Handeln
5. vollkommener Lebenserwerb
6. vollkommene Anstrengung, dh. Fördern von karmisch Heilsamen und Vermeiden von Unheilsamen
7. vollkommene Achtsamkeit, dh beständige Achtsamkeit auf Körper, Gefühle, Denken und Denkobjekte (Satipatthana)
8. vollkommene Sammlung des Geistes durch Meditation
(anstelle von ‘vollkommen’ wird oft auch ‘recht’ verwendet)
Bedingtes Entstehen und Vergehen
Die zwölf Glieder des bedingten Entstehens (Nidana)
1. aus Unwissenheit (der Vier Wahrheiten) als Ursache entstehen die Gestaltungen — Avidya
2. aus den Gestaltungen als Ursache entsteht das Bewußtsein — Samskara
3. aus dem Bewußtsein als Ursache entstehen Geist und Körper — Vijnana
4. aus Geist und Körper entstehen die sechs Sinnesbereiche — Namarupa
5. aus den sechs Sinnesbereichen als Ursache entsteht die Berührung — Shadayatana
6. aus der Berührung als Ursache entsteht die Empfindung — Sparsha
7. aus der Empfindung als Ursache entsteht der Durst — Vedana
8. aus dem Durst (Gier) als Ursache entsteht das Anhaften — Trishna
9. aus dem Anhaften als Ursache entsteht das Werden — Upadana
10. aus dem (karmischen) Werden als Ursache entsteht die Geburt — Bhava
11. aus der Geburt (Jati) als Ursache entstehen Alter und Tod (Jara), Schmerz, Kummer, Leid, Betrübnis und Verzweiflung.
12. Auf solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens zustande.
(aus S XII,2)
Wiedergeburt
Buddha vertrat, wie die Brahmanen des Hinduismus, die Wiedergeburtslehre, dh. die “karmische Tatvergeltung” (Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung).
Allerdings zeigt uns der Buddha einen Ausweg aus dem Lebenskreislauf (samsara) ->1.
Übrigens ist Wiedergeburt nicht zu verwechseln mit Reinkarnation, denn letzteres setzt eine ewige Seele oder ein ewiges Selbst voraus, deren Existenz Buddha jedoch verneinte. Der Buddhismus geht davon aus, dass kein Selbst wiedergeboren wird (was dann ja Reinkarnation bedeutet), sondern vielmehr Tendenzen zum Werden, die man praktisch ‘anhäuft’. (cf Punkt 3 das bedingte Entstehen)
Erlösung
Wer die Vier Edlen Wahrheiten erkannt hat und den Achtfachen Weg gegangen ist, der wird erleuchtet und gelangt zur Erlösung. Er ‘geht ein’ in das Nirvana (etwa: “Verwehen”, oder: “der Zustand einer Flamme, wenn sie verloschen ist” [aus: “Kl. Weltgesch. d. Philos.” von H. J. Störig]), d.h. sein Durst nach Leben, aber auch nach Tod, verlischt. Es gibt zwei Arten von Nirvana: Das eine erfährt der Erleuchtete während seines Lebens, das andere danach.
Die Leere
Die Leere (shunyata) ist ein zentraler Begriff im Buddhismus. Er besagt, daß alle zusammengesetzten Dinge leer, unbeständig, nicht-wesenhaft und leidvoll sind (->Herz-Sutra). Außerdem existieren alle Dinge nur im Wechselspiel mit all den anderen Dingen (=> Jeder/jedes ist ein Teil des Ganzen und das Ganze selbst). Jeder Wirkung geht eine Ursache voraus. Im Hinayana (kleines Fahrzeug) wird die Leere nur auf die >Person< bezogen; im Mahayana (großes Fahrzeug) wird sie dagegen auf alle Dinge angewandt. Erst die Leere erlaubt die Entwicklung der Dinge. Leerheit bedeutet nicht, daß die Dinge nicht existieren, vielmehr stellen sie nichts als Erscheinungen (des Absoluten) dar.
(Teile frei übernommen aus: F-K Ehrhard, I. Fischer-Schreiber: “Das Lexikon des Buddhismus”. Goldmann Verlag, 1995)
Buddhismus und Gott
Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung ergibt sich auch, dass es nach buddhistischer Auffassung keinen Schöpergott geben kann, da dieser von Anfang an hätte existieren müssen, ohne dass ihm eine Ursache voraus gegangen wäre. Ausserdem ist der (christl.) Gott von seiner Schöpfung durch die Anhängung des Attributs ‘gut’ getrennt. Der Begriff ‘Gott’ ist also einschränkend, denn durch die festlegung auf ‘gut’ wird gleichzeitig das Böse (= ‘nicht gut’) ausgeschlossen (cf auch: Theodizee-Frage). Dieses Getrennt-Sein wiederspricht der Einheit allen Seins bzw. der Nicht-Dualität.
Daher wird der Begriff ‘Gott’ von Buddhisten nicht gerne verwendet. Lieber benutzen sie die Begriffe “Das Eine”, “Das Absolute” oder “Buddha” (”Buddha” beschreibt nämlich nicht nur eine/viele historische Person(en), sondern auch das “Absolute”), denn in diesen Begriffen wird die Allumfassenheit am besten ausgedrückt.
Es gibt im Buddhismus jedoch eine Vielzahl von Göttern, die praktisch eine Stufe über uns stehen, weil ihr Leben sehr angenehm ist. Da es aber eben so angenehm ist, streben sie nicht danach Erleuchtung zu finden. Das macht sie dem Menschen unterlegen, denn nur ein Mensch wird nach Erleuchtung streben, bedingt durch das Leiden, das in der menschlichen Welt existiert. Im Sinne des Buddhismus ist es also besser, als Mensch wiedergeboren zu werden und Erleuchtung zu suchen, denn als einer der vielen Götter.
Die Drei Kostbarkeiten
Buddha
der Erleuchtete
Dharma
die Lehre
Sangha
die Glaubensgemeinschaft
Die fünf Gebote des Buddhismus
1. Töte kein Lebewesen
2. Nimm nicht, was dir nicht gegeben
3. Sprich nicht die Unwahrheit
4. Trinke keine berauschenden Getränke
5. Sei nicht unkeusch
cf: Hans Joachim Störig, Weltgeschichte der Philosophie. S.59f
vergleiche hierzu: Die Zehn Kais
Was ist der Unterschied zwischen Theravada und Mahayana?
Theravada
Theravada ist die einzige Form des Hinayana, die heute noch existiert. Hinayana bedeutet übersetzt ‘Kleines Fahrzeug’ und ist eigentlich eine degradierende Bezeichnung dieses Weges durch die Mahayanisten. Theravada heisst ‘Weg der Alten’ und man könnte es als Ur-Buddhismus bezeichnen, da sich der Theravada-Buddhismus auf Texte bezieht, die sehr alt und direkt von Buddha überliefert sind. Sie sind im Pali-Kanon zusammengefasst. Aus diesem Grund erkennt das Hinayana das Mahayana nicht als orthodox an, da das Mahayana auch Texte einschliesst, die nicht dieser direkten und ursprünglichen schriftlichen Übertragung angehören. Das Ideal des Theravada ist der Arhat, der Erwachte, der nach seinem Tod in das Nirvana eintritt. Erwachen kann laut Theravada nur ein Mönch, der seinen ganzen Lebensablauf auf das Erlangen dieses Ziels ausrichtet. Der Theravada ist hauptsächlich in Südostasien verbreitet: Sri Lanka, Burma, Thailand, Laos und Kambodscha.
Mahayana
Mahayana bedeutet übersetzt ‘Grosses Fahrzeug’ und unterscheidet sich vom Theravada durch den Wunsch, alle Lebewesen zu erlösen, wohingegen der Theravada nur seine eigene Erlösung anstrebt. Die Grundlage des Mahayana ist das Mitgefühl. Das Ideal der Mahayana ist daher der Bodhisattva, das Erleuchtungswesen, das aus Mitgefühl auf sein Erlöschen im Nirvana verzichtet und solange den Lebenskreislauf des samsara nicht verlässt, bis alle Lebewesen erlöst sind (”Bodhisattva-Gelübde”).
Im Mahayana können auch Laien das Nirvana verwirklichen.
Buddhisten in der Welt
Da der Buddhismus eine sehr weltoffene und tolerante Religion ist, schliesst seine Lehre eine Zugehörigkeit zu einer weiteren Religion nicht aus. Daher kann man die Zahl der Buddhisten nicht genau ermitteln. Schätzungsweise gibt es jedoch zwischen 150 und 500 Millionen Buddhisten auf dieser Erde.
Anteil der Buddhisten an der Bevölkerung in Prozent
Afrika 0,05%
Australien 0,09%
Bhutan 72%
Burma 87%
Nordamerika 1,3%
China 9%
Deutschland <<1%
Europa 1,0%
GUS 0,5%
Japan 77%
Kambotscha 90%
Laos 58%
Malaysia 17%
Mongolei 90%
Nepal 50%
Sri Lanka 70%
Südamerika 0,08%
Süd-Korea 51%
Taiwan 43%
Thailand 95%
Vietnam 55%
aus: DER SPIEGEL Nr.16/98, Seite 110
Einleitung
Diese Schrift über Zazen basiert auf Meister Dogens Fukan Zazengi sowie auf Kommentaren und Schriften über Zazen von Kodo Sawaki, Uchiyama Roshi und Gudo Nishijima. Beeinflusst wurde diese des Weiteren von Muho, dem gegenwärtigen Abt von Antaiji, Sodo Yokoyama, Brad Warner sowie meinen bisherigen Zazen-Lehrern.
Ziel des Textes ist es, eine möglichst klare, ausführliche und verständliche Anleitung für die authentische Zazen-Übung nach Dogen Zenji zu geben. Die Anleitung zum Zazen wurde über Jahre hinweg immer wieder verfeinert und erweitert. Dies ist nun die erste robuste Fassung, was aber nicht bedeutet, dass der Text nun endgültig “fertig” ist.
Ich hoffe dich mit dieser “Anleitung zum Zazen” zur eigenen Zazenpraxis zu motivieren, denn nur wenn diese in die Praxis umgesetzt wird, ist sie von Wert.
Zazen
Wird Zazen direkt Übersetzt, bedeutet es “Sitzen (Za) im ausgeglichenen Zustand von Körper und Geist (Zen)” oder auch “Sitzen (Za) in (der) Wirklichkeit/Wahrheit (Zen)”. Gautama Buddha war vermutlich der erste Mensch, der Zazen in der hier beschriebenen Form praktizierte. Aufgrund dessen, was Buddha in der Zazenübung verwirklichte, entstand später seine Lehre - der Buddhismus.
Durch das aufrechte Sitzen in Zazen realisierte Gautama Buddha intuitiv, dass er weder in seinen Gedanken und Ideen über die Wirklichkeit, noch in seiner Wahrnehmung dieser, sondern in der Wirklichkeit selbst lebte. Folglich lehrte Buddha seinen Schülern ebenfalls regelmäßig Zazen zu üben, und seine Lehre nicht nur intellektuell zu studieren. Es ist genau dieses Zazen, das von Patriarch zu Patriarch, von Buddha zu Buddha, bis heute als die Essenz des Zen weitergegeben wurde.
Meister Dogen schreibt hierzu im Zazenshin: “Wenn wir im Allgemeinen davon sprechen, dass der Buddha-Dharma im westlichen Himmel und in den östlichen Ländern überliefert wurde, heißt dies immer, dass das Sitzen als Buddha weitergegeben wurde. Das Wesentliche ist also, als Buddha zu sitzen. Wenn Zazen nicht weitergegeben wird, wird auch der Buddha-Dharma nicht weitergegeben. Allein dieser Sinn des Zazen wurde direkt von einem rechtmäßigen Nachfolger zum nächsten überliefert.”
Zazen praktizieren bedeutet, sich aufrecht in der richtigen Körperhaltung auf ein Kissen zu setzen, alle Gedanken und Gefühle loszulassen und einfach nur zu sitzen. Durch die senkrechte Körperhaltung und die tiefe Atmung kommt unser Autonomes Nervensystem in sein natürliches Gleichgewicht, Körper und Geist werden eins, und wir verwirklichen direkt die Wirklichkeit jenseits unserer Gedanken und Gefühle.
Durch dieses Tun realisieren wir intuitiv, dass nicht nur Körper und Geist, sondern auch wir selbst und das gesamte Universum, nicht getrennt voneinandern - sondern eins sind.
Dogen schreibt im Shobogenzo Bendowa, “Zazen ist das wahre Tor zum Dharma.” Wenn wir Zazen praktizieren, verwirklichen wir direkt den Dharma - die schlichte Wirklichkeit so wie sie ist - ohne Färbungen und Verzerrungen durch unsere Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Ängste etc. Es handelt sich dabei jedoch nicht nicht um einen speziellen, entrückten, “spirituellen” Geisteszustand. Wir gehen vielmehr einfach einen Schritt zurück - vor alle “Zustände”.
Shikantaza
Shikantaza bedeutet “nichts anderes tun als sitzen”, und stellt die reinste Form des Zazen dar. Meister Dogen legte großen Wert auf diese ursprüngliche, transparente Form der Übung.
“Einfach nur sitzen” bedeutet vor allem Zazen für Zazen zu tun - ohne irgendetwas zu erwarten. In der Praxis bedeutet dies, sich vollständig Zazen hinzugeben, und nichts anderes zu tun als mit Fleisch und Knochen zu sitzen. Zazen ist weder eine Meditation, noch eine Konzentrationsübung. Zazen ist keine Übung die zum Erwachen führt. Zazen ist das Erwachen - Zazen erwacht zu Zazen. Übung und Erwachen können nicht voneinander getrennt werden: Ohne Erwachen keine Übung, ohne Übung kein Erwachen.
Shikantaza bedeutet auch, dass Zazen letztendlich die essentielle Übung ist. Dogen sagte, dass “Einfach nur sitzen” genügt und es nicht notwendig ist, Sutren zu rezitieren, Mantras aufzusagen, Räucherwerk zu verbrennen, Zeremonien auszuführen oder irgendwelche Heiligen zu verehren.
“Nichts anderes tun als sitzen”, ist auch im praktischen Sinne wörtlich gemeint. Denn es gibt in der authentischen Zazen-Praxis keine Hilfen oder Stützen. Wir konzentrieren uns nicht auf die Atmung, zählen nicht die Atemzüge, meditieren nicht über etwas, beobachten nicht unsere Gedanken oder versuchen ein Koan zu lösen. Wir sitzen einfach nur mit ganzem Herzen Zazen - ohne etwas hinzuzufügen.
Zazen und das Autonome Nervensystem
Da Zazen einen starken Einfluß auf unser Autonomes Nervensystem hat - und diese Tatsache gerade in unserer wissenschaftlich orientierten Zeit recht bedeutend ist - möchte ich hier kurz auf die Grundlagen des Autonomen Nervensystems in Zusammenhang mit der Zazen-Praxis eingehen. Grundlage hierfür ist ein Vortrag von Gudo Nishijima.
Das Autonome Nervensystem besteht aus zwei Teilen - dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem. Diese beiden Teile des Autonomen Nervensystems funktionieren auf entgegengesetzte, polare Weise.
Wenn das sympathische Nervensystem stärker ist als das parasympathische, sind wir angespannt, haben wenig Appetit, leiden an Schlaflosigkeit usw.
Wenn hingegen das parasympathische Nervensystem stärker ist - sind wir matt, haben einen ausgeprägten Appetit, schlafen viel etc.
Kurz gesagt sorgt der Sympathikus für Spannung, während der Parasympathikus für Entspannung sorgt. Wenn einer der beiden Teile zu aktiv, und das Autonome Nervensystem nicht im Gleichgewicht ist, ist unser ganzer Körper - und somit auch unser Geist - ebenfalls nicht im Gleichgewicht. Dies hat zur Folge, dass wir uns nicht wohl fühlen und dazu neigen, unausgeglichen und einseitig zu handeln. Gautama Buddha lehrte den Weg der Mitte - den ausgeglichenen Zustand von Körper und Geist zu verwirklichen, und richtig zu handeln. Dies ist nur möglich, wenn unser Autonomes Nervensystem im Gleichgewicht ist. Daher ist dieses für die Zen-Praxis von großer Bedeutung, auch wenn das Autonome Nervensystem vor 2500 Jahren zur Zeit Gautama Buddhas als solches noch nicht bekannt war.
Es ist nicht möglich, das Autonome Nervensystem willentlich zu steuern, und dieses so wieder ins Gleichgewicht zu bringen, da dieses - wie der Name schon sagt - autonom ist. Gautama Buddha hat jedoch eine Übung entdeckt, durch die unser Autonomes Nervensystem auf natürliche Weise wieder ins Gleichgewicht kommt - Zazen.
Durch die natürliche, aufrechte Körperhaltung, und die tiefe Atmung beim Zazen, kommen Sympathikus und Parasympathikus ganz automatisch in ihren ausgeglichenen Zustand. Sind beide Teile fast völlig im Gleichgewicht, scheinen sich diese gegenseitig aufzulösen, und “Körper und Geist fallen ab - shinjin datsuraku” wie Meister Tendo Nyojo, der Lehrer von Dogen, dies ausdrückte. Auch hier sei wieder darauf hingewiesen, dass es sich hier nicht um die Beschreibung eines “mystischen”, “spirituellen” Zustandes handelt. Es ist nicht so, dass sich unser Körper und Geist beim Zazen plötzlich “auflösen” würden und wir dann nurnoch in irgendeiner “erleuchteten”, “spirituellen” Form existieren. “Körper und Geist fallen ab” bedeutet lediglich, dass unsere Konzepte von “Körper und Geist” abfallen, und wir uns so völlig auf das Sitzen selbst einlassen können.
Zazen praktizieren
shikantaza Ich will nun die praktischen Aspekte der Zazen-Praxis auf Grundlage von Dogens Fukan Zazengi beschreiben.
Zazen wird am besten in einer Gruppe geübt, alleine ist es in der Regel schwierig - vor allem am Anfang. Zum einen entsteht in einer Gruppe eine gewisse Gruppendynamik, die verhindert dass wir nach ein paar Minuten sobald wir keine Lust mehr haben gleich wieder mit dem Zazen aufhören. Zum anderen gibt es in einer Gruppe in der Regel Übende, die schon länger praktizieren und uns auf mögliche Fehler aufmerksam machen können. Diese Fehler, wie zum Beispiel eine falsche Körperhaltung, können sowohl geistige wie auch körperliche Schäden verursachen, und so dazu führen, dass die Praxis voreilig wieder aufgegeben wird.
In fast jeder größeren Stadt gibt es die Möglichkeit, in einer Gruppe oder einem Dojo zu praktizieren. Hierbei sollte es sich um ein Dojo handeln, in dem authentisches Zazen (Shikantaza) praktiziert wird.
Falls es kein Dojo in deiner Nähe gibt, ist es immernoch besser alleine zu praktizieren, als garnicht. Wenn möglich solltest du aber, auch wenn das nächste Dojo weiter entfernt ist, dieses trotzdem regelmäßig zur Selbstkontrolle aufsuchen.
Es ist von großer Wichtigkeit, möglichst täglich zu üben. Durch die regelmäßige, tägliche Praxis dehnt sich der ausgeglichene Zustand von Körper und Geist - der sich ganz natürlich in Zazen einstellt - Schritt für Schritt auf den gesamten Alltag aus.
Normalerweise dauert eine Zazenperiode 30 bis 45 Minuten. Zu Beginn ist dies jedoch für die meisten etwas zu lange, daher ist es besser mit 20-30 Minuten anzufangen, und die Dauer dann langsam auf 30-45 Minuten auszudehnen. Zazen wird am besten früh am Morgen bei Sonnenaufgang, oder abends bei Sonnenuntergang geübt.
Für Zazen ist ein möglichst ruhiger, sauberer und heller Raum geeignet. Der Raum sollte angenehm warm im Winter, und kühl im Sommer sein, sowie möglichst frische, lebendige Luft enthalten.
Zwischen einer Mahlzeit, und dem Beginn von Zazen, sollte einige Zeit (mindestens 30 Minuten) vergangen sein - auch sollten weder Alkohol noch sonstige Drogen Körper und Geist trüben.
Zazen wird mit dem Gesicht zur Wand geübt. Lege hierzu ein Zabuton (Sitzmatte, kann auch ein einfacher Teppich sein) auf den Boden vor die Wand, und auf dieses ein Zafu (schwarzes Sitzkissen, mit Kapok gefüllt) (Bild 1). Zwischen der Sitzmatte und der Wand sollte ein Abstand von ca. 1m liegen.
In vielen Gruppen und Dojos gibt es bestimmte Regeln zur Art und Weise wie wir uns hinsetzen sollen. Diese können je nach Tradition etwas variieren, daher ist es am besten diese direkt vor Ort zu erfragen. Ich will hier nun eine weit verbreitete Variante beschreiben.
Bevor du dich hinsetzt machst du eine kleine Verbeugung in Gassho zur Wand hin, drehst dich dann nach rechts um 180 Grad zur Raummitte hin um, und machst nochmals Gassho (Bild 2). Gassho ist hier eine Geste des Respektes und der Wertschätzung der eigenen Übung, sowie der Übung der anderen Praktizierenden. In Gassho werden die Hände so zusammengelegt, dass die Fingerspitzen in Höhe der Nase und die Arme waagerecht sind (Bild 9). Die Hände sollten dabei weder zu nahe am Gesicht, noch zu weit vom Gesicht entfernt sein.
Die Zazen-Haltung
Setz dich in Richtung Wand auf den vorderen Teil des Sitzkissens, und kreuze die Beine in der vollen, halben oder viertel Lotushaltung. In der vollen Lotushaltung wird der rechte Fuß auf den linken Oberschenkel und der linke Fuß auf den rechten Oberschenkel gelegt (Bild 3).
Ist dir das nicht möglich, legst du einfach nur den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel, und lässt den anderen Fuß auf dem Boden unter dem linken Oberschenkel ruhen (Bild 4). Es ist natürlich auch möglich, die Füße jeweils umgekehrt zu kreuzen. Die Knie sollten fest auf dem Boden aufliegen, und das Gewicht des Körpers gut auf Knie und Sitzknöchel verteilt sein. Der Schwerpunkt sollte im Unterbauch, unterhalb des Nabels im Tanden, liegen.
Ist es dir nicht möglich, die Beine im halben Lotussitz zu verschränken, kannst du auch im viertel Lotussitz oder einer anderen, für dich geeigneten Haltung sitzen. Wenn du im halben oder viertel Lotus sitzt, ist es wichtig bei jedem Zazen die Beine zu wechseln.
Sitze nun mit natürlich gestreckter Wirbelsäule so aufrecht, dass dein Körper so weit wie möglich zwischen Himmel und Erde ausgedehnt ist. Das Kinn wird leicht eingezogen und der Nacken gestreckt (Bild 5). Ist die Haltung zu schlaff wird dein Rücken rund, sitzt du mit zuviel Spannung entsteht ein Hohlkreuz. Beides sollte vermieden werden. Meister Sawaki sagte man solle so sitzen als “ob wir den Himmel mit der Schädeldecke stützen wollen.”
Es ist wichtig, dass du beim Zazen ein Sitzkissen mit der richtigen Höhe verwendest. Dieses sollte es dir erlauben, dein Becken ohne große Anstrengung so weit nach vorne zu kippen, dass du ohne größere Mühe aufrecht sitzen kannst. Die Ursache für die meisten Probleme bei der Zazenhaltung ist eine falsche Position/Neigung des Beckens, daher solltest du diesem entsprechende Beachtung schenken.
Sitze also weder nach links, noch nach rechts, weder nach vorne noch nach hinten geneigt - sondern möglichst aufrecht und gerade. Dies ist der wichtigste Punkt beim Zazen. Die Ohren sollten in einer Linie mit den Schultern und die Nase in einer Linie mit dem Nabel sein (siehe Bild 5 und 7).
Ist der Körper aufgerichtet, pendle dich in immer kleiner werdenden, kreisenden Bewegungen langsam von links nach rechts ein, um so das richtige Gleichgewicht in der Senkrechten zu finden (Bild 6). Sitze möglichst im Zuge der Schwerkraft, so dass du nur wenig Kraft benötigtst um die aufrechte Körperhaltung beizubehalten. Lege nun die rechte Hand auf den oberen Fuß, und die linke Hand in die rechte Hand. Die Handkanten berühren dabei den Unterbauch, die Daumenspitzen haben leichten Kontakt zueinander. Die Daumen bilden eine gerade Linie, zeigen weder nach oben noch nach unten, und können leicht am Unterbauch anliegen. Die Hände bilden dabei ein schönes großes Oval (Bild 8). Wenn du nicht im halben- oder vollen Lotus sitzt, kann es hilfreich sein eine kleine Stütze (z.B. ein zusammengerolltes Kleidungsstück) auf die Oberschenkel zu legen, um dann die Hände darauf auflegen zu können.
Ist der Nacken gestreckt, und das Kinn leicht zurückgezogen, fällt der Blick ganz natürlich um ca. 45 Grad nach unten auf einen Punkt auf dem Boden. Die Augen sollten nicht geschlossen werden, da dies leicht zu einem schläfrigen, dumpfen Zustand führt. Wir ziehen uns während Zazen nicht nach “Innen” zurück, sondern hören auf “Innen” und “Außen” zu fabrizieren - daher sollte der Blick klar und die Augen ganz natürlich geöffnet sein. Der Mund ist geschlossen, die Zunge liegt am oberen Gaumen an, und die Zungenspitze berührt leicht die oberen Schneidezähne.
Während Zazen ist es von größter Bedeutung, nicht von der Haltung abzuweichen. Sobald du merkst, dass deine Daumen nach unten fallen, dein Kopf nach vorne fällt oder du sonst irgendwie von der Haltung abweichst, korrigiere dich sofort. Dies ist der wichtigste Punkt beim Zazen.
Atmung und Spannkraft beim Zazen
Die richtige Atmung stellt sich ganz automatisch mit der richtigen Haltung und Spannkraft des Körpers beim Zazen ein. Ist die Haltung korrekt, und somit unser körperlicher Schwerpunkt im Unterbauch (Tanden), wird die Atmung ganz automatisch tief und ruhig. Atme zu Beginn des Zazen ein oder zwei Mal vollständig mit dem Mund, aus dem Unterbauch, ein und aus. Während Zazen atme einfach ganz natürlich vom Unterbauch aus durch die Nase ein und aus.
Es ist nicht notwendig, die Atmung während Zazen bewusst zu kontrollieren. Die korrekte Atmung ist keine Sache des Tuns, sondern des Zulassens. Unser Körper reguliert die Atmung ganz von alleine - unser Eingreifen würde diese natürliche Regulierung nur behindern. Auch konzentrieren wir uns während Zazen nicht auf den Atem oder beobachten diesen. Wir achten einfach ein wenig darauf, dass wir vom Unterbauch ausgehend durch die Nase atmen, genauso wie wir darauf achten, dass unser Kopf nicht nach vorne fällt. Es ist wichtig, aus dem Atem kein Konzentrationsobjekt zu machen - den Atem nicht als etwas Getrenntes zu betrachten auf den “wir” uns konzentrieren. Am besten ist es den Atem einfach zu vergessen und sich ganz dem Sitzen zu widmen.
Die Schultern sollten entspannt werden, jedoch vielmehr so, dass du dich in die Schultern fallen lässt, anstatt diese fallenzulassen bzw. nach unten zu drücken. Bei jedem Entspannen ist es wichtig nicht zusammenzusacken, die aufrechte Haltung beizubehalten. Achte darauf, weder mit zuviel, noch mit zuwenig Spannkraft, zu sitzen. Im Idealfall sitzt du ganz im Zuge der Schwerkraft, brauchst wenig Kraft um aufrecht zu sitzen - aber deine Haltung ist trotzdem aufrecht und voller Energie.
Kodo Sawaki sagte hierzu, “Erwachen bedeutet reine Klarheit mit dem Körper zu erfühlen. Das bedeutet, dass du über den Geist Buddhas verfügst, wenn deine Muskeln und Sehnen so angeordnet sind wie die Muskeln und Sehnen Buddhas. Zazen zu üben bedeutet sich auf diese Weise mit dem Universum auf gleiche Wellenlänge zu bringen, und das bedeutet wiederum das eigene Barometer, das am Verrücktspielen war, zurück zum exakten Funktionieren zu bringen. Was du als Mensch darstellst hängt von der Spannung und Ordnung deiner Muskeln und Sehnen ab. Erwachen bedeutet das richtige Gleichgewicht in der Spannung von Muskeln und Sehnen zu erfühlen. Wenn der Körper sein natürliches Gleichgewicht erreicht, ist das das Erwachen.”
Bei jeder Anweisung bezüglich der Haltung und Spannkraft ist es notwendig, diese mit Vorsicht und Vernunft umzusetzen. So sollte z.B. das Kinn zwar etwas eingezogen sein, aber eben nur etwas und nicht mit Gewalt. Entsteht ein Doppelkinn, ist das Kinn bereits zu weit eingezogen, oder die Haltung der Wirbelsäule ist nicht korrekt. Auch sollte die Haltung zwar aufrecht sein, aber “aufrecht in der Senkrechten sitzen” bedeutet nicht, die natürlichen Kurven der Wirbelsäule zu korrigieren.
Ein anderer oft falsch verstandener Punkt ist der Blick beim Zazen. Dieser sollte um ca. 45 Grad nach unten gerichtet sein, aber nicht so, dass du mit Anstrengung den Blick nach unten drückst. Vielmehr sollte sich dieser natürlich und entspannt bei ungefähr 45 Grad niederlassen. Ob dies nun bei 40 oder 50 Grad passiert, macht keinen Unterschied.
Kurz gesagt sollte beim Umsetzen der Anweisungen der gesunde Menschenverstand nicht ausgeschaltet werden. Am besten ist es, einen guten Lehrer zu finden, der die Haltung regelmäßig überprüft und wenn notwendig korrigiert. Aber auch hier ist Vorsicht notwendig - nicht jeder sonst vielleicht ganz gute Zen-Lehrer hat unbedingt die notwendigen Kenntnisse darüber was denn nun eine richtige Haltung ist und was nicht.
Die Geisteshaltung beim Zazen
Sobald wir in der korrekten Zazenhaltung sitzen, stellt sich uns in der Regel die Frage, was wir denn nun tun sollen. Hier kommt wieder der Begriff Shikantaza ins Spiel, “nichts anderes tun als sitzen”. Sitze einfach nur Zazen, vollständig mit Körper und Geist. Tue nichts anderes als einfach nur in der korrekten Zazenhaltung zu sitzen. Mit ganzem Herzen zu sitzen, das ist alles.
Sitzen wir aber in Zazen, fangen wir in der Regel an, zunächst ohne uns dessen bewusst zu sein, über irgendetwas nachzudenken. Zum Beispiel über die Arbeit, die Freundin, einen Film, ans Abendessen, oder wir denken vielleicht darüber nach ob wir denn nun richtig Zazen machen oder nicht. Vielleicht fällt uns auch irgendein berühmter Ausspruch eines Meisters ein, oder wir grübeln darüber nach wieviel Zeit denn nun schon in Zazen vergangen sei.
Wenn wir dies tun, denken wir aber und machen nicht mehr Zazen. Wir sind getrennt von Zazen, getrennt von unserer Lebenswirklichkeit, getrennt von der Wahrheit, getrennt vom Universum. Daher ist es entscheidend, dass wir, sobald wir merken dass wir von Zazen abgekommen sind, wieder mit Fleisch und Knochen zurückzukehren zur Zazenhaltung und unsere Gedanken loslassen. Dieses mit Fleisch und Knochen ist wörtlich gemeint, denn Zazen machen wir mit dem Körper, und denken es nicht nur. Zu Zazen zurückzukehren bedeutet also nicht zu denken “Ich mache Zazen, ich bin mir dessen bewusst”, sondern wir lassen das Denken einfach beiseite und sitzen einfach nur. Zazen ist eine Handlung, und immer wieder zu dieser zurückzukommen, ist es worauf es beim Zazen ankommt. Wenn wir uns in Gedanken verlieren, fällt uns in der Regel der Kopf etwas nach vorne, oder die Daumen fallen nach unten etc. Wenn wir dies merken, korrigieren wir einfach die Haltung und kehren zur korrekten Zazenhaltung zurück. Das ist alles.
In Zazen kommen wir also immer wieder zu Zazen, zu unserer Lebenswirklichkeit zurück. So können wir intuitiv verstehen, dass unsere Gedanken eben nur Gedanken sind, die meist zufällig entstehen und keine wirkliche Grundlage, keine Substanz besitzen. Diese Gedanken sind nicht als etwas Negatives zu betrachten, aber man muss deren wahren Wert sehen. Es sind lediglich Sekretionen unserer Hirnrinde, es ist also nicht notwendig diesen blindlings zu folgen und uns in sie verstricken zu lassen.
Dies wird oft missverstanden, und so ist die Idee, Zazen würde bedeuten garnicht mehr zu denken - keine Gedanken mehr zu haben, weit verbreitet. Dem ist aber ganz und garnicht so. Da dieser Punkt sehr wichtig ist, will ich an dieser Stelle kurz auf eine bekannte Begegnung zwischen Meister Yakusan und einem Mönch eingehen: Meister Yakusan machte gerade Zazen als ein Mönch kam und ihn fragte “Was denkt Ihr während Zazen?” Yakusan antwortete “Ich denke aus dem tiefen Grund des Nicht-Denkens.” Darauf fragte der Mönch weiter, “Wie kann man aus dem tiefen Grund des Nicht-Denkens denken?” und Meister Yakusan antwortete “Jenseits des Denkens.”
Hishiryo (”Jenseits des Denkens”) ist Zazen. Hishiryo bedeutet mit Fleisch und Knochen jenseits des Denkens und des Nicht-Denkens einfach Zazen zu praktizieren. Es ist also weder Denken noch Nicht-Denken sondern geht weit über beides hinaus - Zazen ist ein wirkliches Tun.
Dies bedeutet völlig im Hier und Jetzt zu sitzen, ohne sich um den Zustand seines Geistes zu kümmern. Wir versuchen weder die Gedanken anzuhalten, noch versuchen wir herauszufinden wo diese herkommen oder unsere Gedanken zu beobachten. Auch folgen wir den Gedanken nicht, sondern kommen einfach immer wieder zu unserer Lebenswirklichkeit, zu Zazen zurück. Es ist hierbei wichtig, die Gedanken nicht als etwas konkretes zu behandeln, sondern diesen einfach keine weitere Beachtung zu schenken. Wir sitzen “jenseits des Denkens”, inmitten der Gedanken.
Die Gedanken anhalten zu wollen ist nicht nur falsch, sondern schlichtweg absurd. Wer seine Gedanken willentlich unterdrückt wird hiervon höchstens krank, aber mit Zazen hat das absolut nichts zu tun. Sobald Gedanken aufsteigen, ist es richtig diesen nicht weiter zu folgen - dann vergehen diese von alleine. Aber auf keinen Fall dürfen wir während Zazen das Aufsteigen der Gedanken verhindern oder unterdrücken wollen. Ganz im Gegenteil - wir sollten während Zazen alles frei aufsteigen lassen, egal was es ist - ohne zu zensieren oder zu bewerten.
Auch ist unser Zazen nicht nur dann gut, wenn wir einen klaren Geist haben. Denn es ist die Natur unseres Gehirns, dass wir Gedanken haben und uns manchmal von diesen ablenken lassen. Der entscheidende Punkt liegt darin, dies rechtzeitig zu merken, und immer wieder zur Wirklichkeit, zu Zazen aufzuwachen. Auch kann es passieren, dass wir schläfrig sind und vor uns hindösen. Hier ist es ebenfalls notwendig aufzuwachen, und mit Körper und Geist zur Zazen-Wirklichkeit zurückzukehren. Es ist weder notwendig noch hilfreich sich während Zazen darüber zu ärgern, dass man sich nicht konzentrieren kann oder nicht gut sitzt. Ganz im Gegenteil ist es am besten dies einfach zu akzeptieren. Wir sollten nicht zwischen ruhigem und unruhigem Zazen unterscheiden, denn beide sind lediglich verschiedene Seiten ein und derselben Sache.
Shikantaza bedeutet also einfach in der korrekten Zazenhaltung zu sitzen. Es ist hierbei nicht notwendig, die Atemzüge zu zählen, sich auf den Atem zu konzentrieren, über etwas zu meditieren, oder sich mit einem Koan zu befassen. Denn wenn wir dies tun, ist es nicht mehr Shikantaza, sondern eine Praxis um die Gedanken zu beruhigen, oder einen besonderen Geisteszustand zu erreichen. Sitze einfach in Zazen und lass alles wie es ist. Das essentielle beim Zazen ist die Handlung des Sitzens selbst - das Tun, der Prozess des Sitzens. Wir tun nicht nichts, sondern wir sitzen. Und wenn wir wirklich “nichts anderes tun als sitzen” realisieren wir intuitiv, dass nicht wir, sondern dass das ganze Universum mit dem ganzen Universum durch das ganze Universum im ganzen Universum sitzt. Da gibt es kein “Ich” mehr das sitzt, da ist nurnoch “Sitzen” - Zazen macht Zazen.
Ich glaube, dass ich hier viel zu viel über Zazen geschrieben habe. Denn es besteht leicht die Gefahr, dass man während Zazen über diese Dinge nachdenkt, anstatt wirklich mit ganzem Herzen Zazen zu üben.
Anfang und Ende der Zazen-Praxis ist es, die richtige Haltung einzunehmen, diese beizubehalten und einfach mit dem ganzen Sein zu sitzen. Während Zazen sollten wir einfach alles vergessen - jede Unterweisung, jedes Koan, jede Geisteshaltung, jede Zazen-Anleitung.
Kodo Sawaki über Zazen
Zum Schluss noch einige erhellende Kommentare und Aussprüche von Meister Kodo Sawaki über Zazen:
Zazen bedeutet Buddha mit dem menschlichen Körper zu erschaffen.
Deine Illusionen wirst du nie vollkommen ausrotten: “Ich will ja nicht angeben, aber Illusionen habe ich nun gar keine mehr!” Versuche nicht, Zazen so zu praktizieren, als wolltest du eine Zwiebel schälen. Selbst wenn du auf diese Weise “Satori” oder was auch immer bekommst - das ist nicht echt. Praktiziere Zazen lieber mit diesem Normalbürger-Geist, mit all deinen Illusionen und Trieben. Setz’ dich mit diesem Leib, so wie er in den sechs Welten des Leidens herumirrt, einfach in Zazen - wenn du auf diese Weise einfach sitzt, sind dein Affengeist und Pferdewille selbst Undenken, deine Illusionen sind so wie sie sind unbefleckte Wahrheit. Das ist es, was Dogen Zenji im “Eihei Koroku” den “Lotus inmitten des Feuers” nennt.
Wenn du dich hängen lässt, “hängt” auch dein Geist. Nimmst du eine würdevolle Haltung an, verleiht das auch deinem Geist Würde. Wenn es uns deshalb darum geht, so wie Shakyamuni Buddha zu werden, müssen wir erstmal eine Haltung annehmen, die so fest wie die Shakayamunis ist. Auf diese Weise schalten wir auf die selbe Wellenlänge wie Shakyamuni: Die Form bestimmt den Inhalt.
Buddha ist kein Begriff. Wenn wir unsere Muskeln und Sehnen ins Gleichgewicht bringen, wird dieser Körper selbst Buddha. Die Übung selbst ist Satori. Die Form ist der Geist. Die Haltung ist der Weg.
Wieso ist Zazen so erhaben? Weil das Universum erhaben ist. Die kosmische Ordnung ist erhaben. Zazen bedeutet einfach, der kosmischen Ordnung zu folgen. Wenn wir uns in diesem Körper mit dem Universum vereinigen, dann manifestiert sich das in der erhabenen Form des Zazen. Was könnte es deshalb großartigeres für einen Menschen geben als Zazen zu üben?
Ich vertraue darauf dass Zazen eins ist mit diesem Sawaki. Zazen ist Sawaki, Sawaki ist Zazen. Und dazwischen gibt es nicht die kleinste Lücke. Das ist gar nicht so einfach. Gewöhnlich denkst du in Zazen an das Mädchen, das dir gerade auf der Straße begegnet ist, oder an sonst irgendetwas. Doch eigentlich ist Zazen so hoch und unbeweglich wie der Berg Fuji. Zappel deshalb nicht so herum, und schlaf auch nicht ein in Zazen! Wenn ich sitze wie ein Stein dann zieht Zazen den Sawaki ganz an sich, saugt ihn auf. Das bedeutet Samadhi, und das ist mein wahres Selbst.
Bei der Übung des Shikantaza (einfachen Sitzens) gibt es nichts hinzuzufügen. Denn Shikantaza allein erfordert bereits unsere ganze Kraft. Shikantaza ist unser Atem. Wir atmen nicht um Satori zu bekommen. Da gibt es keinen “Zweck”, da ist nur das Zazen das mit Leib und Seele geübt wird. Das bedeutet nichts anderes als “einfach zu sitzen”.
Samadhi bedeutet das Selbst, für das es keinen Ersatz gibt, zu ergreifen, es bedeutet eins mit dem gegenwärtigen Augenblick zu werden. Wichtig ist, dass wir dieses Samadhi unser ganzes Leben lang fortsetzen. Gestern Zazen, heute Zazen. Tag ein, Tag aus, Jahr für Jahr Zazen üben. Auf diese Weise werden wir vertraut mit uns selbst in Zazen, und dieses Zazen zu ergreifen bedeutet nichts anderes als uns Selbst zu ergreifen.
Setz’ dich erstmal hin. Kein Grund zur Eile. Nimm in Ruhe die richtige Sitzhaltung ein. Hier ist der Startpunkt: Betrachte dein ganzes Leben aus Zazen heraus, mach’ dich auf den Weg, Klarheit über dein Leben zu gewinnen.
Ein Normalbürger, der sich in einen Heiligen verwandelt, ist nur ein karmisches Fabrikat. Die Kunst des Zazen liegt darin, einfach zu sitzen, ohne sich mit irgendetwas anderem abzugeben. Der Wert des einfachen Sitzens liegt in seiner Transparenz und Geschmacklosigkeit.
Zazen fällt nicht auf. Die Menschen wollen ständig auffallen, deshalb können sie mit Zazen nichts anfangen. Was die Menschen als “Buddhalehre” ansehen, hat mit der Buddhalehre in Wirklichkeit nichts zu tun.
Du übst Zazen schon seit fünf oder zehn Jahren? Was ist da schon dabei! Du musst jeden Tag ganz von Neuem nach deinem Weg suchen.
Wenn du im vollen Lotus sitzt, wird es warm um deine Hüften werden, während sich der Blutandrang zu deinem Kopf senkt. Im Zazen geht es darum, diesen Blutandrang zu senken.
Die Bogensehne loslassen um die Zielscheibe zu treffen: Das hat mit Zazen nichts zu tun. Denn in Zazen stellt das ganze Universum die Zielscheibe dar - es ist unmöglich, sie zu verfehlen. Dafür bekommst du dann aber auch keine Packung Zigarretten, nur weil du das Ziel getroffen hast.
“Bringt es mir was? Oder bringt es mir doch nichts?” - lass ab von dieser Geisteshaltung und sitz einfach.
Einsame Stille herrscht nur dort, wo du gemäß der Lehre einfach Zazen übst - ohne die kleinste Abweichung. Da gibt es dann nicht die geringste Erwartung von irgendetwas, keine spirituellen Überraschungen. Von Anfang an spielt es überhaupt keine Rolle, ob das etwas bringt oder nicht. Nichts könnte einfacher sein als das, aber gleichzeitig gibt es auch nichts, das dich in größere Unruhe versetzen würde. Ständig fragst du dich, ob mit deinem Zazen auch alles stimmt. Selbst die Schüler Dogen Zenjis scheinen Schwierigkeiten zu haben, dieses ganz reine Zazen, von dem wir gar nichts zurückbekommen, zu verstehen.
Du übst Zazen - und das ist alles. Jede einzelne Handlung ist, als diese eine Handlung, genau diese eine Handlung. Und das ist alles.
Shikantaza (einfach sitzen) bedeutet, mit einem Eimer ohne Boden Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen.
Was hat wirklich Realität? Die Haltung deines Körpers! Wie es um dein Bewusstsein steht ist nicht das Problem. Das wirkliche Problem löst sich in dem Moment, in dem du dich der richtigen Form des Sitzen überlässt.
Deine Praxis des Shikantaza darf nicht oberflächlich sein. Du musst bis ans Ende gehen - alles ausschöpfen. “Einfach sitzen” bedeutet nicht, einfach nur so herumzusitzen. Dein ganzes Leben muss davon abhängen, dass die Richtung deiner Praxis stimmt.
Wenn du Zazen praktizierst, ist das in Wirklichkeit gar nicht “du”, der da Zazen praktiziert. Da ist nur unbegrenzte Weite, die unbegrenzte Weite praktiziert. Diese unbegrenzte Weite ist die Bedeutung des Glaubens an Zazen.
Dein Zazen darf keine halbe Sache sein. Kein Mittel zum Zweck. Zazen muss deine Welt sein: Wenn du den Weg bis ganz ans Ende gehst, kehrst du heim an diesen Ort, hier und jetzt, ganz du selbst.
Das Unergründliche, mit einem Wort ausgedrückt, heißt: Kein Gewinn. Und in der Umgangssprache: Zazen bringt nichts!
Vor diesem Artikel müssen wir Sie warnen: Das Weiterlesen kann Ihre geistige Gesundheit gefährden! Sie werden Ihre Welt mit anderen Augen sehen und sich im Widerspruch zu allen physikalischen Theorien wiederfinden. Sie werden zu der seltsamen Überzeugung gelangen, dass Vergangenheit und Zukunft nicht existieren, dass die Ewigkeit real ist und dass in einem einzigen Moment das ganze Weltall enthalten sein kann.
Möglicherweise werden sich Schwierigkeiten, denen Sie gegenüberstehen, auflösen, und Sie werden erleben, wie sich ein ganzes Universum an Lebensfreude entfalten kann – aus einem winzigen, kaum vorhandenen Augenblick: dem Jetzt.
Dabei scheint doch auf den ersten Blick die Gegenwart keinerlei Mysterium zu enthalten: Genau jetzt, in diesem Moment, lesen Sie diese Buchstaben hier. Der Zeitpunkt, als Sie auf diesen Artikel geklickt haben, liegt inzwischen in der Vergangenheit, ein paar Sekunden oder Stunden zurück.
In der Zukunft hingegen wartet der Augenblick, wenn Sie sich etwas Anderem als diesem Artikel zuwenden werden. Alles ist klar geordnet, so klar wie unsere Sprache, die zwischen “ich las”, “ich lese” und “ich werde lesen” unterscheidet.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen säuberlich gereiht wie die Perlen auf einer Schnur. Doch so einfach ist es nicht. Andere Kulturen haben eine ganz andere Zeitauffassung.
Hopi-Indianer kennen keinen Zeitbegriff
Würden wir Hopi-Indianer aus Nordamerika fragen, stießen wir mit unserer Zeitreihung auf Unverständnis: “Vergangenheit” und “Zukunft” kommen in ihrer Sprache nicht vor. Wie viele andere Bauernkulturen leben die Hopi in einer praktisch zeitlosen Welt. Ihr Tageslauf ist an die natürlichen Erscheinungen gekoppelt, und so wie die Jahreszeiten sich wiederholen, wiederholt sich auch die Zeit.
Jahreszahlen sind unbekannt und natürlich auch Bezeichnungen für kleinere Intervalle wie Minuten oder Sekunden. Erstaunt stellte der Hopi-Forscher Benjamin Lee Whorf fest: “Die Sprache der Hopi enthält keinen Verweis auf die Zeit, weder explizit noch implizit.” Die Hopi leben in einem Zustand des immer währenden Jetzt.
Ganz ähnlich ein anderes Indianervolk: die Saultaux in Amerika. Forscher, die dieses Volk besuchten, mussten zähneknirschend akzeptieren, dass es nicht möglich war, sich mit den Indianern zu verabreden. Diese fanden, dass Treffen nicht stattfinden sollten, wenn eine bestimmte Zeit erreicht ist, sondern wenn die beteiligten Personen dafür bereit sind. Das Jetzt ist bei ihnen kein äußerlich festgelegter Zeitpunkt, sondern eine soziale Übereinstimmung.
Übrigens waren sie ganz begeistert, als die Forscher ihnen zum Abschied Wecker schenkten: Sie benutzten sie als Spielzeug und freuten sich am Klingeln. Kaum etwas könnte ihre Freude am jetzigen Moment im Unterschied zu unserer Auffassung von einer planbaren Zeit besser kennzeichnen.
Doch auch im Westen gibt es Menschen, die ganz in den jetzigen Moment eintauchen. Manchen von ihnen gelingt es sogar, das Jetzt zu dehnen: Sie schaffen es, die Zeit stillstehen zu lassen. Tennisstar Jimmy Connors meinte solche Zustände, wenn er beschrieb, dass er im Spiel eine “transzendente Zone” erreichte. Er sah dann den Ball riesig vor sich, der in Zeitlupe über das Netz schwebte. Er fühlte sich, als habe er alle Zeit der Welt, um zu entscheiden, wie und von wo er den Ball zurückschlagen solle. In Wirklichkeit dauerten diese Momente natürlich nur Sekundenbruchteile.
Die Ewigkeit des Augenblicks
Auch Basketballspieler beschreiben unerklärliche Situationen, in denen alle um sie herum sich in Zeitlupe bewegen. Sie selbst fühlen sich dann, als würden sie zwischen Puppen hindurchdribbeln.
Und auch die Meister asiatischer Kampfsportarten sind bekannt für ihre Fähigkeit, den Augenblick zu strecken. Sie erleben die Aktionen des Gegners in einer gedehnten Gegenwart, jede Einzelheit ist erkennbar, auf jede Bedrohung können sie in aller Ruhe reagieren.
Selbst gewöhnliche Felskletterer kennen den “ewig dauernden Augenblick”. “Man sagt, es sei nur ein Augenblick, und doch verliert man sich auf Grund totaler Beteiligung darin, und der Augenblick ist vom Wunder der Ewigkeit durchweht”, erzählt einer von ihnen.
Aber wie kann die Ewigkeit in einem Augenblick stecken? Ist nicht der jetzige Augenblick sehr kurz? “Das Jetzt dauert dreißig Millisekunden”, behauptet der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel. Er hat sich viele Jahre mit dem Zeitempfinden der Menschen beschäftigt und dabei Verblüffendes herausgefunden: Nach seinen Erkenntnissen ist unser ganzes Gehirn einem Dreißig-Millisekunden-Rhythmus unterworfen.
Dreißig Millisekunden braucht es, um zwei optische Reize voneinander zu unterscheiden. Dreißig Millisekunden Abstand müssen auch zwei akustische Reize haben, ehe wir ihre Reihenfolge richtig erkennen können. Spielt man dem Gehirn einen Ton vor, so beginnen die Gehirnströme zu oszillieren – mit einer Periode von dreißig Millisekunden.
Mithilfe solcher Oszillationen, so vermutet Gehirnforscher Pöppel, schafft unser Gehirn Systemzustände, innerhalb derer Informationen als gleichzeitig behandelt werden. Während eines Dreißig-Millisekunden-Intervalls gibt es kein Vorher oder Nachher: Es sind Phasen von Zeitlosigkeit. “Die Zeit fließt nicht, sie stößt sich voran”, sagt Pöppel. Das Jetzt wird von unserem Gehirn aktiv konstruiert.
Das Jetzt ragt in die Zukunft
Das Zeitgefühl ist relativ
Auch Uhren messen ja die Zeit nur, indem sie wiederkehrende Ereignisse zählen: Pendeluhren das Schwingen des Pendels, Armbanduhren das Schwingen des Uhrenquarzes und die Braunschweiger Atomuhr das Schwingen von Lichtteilchen. Ehe der Mensch auf diese wiederkehrenden und sehr gleichmäßig ablaufenden Ereignisse Bezug nehmen lernte, bediente er sich der unregelmäßigen Ereignisse des täglichen Lebens, um den Ablauf der Zeit zu bestimmen.
So redete man bis ins 18. Jahrhundert hinein nicht von Zeit, sondern höchstens vom Wetter, das durch seine Veränderlichkeit eine Art natürlicher Ereignisgeber war (”Wir sehen uns, wenn der Fluss vereist ist”). Noch heute benutzen deshalb romanische Sprachen für “Zeit” und “Wetter” dasselbe Wort (etwa. frz. le temps = Zeit, Wetter).
Weil wir Zeit an Ereignissen messen, ist es auch verständlich, dass sich Zeit manchmal zu dehnen oder zu stauchen scheint. Befindet man sich in einer unangenehmen Situation, wird einem die Zeit immer lang: Es gibt mehr Ereignisse, als einem lieb ist.
Andersherum ist es in Situationen extremer Lebensgefahr, wie zum Beispiel bei eingeschlossenen Bergleuten. Übereinstimmend berichten sie, dass ihnen die Zeit des Eingeschlossenseins viel kürzer vorkam als die wirklich abgelaufene Zeit: Alle äußeren Eindrücke, an denen man sich orientieren kann, fallen aus, die Zahl der Ereignisse sinkt, die Anspannung steigt und zugleich der Wunsch, die Zeit möge langsamer verstreichen, damit Rettung möglich bleibt. Der Eindruck der Zeitverkürzung ist so stark, dass eingeschlossene Bergleute oft ihren eigenen Uhren nicht glauben.
In der Isolation geht unser Zeitgefühl verloren, das Jetzt dehnt sich aus. Nach einigen Tagen ohne Außenkontakt konnten Versuchspersonen die Dauer einer Stunde nicht mehr schätzen. Erst nach Ablauf von 88 Minuten vermuteten sie, nun sei eine Stunde verstrichen. “Die Zeiterlebensforschung zeigt, dass die messbare, objektive Zeit wenig mit dem subjektiven Zeiterleben zu tun hat”, fasst der Psychologe Arnold Hinz zusammen.
Weiß die Physik Rat?
Doch wenn das subjektive Jetzt so schwierig festzumachen ist, versuchen wir vielleicht lieber, das objektive Jetzt zu bestimmen.
Was weiß die Physik über das Jetzt? Interessanterweise: nichts.
Viele physikalische Gesetze nehmen Bezug auf die Zeit, aber ein Jetzt findet sich darin nirgends.
Die Zeit dient in der Physik eigentlich nur zur Nummerierung der Ereignisse: Schön geordnet sitzen sie nebeneinander auf der Zeitachse. Das Jetzt ist allenfalls ein wandernder Punkt, der den Zeitstrahl entlangfährt und kennzeichnet, was gerade aktuell passiert.
Und wie schnell wandert dieses Jetzt? Natürlich mit einer Sekunde pro Sekunde - und schon ist man wieder bei der Erkenntnis des Philosophen McTaggart: “Man kann Zeit nicht erklären, ohne Zeit vorauszusetzen.”
Auch Einstein kam auf den Gedanken
Die dichteste Annäherung der Physiker an das Jetzt ist der Begriff der Gleichzeitigkeit. Wenn zwei Dinge an unterschiedlichen Orten gleichzeitig passieren, verfügen zumindest diese beiden Orte über dasselbe Jetzt. Die entscheidende Frage ist daher, physikalisch gesehen, wie es gelingen könnte, zwei räumlich voneinander entfernte Uhren zu synchronisieren. Indem er auf eine Antwort auf diese Frage suchte, entdeckte Einstein die Spezielle Relativitätstheorie – und warf damit unsere Vorstellungen von Zeit und Gleichzeitigkeit über den Haufen.
Nach der Speziellen Relativitätstheorie gibt es absolute Gleichzeitigkeit praktisch nicht mehr. Zwei Ereignisse, die an weit voneinander entfernten Orten stattfinden, lassen sich nämlich nur dann in eine zeitliche Reihenfolge bringen, wenn ein lichtschnelles Signal vom ersten Ereignis zum Ort des zweiten Ereignisses gelangen kann, ehe das zweite Ereignis stattfindet. Nur dann ist das zweite Ereignis eindeutig später als das erste – für alle denkbaren Beobachter.
Findet das zweite Ereignis statt, noch ehe die lichtschnelle Nachricht vom ersten Ereignis angekommen ist, sind die beiden Ereignisse nicht etwa gleichzeitig, sondern relativ zueinander unbestimmt. Manche Beobachter könnten sie für gleichzeitig halten; andere könnten meinen, Ereignis eins sei früher eingetreten, und wieder andere, Ereignis zwei habe früher stattgefunden.
Objektive Gleichzeitigkeit ist demnach nur möglich, wenn kein Raum zwischen beiden Ereignissen liegt: Gleichzeitig ist ein Ereignis nur mit sich selbst. Das Jetzt “verdunstet” auf unendlich kleinem Raum und in unendlich kurzer Zeit. Vielleicht hatte Albert Einstein dies im Sinn, als er sagte: “Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige.”
Auch Zen-Meister kommen zu ähnlichen Erkenntnissen. Sie berichten, wie sich im jetzigen Moment die Zeit auflöst. Zen-Meister Seppo formuliert diese Einsicht so: “Wenn du wissen willst, was Ewigkeit bedeutet – sie ist nichts weiter als eben dieser Moment. Wenn du sie nicht in diesem gegenwärtigen Moment erfassen kannst, wirst du sie nie erhaschen.”
Schaut man sich unter diesem Blickwinkel das Jetzt an, so begreift man plötzlich: Das Jetzt ist das Einzige, was wirklich existiert. Hat man das erkannt, wundert man sich, wie man je etwas anderes hat glauben können.
Die Zeit ist nur eine Einbildung
Die Zeit ist nur eine Einbildung. Der Grund dafür ist einfach: Es ist noch nie etwas in der Vergangenheit passiert, und es wird auch nie etwas in der Zukunft geschehen. Alle Dinge geschehen in der Gegenwart. Auch die Dinge der Vergangenheit waren Gegenwart, als sie geschahen. Jetzt existiert nur noch eine Erinnerung an die vergangenen Ereignisse. Das Erinnern aber ist wieder ein Ereignis im Jetzt.
Deshalb sind Gespräche über die Vergangenheit oft fruchtlos. Die Menschen können sich nicht einigen, wie die Vergangenheit wirklich war – einfach, weil es die Vergangenheit nicht gibt. Es gibt nur eine Erinnerung an die Vergangenheit – und diese Erinnerung kann bei verschiedenen Menschen sehr verschieden sein.
Dasselbe gilt für die Zukunft. Zukunft existiert nur in Form von Vorstellungen, Planungen und Projektionen. Jedes Vorstellen und Planen geschieht aber im Jetzt. Die Zukunft ist so lange unwirklich, bis sie zur Gegenwart geworden ist. Bis dahin sind nur die Planungen wirklich.
Dass Zeit nicht existiert, meint auch Eckhart Tolle, Autor des Buches “Jetzt! Die Kraft der Gegenwart”. Er schreibt:
Zeit ist überhaupt nicht kostbar, denn sie ist eine Illusion. Was dir so kostbar erscheint, ist nicht die Zeit, sondern der einzige Punkt, der außerhalb der Zeit liegt: das Jetzt. Es gibt sonst nichts. Die ewige Gegenwart ist der Raum, in dem sich dein ganzes Leben abspielt, die einzige Kraft, die beständig ist. Das Jetzt ist das Einzige, was dich über die Grenzen deines Verstandes tragen kann.
Hat man das verstanden – und zwar auf eine innere Weise verstanden, die über das Verstehen mit dem Geist weit hinausgeht -, beginnt das Leben sich grundlegend zu verändern. Man spürt die Kraft des Jetzt, und es beginnt eine Transformation. Im Jetzt lösen sich alle Probleme auf, das Leiden verschwindet. Man beginnt, das Geheimnis des Buddha zu erahnen: Nichts ist wirklich schlecht; schlecht wird es erst durch die eigenen Gedanken.
Die Sorgen fallen weg
Zum Beispiel fallen die Sorgen weg. Hat man wirklich begriffen, dass es keine Zukunft gibt, sondern nur Gedanken über die Zukunft, werden Sorgen zu dunklen Fantasiegebilden, über die man lachen kann. Sie verändern die Zukunft nicht, belasten aber die Gegenwart. Ein sorgenvoller Mensch verpasst die Schönheit des jetzigen Moments – und auch die Chancen, die in ihm liegen. “Sorgen sind ein Missbrauch der Fantasie”, lautet ein indisches Sprichwort.
Die Zukunft als Illusion zu erkennen heißt übrigens nicht, gedankenlos oder unvernünftig zu handeln. Wer mit dem Auto auf eine Mauer zufährt, kann absehen, dass es bald zu einem Zusammenprall kommen wird. Es ist klug, dann zu bremsen – und zwar jetzt! Platz für Sorgen gibt es dabei nicht.
Sorgen und Probleme sind Nebenprodukte unseres Verstandes, der sich ständig mit einer irgendwie gearteten “Zukunft” beschäftigt. Erst in einer Notfall-Situation, wenn der Verstand aufhört, Zukunftsprojektionen zu spinnen, bemerkt man, wie auch die Sorgen verschwinden.
Der Verstand hält an; du wirst vollkommen gegenwärtig im Jetzt, und eine unendlich viel größere Kraft übernimmt die Führung. Deshalb gibt es auch so viele Berichte von ganz normalen Leuten, die plötzlich unglaublich mutig handeln konnten. In einem Notfall überlebst du, oder du überlebst nicht. Wie auch immer, es ist kein Problem, schreibt Autor Tolle.
Damit sagt er genau das, was vor ihm Eingeweihte aus vielen Religionen gesagt haben. So fordert Jesus die Gläubigen auf, im Jetzt zu leben: “Sorgt euch nicht um euer Leben … Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen.”Der christliche Mystiker Meister Eckhart (um 1260 - um 1328) schrieb: “Zeit ist das, was das Licht von uns fern hält. Es gibt kein größeres Hindernis auf dem Weg zu Gott als die Zeit.” Dasselbe erkannte der persische Sufi-Dichter Mevlana Jelaluddin Rumi (1207 - 1273): “Vergangenheit und Zukunft verbergen Gott vor unserer Sicht; verbrenne beide mit Feuer.”
Es gibt keine andere Zeit außer diesem Augenblick. Oder, in der knappen Sprache des Zen formuliert: Wenn nicht jetzt, wann?