Was ist Advaita?

Advaita bedeutet “Nicht-Zweiheit” und entspringt als wichtigste philosophische Lehre dem indischen Hinduismus. Der Kern dieser Lehre ist die Ansicht, dass alles in der Welt eine Einheit ist. Alles ist in Wirklichkeit miteinander verbunden, und es gibt nichts, was alleine und unabhängig von der Gesamtheit existiert. Dieses Eine könnte man Gott, ‘’Alles'’, “Selbst” oder wie auch immer nennen. Die Wahrnehmung des Menschen, der sich als eigene Person, als Individuum erfährt, ist demnach eine Illusion (Maya) oder anders gesagt ein begrenzter Bewusstseinsraum, der sich seiner Gesamtheit nicht bewusst ist. Der Austritt aus dieser Begrenzung und damit die Selbsterkenntnis dessen was wir wirklich sind, ist die Befreiung des Bewusstseins aus der Identifikation als persönliches ICH, und wird als Erleuchtung bezeichnet.
Die Einheit kann nicht gedanklich erfasst oder logisch verstanden werden, denn jedes Verstehen erfordert die Zweiteilung in ein Objekt, das verstanden wird und ein Subjekt, das versteht. Advaita wird deshalb auch als die Lehre der Nicht-Zweiheit oder des ‘’kein Zweites'’ bezeichnet.
Die Begegnung mit einem derart ‘’erwachten'’ Lehrer wird Satsang genannt. Satsang bedeutet “In Wahrheit zusammenkommen” (von Sat = Wahrheit und Sang = Zusammenkommen). Satsangs finden überall auf der Welt statt und immer mehr “Erleuchtete” geben selber Satsangs. Hier findet in der Regel eine Fragerunde statt, wo jeder Besucher Fragen an den Lehrer stellen kann und dieser durch die Klarheit seiner Antworten, den Fragenden zu sich selbst führt.

Der indische Heilige Ramana Maharshi (1879 - 1950), ist einer der wichtigsten Vertreter des Advaita. Er wollte nie ein Guru sein, und doch hat man nach seinem Tod einen Ashram für ihn gegründet. Schon in jungen Jahren hatte er sich aus der Gesellschaft zurückgezogen und sich auf dem Berg Morgenrot (Arunachala) bei Tiruvannamalai, Tamil Nadu, Indien, jahrelang in regungslose Haltung und Schweigen versenkt. Als er wieder zu sprechen begann, waren seine Worte von einer absoluten Reinheit und Klarheit getränkt, und er sprach nur noch über die Erfahrung des Einsseins mit dem absoluten, göttlichen Selbst, in der Tiefe des eigenen Herzens.
Ramana versuchte seine Besucher in dieselbe Erfahrung zu führen, indem er sie unablässig zur Frage nach dem Selbst aufforderte: Wer bin ich? Durch das Verfolgen dieser Frage zurück zur Quelle, wollte er seine Schüler zu sich selbst führen. Das “ICH BIN” ist die Quelle der persönlichen Identifikation und der gesamten manifestierten Welt. Das zu erkennen, führt hinter diese Frage und der Schüler begreift, dass er selber nicht das ist, was ICH und die Welt in Ihren Erscheinungen sind, sondern die Unendlichkeit aus der dieses ICH entspringt.

Da die Einheit und damit das wahre Selbst nicht rational zu erfassen ist, kann sie nicht gewollt werden oder erarbeitet werden. Das ist die eigentliche und schwierigste Hürde, denn unsere rationale Welt zielt darauf, durch persönliches Engagement und durch persönliche Handlung etwas erreichen zu wollen. Das wahre Verstehen aber kann nur die Erkenntnis sein, dass alles was verstanden werden kann, nicht die Einheit ist. Nach all dem jahrelangen Suchen und dem Wunsch seine Persönlichkeit durch Praktiken, wie Meditation, Yoga o.ä., zur Erleuchtung zu führen, muss akzeptiert werden, dass nur die Hingabe und damit Aufgabe der Identifikation als persönliches, eigenständiges Wesen, zur Erleuchtung führt.
Das Bewusstsein erkennt dann plötzlich, dass alles eins ist und immer schon eins war. Die Einheit wurde nur nicht erfahren, weil man sich so lange als persönliches ICH begrenzt erfahren hat und nicht bereit war diese Begrenzung aufzugeben. Hat man es einmal erfahren und durchschaut, ist es das Selbstverständlichste und Einfachste der Welt. Wir sind selber das Leben, mit all seinen Erscheinungen und unsere Person dient nur dazu, dies zu erfahren. Das ICH ist nur ein Wahrnehmungskanal, durch das sich das SELBST selbst erfahren kann.

Es geht also darum, alle Konzepte und Gedankenkonstrukte über die Welt aufzugeben und sich der allumfassenden Wahrheit hinzugeben. Es geht nicht darum, für sich als Person Glück und Frieden zu erreichen und Leid zu vermeiden, sondern darum, ein tiefes Vertrauen in das Leben zu entwickeln und sich dem was geschieht, ganz und gar hinzugeben und es anzunehmen.

Buddha und der Bauer

Zum Leben erwacht

Eine Legende erzählt, daß Buddha nach seiner Erleuchtung einen Spaziergang über die Felder machte und unterwegs einem Bauer begegnete. Dieser war beeindruckt vom Licht, das vom Meister ausging.
“Mein Freund, wer seid Ihr?” fragte er. “Ich habe nämlich das Gefühl, vor einem Engel oder einem Gott zu stehen”. “Ich bin nichts dergleichen”, entgegnete Buddha. “Was aber macht, daß Ihr so anders als die anderen seid, daß sogar ein einfacher Bauer wie ich imstande ist, dieses Licht zu bemerken?” “Ich bin nur jemand, der zum Leben erwacht ist, während die anderen schlafen. Nichts weiter. Dies sage ich allen, aber niemand glaubt mir.”
“Was bedeutet ‘zum Leben erwachen’ ?”
“Es bedeutet, jedem einzelnen Augenblick Beachtung zu schenken, nicht mehr und nicht weniger. Nichts gibt dem Menschen mehr Freude. Der Tag ist in Millionen von Augenblicken aufgeteilt, und wer sich auf die Gegenwart konzentriert, wird am Ende das gleiche Licht ausstrahlen wie ich.”
“Ein Bauer wird das nicht können.”
“Den heiligen Männern gelingt es, und sie sind Menschen wie du. Bemühe dich ein wenig, und du wirst wie diese heiligen Männer und Meister sein, die im Himalaya leben.” Der Bauer fuhr fort:”Ich bemühe mich, die Götter zu achten, aber in meiner Familie gibt es immer irgendein Problem, das mich davon abhält, mich zu konzentrieren.”

Buddha trat zu ihm und gab ihm, ohne daß es einen Grund dafür gab, eine Ohrfeige. Der Bauer erschrak. “Hast du diese Ohrfeige verdient?”, fragte der Erleuchtete. “Selbstverständlich nicht. Seit Ihr hier seid, habe ich mich demütig verhalten und sogar das Licht erkannt, das Ihr ausstrahlt.”
“Warum aber hast du nichts getan, um sie zu verhindern?” “Weil ich nicht schnell genug reagiert habe.”
“Die Probleme, die wir in unseren Famileien oder bei unserer Arbeit haben, sind nur dazu da, uns beizubringen, schnell zu reagieren. Wer diese einfache Lektion nicht lernt, den beherrscht das Leid, und er wird die Götter niemals so ehren können, wie sie es verdienen.”
“Ich versuche immer auf die bestmögliche Art zu reagieren, aber das Leben eines gemeinen Mannes ist anders, und ich glaube, Ihr versteht mich nicht richtig. Ich werde Euch ein Beispiel geben: Jedes Mal, wenn ich auf den Markt gehe, um zu verkaufen, was ich geerntet habe, treffe ich dort auf einen Händler der versucht, mich zu beleidigen. Neulich konnte ich es nicht mehr ertragen und habe ihm den Regenschirm auf den Kopf gehauen. Doch ich schäme mich, daß mein Herz so voller Haß ist.”

“Du hast falsch gehandelt, indem du ihn gehaßt hast”, sagte Buddha lächelnd. “Wenn er dich das nächste Mal beleidigt, versuche dein Herz mit Güte zu füllen. Und schlage ihm wieder mit dem Regenschirm auf den Kopf, denn das scheint die einzige Sprache zu sein, die er versteht.”

Buddha wollte daraufhin weitergehen. Doch der Bauer bat ihn, noch einen Augenblick zu bleiben: “Seht diese Bäume an. Seht diese Vögel am Himmel an. Immer, wenn ich auf dem Feld arbeite, sehe ich, wie sie in vollkommenem Einklang mit der Natur sind. Sie haben ihren Platz im göttlichen Plan gefunden. Ich aber muß mein Brot sauer verdienen. Warum behandeln die Götter die Vögel und die Bäume so viel großzügiger?”
“Weil ein guter Vater von seinem Lieblingssohn immer mehr fordert.”

“Könntet Ihr nicht wenigstens eine Nacht in meinem Haus verbringen, damit Ihr mich ein wenig besser versteht?”
“Was würde geschehen, wenn ein Bauer die Erde immer stärker düngt?”, fragte der Erleuchtete.
Der Bauer erklärte, daß die Ernte im ersten Jahr ausgezeichnet sein würde. Im zweiten Jahr würde sie sogar noch reichlicher ausfallen, aber das Getreide seinen Glanz verlieren.
“Und wenn du im Jahr darauf noch mehr Dünger verwenden würdest, dann könntest du im dritten Jahr nichts Rechtes mehr ernten, nicht wahr?”

“Unsere Unterhaltung war lang und hat wichtige Themen berührt. Versuche, dich an sie zu erinnern, das reicht. Wenn du jemandem ein wenig hilfst, stärkst du ihn. Aber hilfst du ihm zu viel, schwächst du ihn.”

Gott suchen

Ein Einsiedler saß am Fluß und meditierte, als ihn ein junger Mann unterbrach. “Meister, ich möchte euer Schüler werden.”
“Warum?” fragte der Einsiedler.
“Weil ich Gott finden will.”

Der Meister sprang auf, packte den Burschen am Kragen, zog ihn zum Fluss und drückte seinen Kopf unter Wasser. Nachdem er den zappelnden und tretenden Burschen eine Minute dort gehalten hatte, zog er ihn wieder heraus. Der junge Mann spuckte wasser und rang nach Luft. Als der Bursche sich gefangen hatte, sprach der Meister: “Nun sag mir, was hast du am meisten gewollt als du unter Wasser warst?”

“Luft”, antwortete der Mann.

“Sehr gut.” sagte der Meister. “Jetzt geh nach Hause und komm wieder, wenn du Gott genauso brauchst, wie du gerade Luft gebraucht hast.”

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