Vor diesem Artikel müssen wir Sie warnen: Das Weiterlesen kann Ihre geistige Gesundheit gefährden! Sie werden Ihre Welt mit anderen Augen sehen und sich im Widerspruch zu allen physikalischen Theorien wiederfinden. Sie werden zu der seltsamen Überzeugung gelangen, dass Vergangenheit und Zukunft nicht existieren, dass die Ewigkeit real ist und dass in einem einzigen Moment das ganze Weltall enthalten sein kann.
Möglicherweise werden sich Schwierigkeiten, denen Sie gegenüberstehen, auflösen, und Sie werden erleben, wie sich ein ganzes Universum an Lebensfreude entfalten kann – aus einem winzigen, kaum vorhandenen Augenblick: dem Jetzt.
Dabei scheint doch auf den ersten Blick die Gegenwart keinerlei Mysterium zu enthalten: Genau jetzt, in diesem Moment, lesen Sie diese Buchstaben hier. Der Zeitpunkt, als Sie auf diesen Artikel geklickt haben, liegt inzwischen in der Vergangenheit, ein paar Sekunden oder Stunden zurück.
In der Zukunft hingegen wartet der Augenblick, wenn Sie sich etwas Anderem als diesem Artikel zuwenden werden. Alles ist klar geordnet, so klar wie unsere Sprache, die zwischen “ich las”, “ich lese” und “ich werde lesen” unterscheidet.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen säuberlich gereiht wie die Perlen auf einer Schnur. Doch so einfach ist es nicht. Andere Kulturen haben eine ganz andere Zeitauffassung.
Hopi-Indianer kennen keinen Zeitbegriff
Würden wir Hopi-Indianer aus Nordamerika fragen, stießen wir mit unserer Zeitreihung auf Unverständnis: “Vergangenheit” und “Zukunft” kommen in ihrer Sprache nicht vor. Wie viele andere Bauernkulturen leben die Hopi in einer praktisch zeitlosen Welt. Ihr Tageslauf ist an die natürlichen Erscheinungen gekoppelt, und so wie die Jahreszeiten sich wiederholen, wiederholt sich auch die Zeit.
Jahreszahlen sind unbekannt und natürlich auch Bezeichnungen für kleinere Intervalle wie Minuten oder Sekunden. Erstaunt stellte der Hopi-Forscher Benjamin Lee Whorf fest: “Die Sprache der Hopi enthält keinen Verweis auf die Zeit, weder explizit noch implizit.” Die Hopi leben in einem Zustand des immer währenden Jetzt.
Ganz ähnlich ein anderes Indianervolk: die Saultaux in Amerika. Forscher, die dieses Volk besuchten, mussten zähneknirschend akzeptieren, dass es nicht möglich war, sich mit den Indianern zu verabreden. Diese fanden, dass Treffen nicht stattfinden sollten, wenn eine bestimmte Zeit erreicht ist, sondern wenn die beteiligten Personen dafür bereit sind. Das Jetzt ist bei ihnen kein äußerlich festgelegter Zeitpunkt, sondern eine soziale Übereinstimmung.
Übrigens waren sie ganz begeistert, als die Forscher ihnen zum Abschied Wecker schenkten: Sie benutzten sie als Spielzeug und freuten sich am Klingeln. Kaum etwas könnte ihre Freude am jetzigen Moment im Unterschied zu unserer Auffassung von einer planbaren Zeit besser kennzeichnen.
Doch auch im Westen gibt es Menschen, die ganz in den jetzigen Moment eintauchen. Manchen von ihnen gelingt es sogar, das Jetzt zu dehnen: Sie schaffen es, die Zeit stillstehen zu lassen. Tennisstar Jimmy Connors meinte solche Zustände, wenn er beschrieb, dass er im Spiel eine “transzendente Zone” erreichte. Er sah dann den Ball riesig vor sich, der in Zeitlupe über das Netz schwebte. Er fühlte sich, als habe er alle Zeit der Welt, um zu entscheiden, wie und von wo er den Ball zurückschlagen solle. In Wirklichkeit dauerten diese Momente natürlich nur Sekundenbruchteile.
Die Ewigkeit des Augenblicks
Auch Basketballspieler beschreiben unerklärliche Situationen, in denen alle um sie herum sich in Zeitlupe bewegen. Sie selbst fühlen sich dann, als würden sie zwischen Puppen hindurchdribbeln.
Und auch die Meister asiatischer Kampfsportarten sind bekannt für ihre Fähigkeit, den Augenblick zu strecken. Sie erleben die Aktionen des Gegners in einer gedehnten Gegenwart, jede Einzelheit ist erkennbar, auf jede Bedrohung können sie in aller Ruhe reagieren.
Selbst gewöhnliche Felskletterer kennen den “ewig dauernden Augenblick”. “Man sagt, es sei nur ein Augenblick, und doch verliert man sich auf Grund totaler Beteiligung darin, und der Augenblick ist vom Wunder der Ewigkeit durchweht”, erzählt einer von ihnen.
Aber wie kann die Ewigkeit in einem Augenblick stecken? Ist nicht der jetzige Augenblick sehr kurz? “Das Jetzt dauert dreißig Millisekunden”, behauptet der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel. Er hat sich viele Jahre mit dem Zeitempfinden der Menschen beschäftigt und dabei Verblüffendes herausgefunden: Nach seinen Erkenntnissen ist unser ganzes Gehirn einem Dreißig-Millisekunden-Rhythmus unterworfen.
Dreißig Millisekunden braucht es, um zwei optische Reize voneinander zu unterscheiden. Dreißig Millisekunden Abstand müssen auch zwei akustische Reize haben, ehe wir ihre Reihenfolge richtig erkennen können. Spielt man dem Gehirn einen Ton vor, so beginnen die Gehirnströme zu oszillieren – mit einer Periode von dreißig Millisekunden.
Mithilfe solcher Oszillationen, so vermutet Gehirnforscher Pöppel, schafft unser Gehirn Systemzustände, innerhalb derer Informationen als gleichzeitig behandelt werden. Während eines Dreißig-Millisekunden-Intervalls gibt es kein Vorher oder Nachher: Es sind Phasen von Zeitlosigkeit. “Die Zeit fließt nicht, sie stößt sich voran”, sagt Pöppel. Das Jetzt wird von unserem Gehirn aktiv konstruiert.
Das Jetzt ragt in die Zukunft
Das Zeitgefühl ist relativ
Auch Uhren messen ja die Zeit nur, indem sie wiederkehrende Ereignisse zählen: Pendeluhren das Schwingen des Pendels, Armbanduhren das Schwingen des Uhrenquarzes und die Braunschweiger Atomuhr das Schwingen von Lichtteilchen. Ehe der Mensch auf diese wiederkehrenden und sehr gleichmäßig ablaufenden Ereignisse Bezug nehmen lernte, bediente er sich der unregelmäßigen Ereignisse des täglichen Lebens, um den Ablauf der Zeit zu bestimmen.
So redete man bis ins 18. Jahrhundert hinein nicht von Zeit, sondern höchstens vom Wetter, das durch seine Veränderlichkeit eine Art natürlicher Ereignisgeber war (”Wir sehen uns, wenn der Fluss vereist ist”). Noch heute benutzen deshalb romanische Sprachen für “Zeit” und “Wetter” dasselbe Wort (etwa. frz. le temps = Zeit, Wetter).
Weil wir Zeit an Ereignissen messen, ist es auch verständlich, dass sich Zeit manchmal zu dehnen oder zu stauchen scheint. Befindet man sich in einer unangenehmen Situation, wird einem die Zeit immer lang: Es gibt mehr Ereignisse, als einem lieb ist.
Andersherum ist es in Situationen extremer Lebensgefahr, wie zum Beispiel bei eingeschlossenen Bergleuten. Übereinstimmend berichten sie, dass ihnen die Zeit des Eingeschlossenseins viel kürzer vorkam als die wirklich abgelaufene Zeit: Alle äußeren Eindrücke, an denen man sich orientieren kann, fallen aus, die Zahl der Ereignisse sinkt, die Anspannung steigt und zugleich der Wunsch, die Zeit möge langsamer verstreichen, damit Rettung möglich bleibt. Der Eindruck der Zeitverkürzung ist so stark, dass eingeschlossene Bergleute oft ihren eigenen Uhren nicht glauben.
In der Isolation geht unser Zeitgefühl verloren, das Jetzt dehnt sich aus. Nach einigen Tagen ohne Außenkontakt konnten Versuchspersonen die Dauer einer Stunde nicht mehr schätzen. Erst nach Ablauf von 88 Minuten vermuteten sie, nun sei eine Stunde verstrichen. “Die Zeiterlebensforschung zeigt, dass die messbare, objektive Zeit wenig mit dem subjektiven Zeiterleben zu tun hat”, fasst der Psychologe Arnold Hinz zusammen.
Weiß die Physik Rat?
Doch wenn das subjektive Jetzt so schwierig festzumachen ist, versuchen wir vielleicht lieber, das objektive Jetzt zu bestimmen.
Was weiß die Physik über das Jetzt? Interessanterweise: nichts.
Viele physikalische Gesetze nehmen Bezug auf die Zeit, aber ein Jetzt findet sich darin nirgends.
Die Zeit dient in der Physik eigentlich nur zur Nummerierung der Ereignisse: Schön geordnet sitzen sie nebeneinander auf der Zeitachse. Das Jetzt ist allenfalls ein wandernder Punkt, der den Zeitstrahl entlangfährt und kennzeichnet, was gerade aktuell passiert.
Und wie schnell wandert dieses Jetzt? Natürlich mit einer Sekunde pro Sekunde - und schon ist man wieder bei der Erkenntnis des Philosophen McTaggart: “Man kann Zeit nicht erklären, ohne Zeit vorauszusetzen.”
Auch Einstein kam auf den Gedanken
Die dichteste Annäherung der Physiker an das Jetzt ist der Begriff der Gleichzeitigkeit. Wenn zwei Dinge an unterschiedlichen Orten gleichzeitig passieren, verfügen zumindest diese beiden Orte über dasselbe Jetzt. Die entscheidende Frage ist daher, physikalisch gesehen, wie es gelingen könnte, zwei räumlich voneinander entfernte Uhren zu synchronisieren. Indem er auf eine Antwort auf diese Frage suchte, entdeckte Einstein die Spezielle Relativitätstheorie – und warf damit unsere Vorstellungen von Zeit und Gleichzeitigkeit über den Haufen.
Nach der Speziellen Relativitätstheorie gibt es absolute Gleichzeitigkeit praktisch nicht mehr. Zwei Ereignisse, die an weit voneinander entfernten Orten stattfinden, lassen sich nämlich nur dann in eine zeitliche Reihenfolge bringen, wenn ein lichtschnelles Signal vom ersten Ereignis zum Ort des zweiten Ereignisses gelangen kann, ehe das zweite Ereignis stattfindet. Nur dann ist das zweite Ereignis eindeutig später als das erste – für alle denkbaren Beobachter.
Findet das zweite Ereignis statt, noch ehe die lichtschnelle Nachricht vom ersten Ereignis angekommen ist, sind die beiden Ereignisse nicht etwa gleichzeitig, sondern relativ zueinander unbestimmt. Manche Beobachter könnten sie für gleichzeitig halten; andere könnten meinen, Ereignis eins sei früher eingetreten, und wieder andere, Ereignis zwei habe früher stattgefunden.
Objektive Gleichzeitigkeit ist demnach nur möglich, wenn kein Raum zwischen beiden Ereignissen liegt: Gleichzeitig ist ein Ereignis nur mit sich selbst. Das Jetzt “verdunstet” auf unendlich kleinem Raum und in unendlich kurzer Zeit. Vielleicht hatte Albert Einstein dies im Sinn, als er sagte: “Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige.”
Auch Zen-Meister kommen zu ähnlichen Erkenntnissen. Sie berichten, wie sich im jetzigen Moment die Zeit auflöst. Zen-Meister Seppo formuliert diese Einsicht so: “Wenn du wissen willst, was Ewigkeit bedeutet – sie ist nichts weiter als eben dieser Moment. Wenn du sie nicht in diesem gegenwärtigen Moment erfassen kannst, wirst du sie nie erhaschen.”
Schaut man sich unter diesem Blickwinkel das Jetzt an, so begreift man plötzlich: Das Jetzt ist das Einzige, was wirklich existiert. Hat man das erkannt, wundert man sich, wie man je etwas anderes hat glauben können.
Die Zeit ist nur eine Einbildung
Die Zeit ist nur eine Einbildung. Der Grund dafür ist einfach: Es ist noch nie etwas in der Vergangenheit passiert, und es wird auch nie etwas in der Zukunft geschehen. Alle Dinge geschehen in der Gegenwart. Auch die Dinge der Vergangenheit waren Gegenwart, als sie geschahen. Jetzt existiert nur noch eine Erinnerung an die vergangenen Ereignisse. Das Erinnern aber ist wieder ein Ereignis im Jetzt.
Deshalb sind Gespräche über die Vergangenheit oft fruchtlos. Die Menschen können sich nicht einigen, wie die Vergangenheit wirklich war – einfach, weil es die Vergangenheit nicht gibt. Es gibt nur eine Erinnerung an die Vergangenheit – und diese Erinnerung kann bei verschiedenen Menschen sehr verschieden sein.
Dasselbe gilt für die Zukunft. Zukunft existiert nur in Form von Vorstellungen, Planungen und Projektionen. Jedes Vorstellen und Planen geschieht aber im Jetzt. Die Zukunft ist so lange unwirklich, bis sie zur Gegenwart geworden ist. Bis dahin sind nur die Planungen wirklich.
Dass Zeit nicht existiert, meint auch Eckhart Tolle, Autor des Buches “Jetzt! Die Kraft der Gegenwart”. Er schreibt:
Zeit ist überhaupt nicht kostbar, denn sie ist eine Illusion. Was dir so kostbar erscheint, ist nicht die Zeit, sondern der einzige Punkt, der außerhalb der Zeit liegt: das Jetzt. Es gibt sonst nichts. Die ewige Gegenwart ist der Raum, in dem sich dein ganzes Leben abspielt, die einzige Kraft, die beständig ist. Das Jetzt ist das Einzige, was dich über die Grenzen deines Verstandes tragen kann.
Hat man das verstanden – und zwar auf eine innere Weise verstanden, die über das Verstehen mit dem Geist weit hinausgeht -, beginnt das Leben sich grundlegend zu verändern. Man spürt die Kraft des Jetzt, und es beginnt eine Transformation. Im Jetzt lösen sich alle Probleme auf, das Leiden verschwindet. Man beginnt, das Geheimnis des Buddha zu erahnen: Nichts ist wirklich schlecht; schlecht wird es erst durch die eigenen Gedanken.
Die Sorgen fallen weg
Zum Beispiel fallen die Sorgen weg. Hat man wirklich begriffen, dass es keine Zukunft gibt, sondern nur Gedanken über die Zukunft, werden Sorgen zu dunklen Fantasiegebilden, über die man lachen kann. Sie verändern die Zukunft nicht, belasten aber die Gegenwart. Ein sorgenvoller Mensch verpasst die Schönheit des jetzigen Moments – und auch die Chancen, die in ihm liegen. “Sorgen sind ein Missbrauch der Fantasie”, lautet ein indisches Sprichwort.
Die Zukunft als Illusion zu erkennen heißt übrigens nicht, gedankenlos oder unvernünftig zu handeln. Wer mit dem Auto auf eine Mauer zufährt, kann absehen, dass es bald zu einem Zusammenprall kommen wird. Es ist klug, dann zu bremsen – und zwar jetzt! Platz für Sorgen gibt es dabei nicht.
Sorgen und Probleme sind Nebenprodukte unseres Verstandes, der sich ständig mit einer irgendwie gearteten “Zukunft” beschäftigt. Erst in einer Notfall-Situation, wenn der Verstand aufhört, Zukunftsprojektionen zu spinnen, bemerkt man, wie auch die Sorgen verschwinden.
Der Verstand hält an; du wirst vollkommen gegenwärtig im Jetzt, und eine unendlich viel größere Kraft übernimmt die Führung. Deshalb gibt es auch so viele Berichte von ganz normalen Leuten, die plötzlich unglaublich mutig handeln konnten. In einem Notfall überlebst du, oder du überlebst nicht. Wie auch immer, es ist kein Problem, schreibt Autor Tolle.
Damit sagt er genau das, was vor ihm Eingeweihte aus vielen Religionen gesagt haben. So fordert Jesus die Gläubigen auf, im Jetzt zu leben: “Sorgt euch nicht um euer Leben … Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen.”Der christliche Mystiker Meister Eckhart (um 1260 - um 1328) schrieb: “Zeit ist das, was das Licht von uns fern hält. Es gibt kein größeres Hindernis auf dem Weg zu Gott als die Zeit.” Dasselbe erkannte der persische Sufi-Dichter Mevlana Jelaluddin Rumi (1207 - 1273): “Vergangenheit und Zukunft verbergen Gott vor unserer Sicht; verbrenne beide mit Feuer.”
Es gibt keine andere Zeit außer diesem Augenblick. Oder, in der knappen Sprache des Zen formuliert: Wenn nicht jetzt, wann?
Geschrieben von admin am 3. Dezember 2008 um
13:33 Uhr
in Informatives
Seminar: Descartes und das Zen-buddhistische Koan ,,Die ganze Welt ist ein einziger Geist”
Dozent: Dr. Kim Lan Thai-Thi
WiSe: 2000/2001
Wer Bin Ich?
Zusammenfassung……………………………………………………………………….2
Einleitung: Die eine Wahrheit………………………………………………………..3
Wer bin ich? oder die ,,Erleuchtung”……………………………………………..4
Bewusstsein ist alles was es gibt………………………………………………….4
Befreiung……………………………………………………………………………………..6
Unsere wahre Natur………………………………………………………………………7
Der Suchende……………………………………………………………………………….8
Identifikation mit dem Körper………………………………………………………..9
Das Theaterstück genannt das Leben ist bereits geschrieben………10
Leben und Tod……………………………………………………………………………11
Nachwort……………………………………………………………………………………12
Literaturverzeichnis……………………………………………………………………13
Zusammenfassung
,,Die ganze Welt ist ein einziger Geist” (Zen-Meister Fa Yen). Das dem ganzen Universum eine Einheit zugrunde liegt, scheint der Grundkonsens der östlichen spirituellen Schulen zu sein. Das indische Advaita lehrt uns, dass es nichts außer Bewusstsein gibt. Allen Dingen des Lebens, ganz gleich wie verschiedenartig sie sein mögen, liegt die Gemeinsamkeit inne, dass sie in unserem Bewusstsein erscheinen. Im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der heutigen Zeit wird deutlich, dass Objekte nur innerhalb der Wahrnehmung existieren und außerhalb davon keine eigenständige Existenz besitzen. Das bedeutet, dass das Universum, bzw. unser ganzes Leben lediglich als eine Erscheinung innerhalb unseres Bewusssteins existiert. Das, was wir als unsere Person definieren, ist Teil der Erscheinung. Wir sind nicht die Person für die wir uns halten, sondern das Bewusstsein, das wahrnehmende Element, indem unser Leben, d.h. das ganze Universum, einschließlich unserer eigene Person, erscheint. Die tiefstmögliche Erkenntnis dieser Tatsache ist das, was mit dem Wort ,,Erleuchtung” ausgedrückt werden soll.
Schlagworte: Spiritualismus - die wahre menschliche Natur - Advaita
Einleitung: Die eine Wahrheit
Die Frage : ,,Wer bin ich” ist nach meinem Verständnis, die Kernfrage des Zen-Buddhismus, um die die ganze Philosophie kreist. Wird Zen als ein Weg praktiziert, so ist das Endziel dieses Weges das Finden der Antwort auf diese Frage, was auch die ,,Erleuchtung” genannt wird. Der Zen sieht sich also als ein Weg zu dieser Wahrheit und Wahrheit ist nicht abhängiger Bestandteil einer speziellen Philosophie sonder universal. Sie existiert also unabhängig vom Zen. Der Zen-Buddhismus ist also lediglich eine Philosophie unter mehreren, die um die Wahrheit kreist oder als Weg, ein Weg unter mehreren, der zu dieser Wahrheit hinführt.
Das Leben Zen-buddhistischer Mönche zeigt uns die Schlichtheit und Bodennähe des Zen-Weges zur Erleuchtung, welches recht wenig Platz für intellektuelle Spielereien lässt. Während hier Meditation als Weg zu der einen Wahrheit vorgesehen wird, so sieht im Gegensatz dazu die indische Advaita-Lehre das Verstehen der Wahrheit als Weg zu ihr vor, welche zunächst auf der intellektuellen Ebene stattfindet und dann in intuitives Verstehen übergeht .
Ich will mit dieser Arbeit versuchen, der Wahrheit, auf die der Zen-Buddhismus hinzielt, eine konzeptuelle Form zu geben, indem ich Konzepte der indischen Advaita-Philosophie verwende. Es soll auf konzeptioneller Ebene der Frage der wahren Natur von uns Menschen nachgegangen werden und geklärt werden, was in diesem Sinne ,,Erleuchtung” bedeutet. Dabei beziehe ich mich auf den erleuchteten indischen Advaita-Meister Ramesh S. Balsekar als den größten Repräsentanten des Advaita der heutigen Zeit.
Wer bin ich oder die Erleuchtung
Stellt man sich die Frage: ,,Wer bin ich?” so scheint sie aus der Perspektive des Alltagbewusstseins recht leicht zu beantworten sein. So könnte sich die Antwort aus Körpergröße, Körpergewicht, Körperform, Haar- und Augenfarbe u.a. und psychischen Merkmalen wie Temperament etc. zusammensetzen. Dies scheint auf den ersten Blick eine akzeptable Antwort zu sein, doch ist sie bei näherem Hinsehen höchst unvollkommen. Erstens können die angeführten Merkmale den Menschen in seiner Komplexität nie ergreifen und zweitens befinden sich alle Merkmale die man anführen kann, in einem ständigen Wandel. Physische Merkmale wie Körperform, Haar und sogar die Augenfarbe verändern sich im Alterungsprozess, in der Tat ist mittlerweile bekannt, dass sich in einem bestimmten Zeitabstand jede einzelne Körperzelle erneuert. Was die Psyche eines Menschen angeht, so gibt es auch hier kein einziges Merkmal, welches einen Menschen von seiner Geburt bis zum Tod begleitet.
Aus der Perspektive des Alltagsbewusstseins kann man auf die Frage ,,wer bin ich?” also nur mit einem Konzept antworten, welches erstens den Menschen auf einige Merkmale reduziert und zweitens, im nächsten Moment, aufgrund des ständigen Wandels, nicht mehr aktuell ist.
An diesem Punkt stellt sich die Frage ob, wenn alles was eine Person ausmacht sich in einem ständigen Wandlungsprozess befindet, es irgendeine Konstante gibt, die den Mensch von der Geburt bis zum Tod begleitet. Bei näherem Hinsehen, ist Bewusstsein die einzige Konstante, die sowohl dem neugeborenen Baby, als auch dem alten Greis innewohnt, obwohl uns Bewusstsein aufgrund der unendlichen Mannigfaltigkeit der Bewusstseinsinhalte am aller wenigsten als konstant erscheint.
Bewusstsein ist alles, was es gibt
Sowohl das neugeborene Baby als auch der alte Greis nimmt die Welt durch das Bewusstsein wahr. Bewusstsein ist das einzige Mittel, durch das wir die Welt wahrnehmen können. Tatsächlich ist Bewusstsein das, was das Leben überhaupt ausmacht. Ohne Bewusstsein gäbe es das Leben nicht, da sich das Leben durch Bewusstsein definiert, d.h. Leben ist Bewusstsein. Geht man noch einen Schritt weiter, so gibt es ohne Leben, d.h. ohne Bewusstsein gar keine Welt, da es in dem Fall niemanden gibt in dessen Bewusstsein die Welt erscheinen könnte. Wie die Erkenntnisse der heutigen Wissenschaft zeigen, sind Objekte davon abhängig, dass sie wahrgenommen werden. Die Welt wie wir sie kennen, bestehend aus Himmel und Erde, Bergen und Flüssen etc. ist also davon abhängig, dass sie in der Wahrnehmung erscheint. Verdeutlicht man sich dies, so ergibt dies ein Weltbild, welches von dem unseres Alltagbewusstseins abweicht. Geht man in seinem Alltag davon aus, dass die Welt unabhängig von uns, als feste Materie existiert und auch nach unserem Tod weiter existieren wird, so bedeutet dies, dass die Welt, so wie wir sie kennen, lediglich als eine Erscheinung in unserer Wahrnehmung existiert (und mit unserem Tod verschwindet, wobei sie in dem Bewusstsein lebendiger Wesen weiterhin existiert). Nehmen wir an, es gäbe nur ein einziges Lebewesen auf dieser Erde, so würde die gesamte Welt mit dem Tod dieses Lebewesens verschwinden, da es niemanden mehr geben würde in dessen Bewusstsein die Welt erscheinen würde. Kurz gesagt, die Welt existiert nicht außerhalb von uns sondern in uns.
Betrachtet Lebewesen X einen Stuhl und fragt sich, ob der Stuhl existiert, so lautet die Antwort gemäß unseren heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen: ja, aber nur innerhalb der Wahrnehmung. Verfolgt man diesen Gedanken weiter, so kommt man zu dem Schluss, dass nicht nur Materie sondern absolut alles aus dem das Leben besteht, wie Liebe und Hass, Freude und Schmerz etc., ausschließlich im Bewusstsein existiert. Das Leben besteht also ausschließlich aus Bewusstsein, in dem die ganze Mannigfaltigkeit ( so wie wir das Leben kennen) erscheint. Aus dieser Perspektive unterscheidet sich das Leben in keiner Weise von einem Traum. Genauso wie es in unseren Träumen alte Berge und Flüsse gibt, doch nichts des geträumten eine eigenständige Existenz besitzt, d.h. alles lediglich eine Erscheinung innerhalb des Traumes ist, so ist alles, was wir in unserem Leben wahrnehmen, lediglich eine Erscheinung innerhalb unseres Bewusstseins.
Befreiung
Als Menschen streben wir nach Glück. Wenn materielle Dinge oder gesellschaftlicher Erfolg etc. nicht mehr ausreichen, um uns zu befriedigen, begeben wir uns auf die Suche nach Höherem. Uns wird bewusst, dass es mehr geben muss, als durch die Erfüllung materieller und gesellschaftlicher Wünsche erlangt werden kann. Wir machen uns auf die Suche nach ,,Befreiung”, in manchen spirituellen Schulen auch die ,,Erleuchtung” genannt.
Hier soll nun die Frage untersucht werden, wovon Befreiung gesucht wird und was Erleuchtung bedeutet.
Es erscheint als ein allgemein angewendetes Handlungsmuster, dass man Problemen Abhilfe leistet indem man sie löst, dass man Verlangen stillt indem man sie erfüllt. Hat man Hunger, so besorgt man sich etwas zu essen , hat man den Wunsch nach einem bestimmten Auto, so beschafft man sich die Mittel (durch Geld verdienen, Schulden machen oder Diebstahl etc.) es zu erlangen. Es kann die intuitive Erkenntnis erwachsen, dass durch Befriedigung momentaner Wünsche und Verlangen kein dauerhaftes Glück erreicht werden kann. Sobald ein Verlangen gestillt ist, taucht ein anderes auf. An diesem Punkt richtet sich der Verstand nicht mehr nach außen um Verlangen zu stillen sondern nach innen, die Suche beginnt. Nicht mehr die Befriedigung eines Verlangens oder Wunsches, sondern der Wunsch selbst wird als das Problem erkannt. Der Wunsch lässt sich mit dem Ego gleichsetzten und im Einklang mit den östlichen spirituellen Schulen wird klar, dass das Ego die einzige Ursache unseren Leidens ist. Leiden ist unmittelbar mit dem Ego verbunden, da Leiden durch die Abweichung zwischen Wunsch und Realität entsteht. Ein Leben ohne Ego, d.h. ein Leben ohne Wünsche und Ablehnungen bedeutet die totale wertfreie Akzeptanz dessen, was ist, und damit Frieden und Befreiung (von den Wünschen, es anders haben zu wollen als es ist), was nichts anderes bedeutet als mit dem Wort ,,Erleuchtung” ausgedrückt werden soll.
Dennoch bleibt unser Ego weiterhin existent auch wenn wir es als den Verantwortlichen unserer Leiden identifiziert haben. Es stellt sich die Frage, wer das Leben lenken würde, wenn es kein Ego in Form von Wünschen und Abneigungen mehr geben würde.
Um dieser Frage näher zu kommen, wird das Augenmerk auf unsere wahre Natur, jenseits der Persönlichkeit gerichtet.
Unsere wahre Natur
Wenn Bewusstsein alles ist, was es gibt, d.h. alles, was wir wahrnehmen eine Erscheinung innerhalb des Bewusstseins ist, so bedeutet dies, dass das was wir als unsere Person (physisch und psychisch) definieren , ebenfalls eine Erscheinung innerhalb des Bewusstseins ist. Bildlich ausgedrückt: richten wir die Augen auf unsere Hände, so sind diese, wie der Rest unseres Körpers eine Erscheinung in unserem Bewusstsein (genauso wie alles andere, das wir im Lauf unseres Lebens wahrnehmen, einschließlich Gedanken und Emotionen). Gibt es irgendetwas außerhalb des Bewusstseins mit eigenständiger Existenz, wie z.B. das Gehirn, indem dieses Bewusstsein erscheint? Nein: Das Gehirn selbst ist ebenfalls eine Erscheinung entweder in Form eines Gedankens (wenn wir uns das Gehirn vorstellen), oder, hätten wir die Möglichkeit unser Gehirn in einem Spiegel zu betrachten, eine visuelle Erscheinung. Das heißt, unser Leben besteht aus einer einzigen Erscheinung ohne das es eine Person gibt (welche selbst ein Teil der Erscheinung ist), die diese Erscheinung wahrnimmt. Dennoch ist eine Erscheinung davon abhängig, dass sie wahrgenommen wird. Wenn wir uns fragen wer wir sind, so sagt uns Ramesh S. Balsekar, wie viele Meister es uns schon seit Jahrtausenden sagen, dass wir dieses wahrnehmende Element sind, in dem die Erscheinung, genannt das Leben, einschliesslich unserer eigenen Person, erscheint (1991, S.56).
In den östlichen Philosophien wird zwischen Samsara als die Welt der Erscheinungen und Nirvana als dem Nichts, dem Urzustand, der Einheit, unterschieden. Unsere wahre Natur ist Nirvana, ist der Urzustand, durch den wir Samsara wahrnehmen. Mit anderen Worten: wir sind dieses ,,Nichts” in dem unser Leben als eine Erscheinung wahrgenommen wird.
In der indischen Ashtavakra Gita (einem mehrere tausend Jahre altem spirituellem in Sanskrit geschriebenen Dokument) heißt es deshalb: ,,Du bist weder Erde, noch Wasser noch Feuer noch Luft noch Raum. Du bist der Beobachter dieser fünf Elemente als Bewusstsein. Dies zu verstehen ist Befreiung” (Balsekar, 1991, S.8).
Des weiteren heißt es: ,,Du bist nicht der Körper, noch ist der Körper Dein. Du bist weder der Handelnde noch der Erfahrende. Du bist das Bewusstsein selbst, der Ewige, unpersönliche Beobachter” (Balsekar, 1991, S.92)
Der Suchende
Als Suchende versuchen wir uns von Samsara zu befreien und zu Nirvana zu gelangen. Dabei vergessen wir, dass wir Nirvana bereits sind und uns Samsara, die Welt der Erscheinungen nur davon abhält, uns selbst als Nirwana wahrzunehmen. Bei der Suche geht es also nicht darum, Nirvana zu finden, sondern eher darum, Samsara zu durchschauen, um automatisch unseren natürlichen Zustand als Nirvana wahrzunehmen und zu sein. Ramesh Balsekar (1999) sagt uns, dass mit der Erleuchtung, das Leben und vor allem die Suche, als ein riesiger Witz erfahren wird, da wir das, was wir suchen, bereits sind und wir unter Problemen und Schmerzen leiden, die, wie das gesamte Leben von illusorischer Natur sind. Tatsächlich, sei es unser Streben, welches uns daran hindert, unsere wahre Natur zu sehen und zu sein.
Dies ist folgerichtig wenn man bedenkt, dass ein Streben nach Erleuchtung, genauso wie ein Streben nach Geld, Macht oder Ruhm etc. vom Ego gesteuert ist, d.h. der Wunsch nach Erleuchtung, unser wahres Sein überlagert. Darum sagt Ramesh Balsekar (1996): ,,Die Suche beginnt mit dem Ego und endet mit der totalen Auflösung des Egos”.
Mit der endgültigen Auflösung des Egos verschwinden alle Wünsche, einschliesslich des Wunsches nach Erleuchtung und man verweilt automatisch in seinem natürlichen Zustand.
Identifikation mit dem Körper
Wodurch entsteht das Ego? Ramesh Balsekar (1991) gibt folgendes Konzept: Vor der phänomenalen Manifestation existiert nur Bewusstsein in Ruhe. Dieses Bewusstsein in Ruhe aktiviert sich und in Form eines Urknalls entsteht plötzlich die phänomenale Manifestation. Dies ist vergleichbar mit dem plötzlichen Erscheinen eines Traums während des Schlafens. Die Entstehung der Phänomenalität bedeutet, dass aus der Einheit sich die Vielfalt manifestiert, welche sich durch Polaritäten ausdrückt (hell-dunkel, oben-unten, hinten-vorne etc.). Damit die Phänomenalität (unser Universum) wahrgenommen werden kann, bedarf es Lebewesen. So erscheint ein Universum und viele Lebewesen als Instrumente (in Form von Menschen und Tieren), durch die dieses Universum wahrgenommen wird. Dieses Universum ist jedoch lediglich eine Erscheinung im Bewusstsein ohne eigene Existenz und die Lebewesen, durch welche diese Erscheinung wahrngenommen wird, sind ein Teil dieser Erscheinung. Dieses wahrnehmende Element, in welchem das Universum einschliesslich der vielen Lebewesen erscheint, ist Bewusstsein in Ruhe, das ,,Nichts”, das Noumen, Nirvana. Letztendlich gibt es nur die Erscheinung der Phänomenalität (als Bewusstsein in Bewegung) und das Noumen, das ,,Nichts”, als reine Subjektivität, welches diese Erscheinung wahrnimmt. Wir sind nicht die Personen, für die wir uns halten (welche selbst ein Teil dieser Erscheinung ist) sondern dieses ,,Nichts”, das Noumen, das Bewusstsein, in welchem unser Leben erscheint.
Darum heißt es in der Ashtavakra Gita: ,,Du bist es, der das gesamte Universum durchdringt, und dieses Universum existiert in Dir. Deine wahre Natur ist das reine Bewusstsein. Sei nicht kleinmütig” (Balsekar, 1991, S.23).
Das Ego entsteht durch die fälschliche Identifikation mit dem Körper als eine getrennte Einheit. Anstatt sich dessen bewusst zu sein, dass alles, was mit den Sinnen wahrnehmbar ist, einschließlich der Gedanken und Gefühle eine Erscheinung in uns als noumenales Bewusstsein ist, betrachten wir das Universum als etwas real exsistierendes mit eigener unabhängiger Existenz und uns selbst als Person in diesem real existierenden Universum als eine davon getrennte Einheit. In dem Sucher mag die Erkenntnis erwachen, dass die phänomenale Außenwelt lediglich eine Illusion ist. Erleuchtung bedeutet die tiefstmögliche Erkenntnis, dass die eigene Person ein Teil dieser Illusion ist, d.h. das absolut alles, was man mit den Sinnen wahrnimmt, einschließlich Gedanken und Gefühle eine Erscheinung im Bewusstsein ist.
Das Theaterstück genannt das Leben ist bereits geschrieben
Jeder Mensch hat bestimmte individuelle Charaktermerkmale, nach denen er seine Entscheidungen trifft. Diese Merkmale setzen sich, wie die Wissenschaft zeigt, zum einen aus den Erbanlagen, zum anderen aus der Konditionierung, d.h. der Prägung durch Erfahrung, zusammen.
Der Mensch kann nicht anders , als nach seiner Struktur zu agieren. Diese Struktur beinhaltet nicht nur wesentliche Entscheidungen wie z.B. die Berufswahl, sondern ebenfalls die kleinsten und unspektakulärsten Handlungen, wie das heben der rechten Hand. Wie die heutigen Hirnforschung zeigt, so der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung Wolf Singer (2000): ,, Das, was wir als freie Entscheidung erfahren, ist nichts als eine nachträgliche Begründung von Zustandsveränderungen, die ohnehin erfolgt wären”. Mit anderen Worten, wir bekommen erst nachdem wir eine Bewegung ausgeführt oder eine Entscheidung gefällt haben, das illusorische Gefühl, uns für diese Bewegung oder Entscheidung entschlossen zu haben. Insofern ist der freie Wille eine Illusion. Jeder Mensch kann nicht anders als auf äußere Umstände gemäß seiner individuellen Struktur zu reagieren. Dasselbe geschieht selbstverständlich bei Tieren und Pflanzen und allen anderen Bestandteilen unseres Lebens. Alles ist in einer ständigen Bewegung und diese Bewegung geschieht nach den kausalen Gesetzmäßigkeiten der den Dingen innewohnenden Natur. Folglich ist mit der Erschaffung des Universums, ihr Verlauf, d.h. jegliches Geschehen, bis ins kleinste Detail vorprogrammiert. Wir als Menschen sind mit unserem Verstand ein Teil des Programms.
Was hat diese wissenschaftlich erwiesene Erkenntnis für eine Konsequenz auf unser Leben? Die Erkenntnis könnte zu einer Lebensführung führen, auf welche die alten Meister schon seit etlichen Zeiten hindeuten. Wenn das Leben ein Film ist, dessen Ende schon jetzt programmiert ist und immer schon programmiert war, wenn wir als Menschen lediglich nach unserer Struktur agieren und immer agieren werden (wobei sich die Struktur, durch laufend neue Erfahrungen, in einem ewigen Wandlungsprozess befindet), bedeutet das, dass wir den Platz unserer wahren Existenz einnehmen dürfen, um als das beobachtende Element wertfrei unser Leben zu bezeugen.
Leben und Tod
Aus der Sicht der alten Meister und aus dem logischen Denken bezüglich der Konsequenzen wissenschaftlich bewiesener Erkenntnisse, gibt es keinen Grund das Ende des Lebens zu bedauern. Wenn das Leben eine Erscheinung ist und wir das beobachtende Element sind, welche die Erscheinung wahrnimmt (nicht die Person für die wir uns gehalten haben, welche lediglich ein Teil der Erscheinung ist), so bedeutet der Tod einfach das Ende der Erscheinung. Raum und Zeit, als die fundamentale Basis der Phänomenalität, verschwinden mit dem Tod. Wir als das Noumen existieren außerhalb von Raum und Zeit und sind somit unsterblich.
Das tiefstmögliche Erkennen dieser Tatsache, welches weit über intellektuelles Verstehen hinausgeht, bedeutet das, was mit dem Wort ,,Erleuchtung” ausgedrückt werden soll.
Nachwort
Bis zu diesem Punkt, an dem sich alle Schleier unserer Konditionierung auflösen und wir das Leben intuitiv als das wahrnehmen, was es wirklich ist, gibt es für uns, als das beobachtende Element, absolut nichts zu tun
Literaturverzeichnis:
Balsekar, R. (1991). Duett der Einheit. Bielefeld: Context Verlag.
Basekar, R. (1997). Your Head In The Tiger`s Mouth. Mumbai: Zen Publications.
Balsekar, R. (1999). Who Cares?!. Mumbai: Zen Publications.
Tzu, C. (1964). Chuang Tzu: Basic Writings. Mumbai: Columbia University Press.
Tzu, R. (1990). No Way. Redondo Beach, California: Advaita Press.
Wu Wei, W. (1999). Die Einfache Erkenntnis. Freiburg: Alf Lüchow-Verlag.
Geschrieben von admin am 19. Oktober 2008 um
10:43 Uhr
in Informatives, Advaita
Fasziniert - angezogen und abgestossen - beobachten viele, was in den gentechnologischen Laboratorien vor sich geht. Die Berücksichtigung ethischer Traditionen, die im «Abendland» nicht zum Mainstream gehören, kann den Blick schärfen.
Manche suchen angesichts der Aussicht auf geklonte Menschen Halt in den «religiösen Intuitionen» der über lange Zeit stiefmütterlich behandelten christlichen Tradition. Vielleicht darf diese Tendenz als Berechtigung dafür dienen, auch die «Intuitionen» anderer Traditionen ins Spiel zu bringen, wie zum Beispiel die buddhistische. Ethische Diskurse in anderen Kulturen können zum hermeneutischen Schlüssel zu den verborgenen Dimensionen der eigenen Tradition werden. Nehmen wir als Beispiel dafür die von dem amerikanischen Japanologen William LaFleur untersuchte Diskussion zur Organspende.
Im Westen konnte die Praxis der Organspende an ein europäisch-christliches Grundethos anknüpfen, so dass nach anfänglichen Widerständen die Idee selbst mehrheitlich kaum mehr in Frage gestellt wurde. Vor allem ist es gelebte Nächstenliebe, wenn jemand zum Überleben eines anderen ein eigenes Organ spendet. Im buddhistischen Kontext Japans ist eine solche Haltung befremdlich, denn Liebe wird als ein Gefühl verstanden, welches prinzipiell nicht im Widerspruch zur natürlichen Ordnung stehen kann. Eine Liebe, welche die sakrosankte Folge von Leben und Sterben ausser Kraft setzen wollte, kann nicht Liebe sein. Doch nicht nur die freiwillige Organspende, sondern auch die Organentnahme bei «lebendigen Toten» kann nach den ethischen Erwägungen breiter buddhistischer Kreise nicht akzeptiert werden. Denn es ist für sie unbedingt vonnöten, dass auf die Feststellung des Todes die Rituale der Bestattung des Körpers folgen. Die künstliche Lebendighaltung von «Hirntoten» verletzt somit elementare Pflichten dem Verstorbenen gegenüber.
Wie LaFleur zeigte, wird in Japan die Diskussion zur Transplantation sogar von einem Begriff «belebt», dessen Anwendung in Europa geradezu schockiert: dem des Kannibalismus. In der Tat ist dessen basale Definition, sich vom Fleisch von seinesgleichen zu nähren, bei der Organtransplantation erfüllt. Nur ist es kein Akt des «Verzehrens» im wörtlichen Sinne. Warum ist im Westen der Gedanke, dass hier ein Fall von Kannibalismus vorliegen könnte, bisher kaum geäussert worden? Ist der Körper des Menschen tatsächlich so sehr zur Maschine geworden, dass eine dem «Hirntoten» zugeschriebene «Beseelung» heute geradezu als religiöser Fundamentalismus empfunden wird? Oder liegt die Abwehr des kannibalischen Momentes der Organtransplantation vielmehr darin, dass die kulturelle Prägung durch die christliche Abendmahlsvorstellung Gedanken ausschliesst, bei der Organtransplantation handle es sich um einen kannibalischen Akt?
Wie tiefgreifend kulturelle Überzeugungen verankert sind, lässt sich besonders an der Aussicht auf den geklonten Menschen, einem wohl nicht mehr lange nur hypothetischen Beispiel, verdeutlichen. Die deutschen Buddhisten haben sich zwar prinzipiell gegen das Klonen des Menschen ausgesprochen. In der «Erklärung der Deutschen Buddhistischen Union zur Genforschung und Biotechnologie» (vom 29. 4. 01) werden «alle Bestrebungen» verurteilt, «den Menschen durch Massnahmen . . . der genetischen Selektion, des reproduktiven Klonens oder der Keimbahntherapie biotechnisch optimieren» zu wollen. Als Gründe werden die notwendige Unvollkommenheit des Menschen, seine Begrenztheit und die darin liegende Würde, das Prinzip des «Nicht- Verletzens» (Sanskrit: ahimsâ) und das Illusionäre des Versuchs, auf künstlichem Wege einen «Übermenschen» zu schaffen, genannt. Das klingt nach vertrauten Argumenten. Nicht von ungefähr baut diese Erklärung stärker auf den europäischen Humanismus als auf die traditionellen Argumente der buddhistischen Ethik. Sind Buddhisten in unseren Breiten zunächst Europäer und dann erst Buddhisten?
Wiedergeburten
Nehmen wir nur ein Beispiel aus der Erklärung: die Einsicht des Menschen in seine Begrenztheit und Unvollkommenheit. Traditionell ist die Vollkommenheit dem Menschen im europäischen, griechisch-christlichen Kontext versagt. Es ist entweder Hybris, die Grenzen des Menschseins zu überschreiten, oder Sünde. Denn immer gibt es etwas, das den Menschen als Gattung begrenzt: Nach oben hin begrenzt ihn Gott und nach unten die Tierwelt. Nicht so im Buddhismus. Der Mensch ist die beste Wiedergeburt, denn von «hier» aus kann jeder «vollkommen», nämlich ein Buddha werden. Der jetzige 14. Dalai Lama steht dem Klonen deutlich weniger kritisch gegenüber als die deutschen Buddhisten. Zu dem ihm geschilderten Szenario, es könnten auf diesem Wege vielleicht Wesen entstehen, die alle unsere guten, aber keine unserer schlechten Eigenschaften hätten, antwortete er, dass eine solche technologische Entwicklung zu begrüssen sei, da sie den «Prozess der Wiedergeburt und Befreiung» vereinfachen könnte.
Zwar muss diese Bemerkung, angesichts der Inaussichtstellung eines «besseren» Menschen, die ihm der Fragende suggerierte, mit Vorsicht behandelt werden. Doch kommt in dem Statement des Dalai Lama die grundsätzliche und traditionsübergreifende Haltung asiatischer Buddhisten zum Klonen klar zum Ausdruck. Der thailändische Buddhist und Bioethiker Pinit Ratanakul sieht ebenfalls keinen Anlass, das Klonen des Menschen zu verbieten: «Wenn diese neue Technik das Bedürfnis kinderloser Paare befriedigen kann und es für alle Beteiligten weder Schmerz noch Leid, noch die Zerstörung von Leben impliziert», so der Gelehrte, «wird der Buddhismus keine Schwierigkeiten haben, das Klonen des Menschen zu akzeptieren.» Zu dieser Ansicht kommt auch Courtney S. Campbell, der im Rahmen des amerikanischen Regierungsreports zum Klonen des Menschen (1997) die Haltung der Buddhisten untersuchte.
Welche anthropologischen Konzepte des Buddhismus erlauben eine solche liberale Haltung zum Klonen? Steht zu vermuten, dass, wie zahlreiche Physiker und Biologen bekunden, der Buddhismus mit seiner praktikablen und weitgehend rationalen Sichtweise eine viel «bessere» Synthese mit den neuen Technologien einzugehen verspricht als etwa die westlichen Religionen?
Bewusstsein, Leiden
Wie stellen sich die Buddhisten, abgesehen davon, dass sie im Prinzip keine Einwände haben, konkret zum therapeutischen und reproduktiven Klonen des Menschen? Ganz zentral für alle buddhistischen Schulen ist der Gedanke, dass sich der Mensch durch keine wie auch immer geartete gefestigte Persönlichkeit auszeichnet, sondern nur durch eine Vielzahl vergänglicher Momente. Die Person ist «leer»; sie hat weder eine Seele noch einen konstanten, individuellen geistigen Kern. Schon Buddha riet, man solle sich auch nicht mit seinem Leib, seinen Gefühlen oder seinem «Ich- Bewusstsein» identifizieren: «Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich» - so möge sich der Mensch selbst betrachten, wenn er dem Leid, das jeder Identifikation mit Vergänglichem folgt, entgehen will.
Habermas hat kürzlich als Einwand gegen grössere gentechnische Eingriffe vorgetragen, dass der manipulierte Mensch, der als Heranwachsender von seiner genetischen Fremdbestimmung erfährt, die Möglichkeit verliere, seine eigene Bildungsgeschichte selbstkritisch anzueignen. Das kann aus buddhistischer Perspektive nur als eine unheilvolle Identifikation, ein «Anhaften» am vermeintlich «Eigenen» bezeichnet werden. Es scheint, als sei das Leiden an der genetischen Fremdbestimmung ein spezifisch europäisches Leiden. Es ist nicht die tatsächliche Beeinträchtigung der Freiheit, sondern vielmehr der Gedanke, nicht frei gewesen zu sein, der bei diesem Argument eine Rolle spielt. Dem genetisch Manipulierten könnte ja etwa vorenthalten werden, dass er manipuliert wurde. Vermutlich würde ihm oder ihr dann kein Problem aus der Herkunft erwachsen. - Alles Leiden entspringt dem Bewusstsein.
Selbst einem klonierten Menschen stehen alle entscheidenden Möglichkeiten offen, denn das Leben des Geistes ist ja keineswegs vollständig genetisch determiniert. Vor allem kann der Klonierte aus buddhistischer Sicht den Heilsweg beschreiten. Keine Frage: Auch ein Klon kann Buddha werden.
Wird die buddhistische Tradition also in den Ländern, in denen sie massgeblich kulturprägend vertreten ist, den Weg für eine schrankenlose Nutzung menschlicher Embryonen öffnen?
Entscheidend für die buddhistische Ethik, die weniger auf das «Opfer» als vielmehr auf den «Täter» sieht, ist, ob mit Worten, Handlungen oder auch in Gedanken absichtlich auf die Verletzung von Lebewesen gezielt wird. Werden aber durch das Klonen oder die Forschung, die das Klonen ermöglicht, Lebewesen verletzt oder gar getötet? Ein Lebewesen ist im buddhistischen Verständnis alles, was selbständige Lebenskraft bzw. -fähigkeit besitzt. Beim Klonen «überleben» zwar die erfolgreich geklonten Embryonen, aber auf Kosten zahlloser Fehlversuche. Im Falle von «Dolly» sollen es über 270 gewesen sein: aus buddhistischer Sicht eine unerhörte Inkaufnahme von getötetem Leben. Die Befürchtung einer grenzenlos permissiven Haltung der Buddhisten zum Klonen des Menschen muss also nicht geteilt werden, obwohl die charakteristischen Widerstände derer fehlen, die hierzulande mit dem Heraufziehen geklonter Abendländer auch den Untergang derselben besiegelt sehen möchten. Viele Buddhisten werden eine Technik, deren Anwendung die Tötung von lebensfähigem Leben im grossen Stil in Kauf nimmt, für die Anhäufung von schlechtem Karma verantwortlich machen, das zu einer niedrigeren Wiedergeburt führt. Wer weiss - vielleicht gar zur Wiedergeburt in einer Petrischale?
Jens Schlieter
Der Autor arbeitet an einem Forschungsvorhaben zur buddhistischen Bioethik an der Humboldt-Universität.
Geschrieben von admin am 13. Oktober 2008 um
17:40 Uhr
in Forschung, Buddhismus