(Tan Chade Meng)
Die Lehre des Buddha dreht sich um diesen zentralen Lehrsatz,
der als die “vier edlen Wahrheiten” bekannt ist.
Die vier edlen Wahrheiten bilden die zentrale Grundlage des Buddhismus.
Was also sind die vier edlen Wahrheiten?
Erste edle Wahrheit
Die erste edle Wahrheit sagt: “Leben ist “Dukkha”.”
“Dukkha” wird sehr häufig als Leiden übersetzt;
ich glaube aber, dass dies eine sehr unzulängliche Übersetzung ist.
Eine viel bessere Übersetzung ist “Unbefriedigend”.
Im Kern sagt die erste edle Wahrheit,
dass das Leben unbefriedigend und unvollkommen ist.
Warum ist das so?
* Wir alle sind Schmerz und Leiden ausgesetzt.
* Wir alle können Krankheit, Alter und Tod nicht vermeiden.
* Wir sind Unbeständigkeit und Ungewißheit ausgesetzt.
* Sehr häufig müssen wir uns mit Dingen beschäftigen, die unangenehm sind,
* und von Dingen lassen, die angenehm sind.
All das ist unbefriedigend.
Zweite edle Wahrheit
Die zweite edle Wahrheit erforscht die Ursache des Nichtzufriedenstellens.
Woran liegt es, dass unser Leben unbefriedigend ist?
Die Antwort liegt innerhalb von uns:
unser Leben ist unbefriedigend wegen “Tanha” und “Avija”:
* “Tanha” wird sehr häufig als “Begierden” übersetzt,
aber eine viel bessere Übersetzung sollte “Durst” sein.
* “Avija” bedeutet “Unwissenheit”.
Was ist “Durst”?
Durst ist unsere natürliche Tendenz,
an Angenehmen anzuhaften und Unangenehmem abgeneigt zu sein.
Die meisten von uns verbringen den grüßten Teil ihres Lebens damit,
nach Dingen zu jagen und an Dingen zu haften,
die unsere Wünsche, Egos, Sinneslüste usw. befriedigen,
und zu versuchen vor den Dingen davonzulaufen,
die wir schmerzliches, unangenehmes usw. finden.
All dies fassen wir unter “Durst” zusammen.
Was ist “Unwissenheit”?
Unwissenheit ist, nicht zu wissen,
* dass alle bedingten Sachen vorübergehend sind,
* dass alle bedingten Sachen unbefriedigend sind,
* dass alle Sachen “ohne eigentliches Selbst sind”,
* die vier edlen Wahrheiten nicht zu kennen.
Der “Unwissenheit”-Teil ist ein wenig umfassend, das gebe ich zu.
Dritte edle Wahrheit
Gibt es dann einen Weg, den “Durst” und die “Unwissenheit” zu überwinden?
Diese Frage wird durch die dritte edle Wahrheit beantwortet.
Die dritte edle Wahrheit sagt: ja, gibt es einen Weg.
Es gibt einen Weg, “Durst” und “Unwissenheit” zu überwinden.
Wer diesem Weg folgt, wird ruhig und glückseelig.
Es gibt kein Leiden mehr.
Es gibt nichts Unbefriedigendes im Leben mehr.
Dieser Zustand des Seins wird “Nirwana” genannt.
Vierte edle Wahrheit
Das ist ja toll!
Aber wie überwinden wir dann “Durst” und “Unwissenheit”?
Hier kommt die vierte edle Wahrheit ins Spiel.
Die vierte edle Wahrheit ist ein Bündel der Kultivierung des Selbst,
die es dem Übenden ermöglicht, das Ziel des “Nirwana” zu erreichen.
Es gibt 8 Teile in diesem Bündel der Selbst-Kultivierung.
Darum wird es auch der “Achtfache Weg” genannt.
Die 8 Teile sind: der achtfache Pfad
1. Vollkommene Gedanken,
2. vollkommene Tätigkeiten,
3. vollkommene Rede,
4. vollkommener Lebensunterhalt,
5. vollkommene Bemühung,
6. vollkommene Achtsamkeit,
7. vollkommene Konzentration und
8. vollkommenes Verständnis.
Der achtfache Weg kann in 3 Bereiche geglieder werden:
1. Ethik
Der erste Bereich ist das “Ethik”.
Die Idee ist hier, ein Leben zu leben, in dem man versucht,
ständig Freundlichkeit und Liebe zu üben und so zu leben,
dass unser Gewissen rein ist.
Das kommt von unserer Übung vollkommener Gedanken,
vollkommenen Tätigkeit, vollkommener Rede und vollkommenen Lebensunterhaltes.
Im Grunde leben wir das Leben so gut wie wir können.
2. Konzentration
Der zweite Bereich ist die “Konzentration”.
Wenn unser reines Gewissen durch “Ethik” kultiviert ist,
kultivieren wir unseren Geist, damit er ruhig, friedlich und konzentriert ist.
Dieses kommt von unserer Übung vollkommenen Bemühungens und vollkommener Konzentration.
3. Einsicht
Der dritte Bereich ist die “Einsicht”.
Mit einem sehr starken, ruhigen, konzentrierten und friedlichen Geist lernen wir,
an uns selbst zu arbeiten, Einsicht in uns selbst zu gewinnen
und schließlich all unsere Probleme und alles Unbefriedigende in unseren Leben zu überwinden.
Dies resultiert aus unserer Übung vollkommener Achtsamkeit und vollkommenen Verständnisses.
Mit kurzen Worten …
Das oben gesagte ist Buddhismus kurzgefaßt.
Im Grunde holen wir hier den Buddha wie einen Arzt,
um ein Problem zu lösen: das Unbefriedigende.
In der alten indischen Kultur führt der Arzt 4 Schritte durch:
1. er kennzeichnet und bestätigt das Problem,
2. findet die Ursache des Problems,
3. gibt an, dass es eine Heilung gibt, und
4. verschreibt eine Behandlung.
Die 4 edlen Wahrheiten können als dieses Verfahren gesehen werden:
1. Die erste edle Wahrheit bestätigt, dass das Problem Dukka besteht.
2. Die zweite findet die Ursache.
3. Die dritte gibt an, dass eine Lösung möglich ist.
4. Und die vierte verschreibt die Lösung.
London - Innere Ruhe und Ausgeglichenheit - das scheint das britische Top-Model Kate Moss zu suchen. Zumindest zitiert der «Mirror» in seiner Onlineausgabe einen Bekannten von ihr mit den Worten:
«Sie fährt richtig auf Buddhismus ab - und hat sich auch schon einen Bronze-Buddha gekauft.» Na dann. Die mehr als ein Meter große Statue throne jetzt in ihrem Wohnzimmer in einer Duftwolke aus Räucherstäbchen. Außerdem soll die 35-jährige, die schon mit 14 ins Modelgeschäft einstieg, viele Bücher über diese fernöstliche Glaubensrichtung gekauft haben, die sie täglich lese. «Kate will sich entspannen und genießt es, zu meditieren und etwas über Buddhismus zu lernen», so der Freund des Models. Offenbar hat die erfolgreiche Geschäftsfrau (Mode, Parfum) und Mutter einer sechsjährigen Tochter Beruhigung nötig.
Mettâ-Vipassanâ-Bhâvanâ
von
Shanti Strauch
Aus der Zeitschrift: Gestaltkritik 2-97, Gestalt-Institut Köln
Shanti R. Strauch, vormals Elektronik-Ingenieur, war fünf Jahre lang Mönch in der Theravada-Tradition. In Sri Lanka unterzog er sich einer zweijährigen Intensivschulung in Vipassana-Meditation, lebte dort eine Zeit lang im Dschungel und zog später mit der Bettelschale als Wandermönch durch Europa. Im TIG Berlin (Therapeutisches Institut Giesebrecht) erhielt er seine Gestalttherapie-Ausbildung. In Therapie(ausbildungs)gruppen und buddhistischen Kreisen gibt er Anleitung zur Meditation und Dharma-Praxis. Daß erstmals ein Einführungsvortrag von Shanti Strauch schriftlich vorliegt, ist Marc Genrich zu verdanken, der dieses ?Werkstattgespräch” auf Band aufgenommen und abgeschrieben hat. Shanti Strauch hat es dann noch überarbeitet. Das Werkstattgespräch fand im Rahmen eines Übungswochenendes der Buddhistischen Meditation im Gestalt-Institut Köln statt.
Wir wollen heute Abend gemeinsam buddhistische Meditation üben. Einige Dinge, die für unsere Übung wichtig sind, möchte ich vorher erläutern. Man mag es erstaunlich finden, daß der Buddha so nachdrücklich das Richten der Aufmerksamkeit auf den Körper empfohlen hat. Wer das Körpergewahrsein entfaltet, so heißt es in einer Lehrrede, der entfaltet das Todlose. Was hat der sterbliche Körper mit dem Todlosen zu tun? Nun, das Todlose, die Essenz des Lebens, offenbart sich, wenn wir frei sind von Sucht, Abwehr und Verblendung. Am einfachsten erschließt es sich aus einem Zustand wunschloser Fülle heraus. Hierzu muß der Leibraum mit seinen Gefühlen klar präsent sein, ohne daß wir in irgendeiner Weise mit ihm verhaftet sind. Doch der Fleischkörper, so wie wir ihn kennen, ist dem unmittelbaren Erleben nicht zugänglich. Wir sehen da nur die äußere Hülle, und wenn wir die Augen schließen, bleibt davon ein Erinnerungsbild, das wir zu spüren meinen. Was wir wirklich fühlen, ist nicht der Fleischkörper, sondern der Empfindungsleib. Es gibt da im Pali ein Wort ‘vedanâ’, das beinhaltet sowohl ‘Empfindungen’ als auch ‘Gefühle’. Wir sagen ja meist zu dem, was mit dem Körper verbunden ist, ‘Empfindungen’, und zu dem, was eher seelische Art ist, ‘Gefühle’. In meiner Anleitung sage ich mal das eine, mal das andere, und ich sage noch ein drittes: ‘Energie’. Darunter verstehe ich etwas, das wir empfinden, fühlen, wahrnehmen können, das aber nicht mehr begrenzt ist durch den Körper. Oft begrenzt das gewohnte Körperbild unsere Gefühle. In unserer Übung gibt es immer wieder die Einladung, den Gefühlen Raum zu geben, sie sich ausweiten zu lassen. Der Empfindungsleib wird zunächst ähnlich gegliedert erlebt wie der Fleischkörper. Wenn wir uns allmählich von diesem Erinnerungsbild lösen, kann der Empfindungsleib groteske Formen und erstaunliche Ausmaße annehmen. Er kann sogar grenzenlos sein. Wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit ganz bei den Gefühlen und in den Gefühlen sind, finden wir keine Grenzen.
Sobald wir in dieses Unbegrenzte hineinfinden, erleben wir “Energie”. Energie ist ein Faktor des Erwachens. Aus der Sicht des Buddha ist unser Tagesbewußtsein ein Träumen, ein Halbschlaf. Der massive Fleischleib, die Grobheit der Sinnesobjekte, vor allem aber Verlangen und Abwehr binden auf dieser Ebene viel Aufmerksamkeit. Das macht unser Gewahrsein träge und trüb. Aber in der Tiefe unseres Wesens sind wir quicklebendig, klar und wach. Diesen Keim des Erwachens, die Buddhanatur, haben wir alle in uns. Zu Beginn unseres menschlichen Daseins verwirklicht sich auch schon die Grundbefindlichkeit dieser Buddhanatur. Wenn wir ein kleiner Keim im Mutterleib sind, dann spüren wir keine Grenzen, keine Form. Nichts was uns bedrängt, alles fließt uns zu an Energie. Wir sind offen, durchlässig und voller Liebe. So viel Energie ist da, was immer wir bedürfen ist im Überfluß da. Das ist vom Empfinden her das Gleiche, was ein erwachtes Wesen erlebt. Was das Baby freilich nicht hat, ist ein klares Bewußtsein davon. Es kann diesen Schatz nicht würdigen und nicht behüten, und allzubald geht er ihm verloren. Das heißt, verloren geht natürlich nur der Kontakt zu dieser Energie; unsere Einbettung in den Kosmos kann niemals verloren gehen. Das wird klar, wenn wir wieder Kontakt bekommen zu unserem Empfindungsleib. Wenn wir nach vielen Umwegen diesen Schatz wiedergefunden haben, dann wissen wir ihn wohl zu würdigen. Der Weg dahin ist für den einen kürzer, für den anderen länger. Man sagt, es dauert oft viele Existenzen, bis die Buddhanatur ausreift.
Aber lassen wir uns überraschen, bleiben wir offen für Wunder! Möglicherweise haben wir eine allzu begrenzte Vorstellung davon, was das ist, erleuchtet oder erwacht zu sein. Vielleicht birgt unsere Alltagserfahrung ganz unvermutete Schätze? Jedenfalls wissen wir das Vorhandene oft gar nicht zu würdigen; uns verlangt nach spektakulären Erlebnissen. Und solange unser Geist auf der Suche nach Luftschlössern ist, sind wir nur halbbewußt bei dem, was wirklich da ist. Unsere Aufmerksamkeit ist zerstreut, deshalb können wir das Gegebene nicht klar genug wahrnehmen, und eben deshalb läßt unsere Erfahrung zu wünschen übrig. Es geht also in erster Linie darum, die Aufmerksamkeit zu sammeln, durchaus im Alltäglichen und Gewöhnlichen. Wir nehmen unsere Zuflucht zu dem, was ist - nicht zu dem, was sein könnte, sollte, müßte. Sobald wir unsere Gegenwart würdigen und dankbar annehmen, erwachen wir aus unseren Wunschträumen zur Wirklichkeit. Ein Moment des Erwachens könnte es sein, wenn wir ohne Abwehr klar bewußt unsere Schmerzen ertragen; ein anderer, wenn wir ohne uns zu verurteilen um unseren Ärger wissen oder unsere Traurigkeit spüren. Würdigen wir unsere Erfahrung, auch wenn sie leidvoll ist, und bleiben wir offen! Es mögen gerade unsere dunklen Anteile sein, die durchlichtet werden müssen, damit sich ein klares, umfassendes Gewahrsein entfalten kann.
Normalerweise ist unser Gewahrsein verengt und gefangen durch unser Selbstbild. Mag dieses Selbstbild etwas Erhabenes sein oder etwas ganz Kümmerliches, wir halten daran fest. Wir sind stolz darauf, leiden daran, wir hegen und pflegen es, putzen es heraus, behängen es mit allem möglichen Firlefanz, halten es für das Wichtigste in der Welt. Mit der Übung erschließt sich uns eine offenere Sichtweise. Wenn wir nun neue, beglückende Erfahrungen machen, aber auch Kontakt bekommen zu unserer Bedürftigkeit, zu beschämenden Einsichten und tiefen Ängsten, könnte dies unser Selbstbild aufblähen oder verunsichern oder verletzen. Dem können wir vorbeugen, indem wir in einer Weise üben, die weitgehend ohne Identifikation auskommt.
Lassen wir uns vom Erleuchtungserlebnis des Buddha inspirieren! Das Erwachen des Buddha vollzog sich in drei Stufen. In der ersten Nachtwache, so heißt es, erinnerte sich der Bodhisatta seiner früheren Geburten. Er konnte sich genau daran erinnern, daß er im vorangegangenen Leben den und den Namen hatte, die und die Eltern, den und den Beruf. Und im Leben davor, so erinnerte er sich weiter, hatte er jenen Namen und jene Eltern usw. So wanderte seine Erinnerung viele, viele Existenzen zurück, 92 Weltzyklen sollen es gewesen sein. Im manchen Daseinsrunden erlebte sich der Bodhisatta als Tier, in anderen als Himmelswesen; alle möglichen Lebensformen hat er erinnert. Interessant ist nun, daß der Buddha bei seiner Erzählung immer sagt: ?Das war ich.” Diese Sichtweise entsprach noch weitgehend dem alten Brahmanenglauben, wonach eine Ich-Seele die Verkörperungen durchzieht wie ein Faden die Perlenkette. In dieser ersten Nachtwache wurde das Selbstbild des Bodhisatta erheblich ausgeweitet und aufgelockert, es blieb aber im wesentlichen noch ungebrochen.
In der zweiten Nachtwache passiert nun etwas ganz Neues, für Hindus völlig Unvorstellbares: der Seelen-Faden zerreißt! Da ist kein Ich-Erleben mehr, sondern ein Gewahrwerden auf und absteigender Wesenheiten. Der Psychologe würde ‘Projektion’ dazu sagen: die inneren Anteile werden als eigenständige Wesen erlebt. Nun gut. Der Bodhisatta sieht, wie die Wesen je nach ihrem Wirken wiedergeboren werden. Und nun, merken wir uns das für unsere Übung: der Bodhisatta spricht hier durchweg von den lieben Wesen, auch wenn sich einige davon so schlimm benehmen, daß sie in die Hölle wandern.
In der 3. Nachtwache zerfällt auch das Bild von den Wesenheiten. Dem Buddha offenbart sich die nackte Wirklichkeit, unverstellt von Überzeugungen, Bildern, Zugriffen jeder Art. Er durchschaut den Bewußtwerdeprozeß, entdeckt die ,Vier Edlen Wahrheiten’ - und realisiert seine Freiheit.
Was können wir nun mit dem Erleuchtungserlebnis des Buddha anfangen? Zunächst, was unsere persönliche Vergangenheit betrifft, da gilt es bewußt Verantwortung zu übernehmen, durchaus in dem Sinne: ?Das war ich”. Auch wenn wir nur ein sehr beschränktes Gedächtnis haben, wäre es heilsam, davon ausgehen, daß wir unser Schaffsal selbst produziert haben. Im Augenblick sitzen wir hier zwar wie die Heiligen auf der Matte, aber da gibt ja auch ziemlich unheilige Begehrlichkeiten und Abneigungen in uns. Es reicht schon, zu erinnern, was wir in diesem einen Leben so alles verzapft haben. Der Pali-Begriff ’sati’, der meist mit ‘Achtsamkeit’ übersetzt wird, heißt im ursprünglichen Sinne ‘Erinnerung’. Nur wenn wir mit unserer Vergangenheit klar sind, können wir unbeschwert in der Gegenwart leben. Um uns zu erinnern, brauchen wir nicht unbedingt unseren Kopf zu bemühen. Neue, frische Erinnerungen steigen auf, wenn wir still und offen unsere Gegenwart betrachten und unsere Sinneswahrnehmung wieder Kontakt zu den Gefühlen bekommt. Da mögen neben beglückenden Erinnerungen auch peinliche Vorkommnisse aufsteigen, wo wir durchaus keine rühmliche Rolle gespielt haben. Engelhaftes, Tierisches, Dämonisches, Gespensterhaftes lebt in uns, nicht nur als Erinnerungsbild, sondern es verkörpert sich in unserem Alltag. Am Anfang wird man sich vielleicht noch mit all dem identifizieren und tapfer sagen: ?Ja, das war ich” oder ?Na gut, das bin ich also auch”. So ist das erst mal eine Bereicherung des Selbstbildes bzw. eine Auflockerung, ähnlich wie sie der Buddha in der ersten Nachtwache erlebt hat.
Mit der Zeit wird es einfacher und wirkungsvoller, wenn wir uns die zweite Phase des Erwachens zum Vorbild nehmen und nicht mehr sagen: ?Das bin ich”, sondern: ?Das sind Wesenszüge oder Wesenheiten, die da aufsteigen.” Zuerst erscheint das befremdlich, aber bald gewinnt man richtigen Spaß daran. Wir identifizieren uns nicht mehr mit dem, was wir in uns vorfinden, sondern üben uns in dieser neuen Sichtweise, z.B.: ?Aha, da ist jetzt ein kleiner Dämon, der sich in mir verkörpert. Wie wütend der ist!” Wir betrachten dieses Wesen mit dem gleichen liebevollen Interesse, wie wir etwa ein spielendes Kind betrachten, mit Offenheit, Zuwendung und Mitgefühl. Gelegentlich auch mit herzlichem Vergnügen. Ja, wir sind mit offenem Herzen bei diesem Wesen, in ganz tiefem Kontakt; wir spüren genau, wie es sich anfühlt, wütend zu sein. Oder wir merken, wie da einer ganz komische Klimmzüge macht, um beachtet zu werden. Oder wir umhüllen fürsorglich ein schluchzendes Kind. Dabei können wir erstaunliche Entdeckungen machen. Da gibt es Wesen mit ganz widersprüchlichen Bedürfnissen, die scheinbar gegeneinander arbeiten. Vielleicht verkörpert sich gerade ein Wesen, das meditieren möchte. Kaum sitzen wir auf der Matte, sind ganz andere Wesen zugange, mit sinnlichen Bedürfnissen, alberne Wesen, manchmal auch ganz dumme, das kennt Ihr doch auch, oder? All dies verkörpert sich in uns, und wir sind mit Achtsamkeit und offenem Herzen dabei: ?Das lebt da jetzt in uns.”
Je mehr wir unsere ganze Wirklichkeit kennenlernen, desto unangemessener erscheint die Vorstellung, ein Einzelwesen mit klar definierbaren Eigenschaften zu sein. Wir gleichen eher einem Kosmos von Wesenheiten. Wir merken auch, wie oft Wertungen, Lob und Tadel aufsteigen: ´Das ist jetzt richtig´ - ´Das sollte besser nicht sein´. Unsere Gouvernante spielt offenbar eine bedeutsame Rolle in diesem Theater. Wir haben möglicherweise auch ziemlich penetrante Anteile in uns. Ein unerbittlicher Diktator mag uns ständig antreiben und bisweilen dem ganzen übrigen Völkchen die Lebensfreude nehmen. Ein lebensfeindliches Ideal kann uns regelrecht terrorisieren. Auch hier gilt es, offen und freundlich zu bleiben und seine innere Unabhängigkeit zu bewahren bzw. neu zu gewinnen. Wir können ein zwanghaftes Verhalten nicht mit Gewalt durchbrechen. Nur liebevolles Verstehen kann allen Zwang auflösen. Schauen wir diesem ganzen Theater vielleicht ein bißchen entspannter zu, mit Geduld und Humor. Erinnern wir uns, daß wir mit diesen lieben Wesen üben, nicht gegen sie! Wie wollen wir den rauhen Alltag mit seinen Monstern überstehen, wenn wir nicht einmal auf dem Meditationskissen mit unseren Gespensterchen klarkommen?
In einer noch späteren Übungsphase konfrontieren wir einfach den Ärger, ohne dabei an irgendwelche Wesen zu denken. Wir erforschen mit Wißbegier und Hingabe, was das eigentlich ist, woher es kommt, unter welchen Bedingungen es entsteht, wie es sich anfühlt, usw. Je vertrauter wir damit werden, desto eher merken wir: ?Ach, da sind sie ja wieder, diese Aufwallungen” und wissen immer besser damit umzugehen. Wir lernen den Gefühlen in uns Raum geben, um ihre Energie unmittelbar zu nutzen. Dabei entspannen wir uns bewußt zum Boden hin und spüren zusammen mit dem Bodenkontakt dieses Herzklopfen, dieses Zittern der Knie, das Pulsieren im Hals, usw. Wir lassen die Erregung im ganzen Leibraum sich ausbreiten, öffnen uns bis in die Zehen und Haarspitzen hinein für diese Energie und lassen sie durch uns hindurchfließen. Dabei können wir immer wieder erleben, wie es sich in unserem Gewahrsein einfach auflöst und unsere Wachheit nährt. Unsere Ärger-Energie macht uns frisch und wach wie eine belebende Dusche. Im Alltag erweist sich diese Übung als ein wahrer Segen; sie schützt uns davor, daß starke Gefühle uns überschwemmen und wir im Gefühlsdusel Unsinn machen. Wo nichts unterdrückt wird, braucht sich nichts zusammenzubrauen, anzustauen oder herauszubrechen. Ist das dann überhaupt noch Ärger? - mag man sich fragen. Was immer es sein mag, wenn wir Erregung spüren, darf sie fließen. Die bedrohlichen Einflüsse aus dem Unbewußten werden so allmählich zu nährenden Lebensströmen.
Mit dem Körpergewahrsein gewinnen wir eine bislang nicht gekannte Sicherheit und Zuversicht. Voller Vertrauen können wir die Dinge sich frei entfalten lassen und heitergelöst allem zuschauen. Da entwickelt sich das Sinnesbewußtsein immer wieder aus keimhaften Berührungen bis hin zur Anschauung der vertrauten Dinge, da entstehen Gedanken, Assoziationen, Wünsche und lösen sich wieder auf Es wird offensichtlich, daß wir mit all diesen Vorgängen nicht eben viel zu tun haben. Je weniger wir uns einmischen, desto klarer erkennen wir, wie die Dinge ganz von selber gesetzmäßig auseinander hervorgehen. Wenn die Fähigkeit des Nichtgreifens und Nichthaftens, die Gelassenheit, in Ruhe völlig ausgereift ist, könnte uns in einem gesegneten Augenblick bewußt werden, daß wir mit diesem Geschehen überhaupt nichts zu tun haben. Was immer da fließt, überschwemmt uns nicht, trägt uns nicht fort, vermag uns nicht zu beeindrucken, ja es berührt uns nicht im Geringsten! Wir merken das vielleicht zum erstenmal bei einem lauten Geräusch, das vollkommen ungehindert durch uns hindurchgeht. In diesem Augenblick könnten wir unsere Freiheit von allen Verhaftungen realisieren. Dies entspräche der dritten Nachtwache des Buddha.
Der Überlieferung nach sind in unserem Zeitalter schon vier Buddhas mit unterschiedlichen Hauptkräften erschienen. Wir haben sie alle verschlafen! Der fünfte und letzte Buddha wird ein Buddha der Liebe sein. Also: die letzte Chance, zum Erwachen zu kommen, besteht darin, unser Herz zu öffnen! Nicht mit dem Kopf - mit dem Herzen gilt es zu verstehen! Wir lernen also, alles Lebendige, das sich in uns verkörpert, zu achten und fürsorglich damit umzugehen. Wir schließen Freundschaft auch mit den fragwürdigen und unbequemen Wesenheiten in uns. Dann übernimmt in unserem Völkchen allmählich der Buddha das Regiment, der Buddha der Liebe. Ob es Angenehmes oder Unangenehmes zu erleben gibt, erinnere das Buddha-Baby in deinem Herzen und laß es an allem teilhaben. Unsere Zuflucht zum Buddha ist die Zuflucht zur erwachenden Liebe! Alles ist in Ordnung, wenn die Liebe dabei ist, wo sie aber fehlt, müssen wir sie behutsam wecken. Wir brauchen uns mit nichts zu identifizieren. Wir kommen ins Zwiespräch mit einem verdrießlichen Untermieter von uns. Oder wir entdecken einen depressiven Anteil in uns. Oder: da ist einfach dieser Zustand von Erschöpfung, den wir näher erforschen können. Das alles sind Hilfen, unsere Abwehr zu überwinden, achtsam mit uns umzugehen und ein umfassendes, liebevolles Gewahrsein zu entwickeln. Je besser wir uns selbst verstehen und annehmen können, desto leichter wird es, mit anderen Wesen klarzukommen. So, also dieses wache liebevolle Interesse für unsere Wirklichkeit, darum geht es in der Meditation.
Eine besondere Rolle in unserer Übung spielen alle Übergänge. Schon der Übergang vom Sitzen ins Stehen hinein, das Aufstehen, ist eine spezielle Achtsamkeitsübung. Probieren wir das gleich mal aus, den Anfang davon. Lassen wir uns Zeit. Zunächst werden wir uns der Startposition bewußt, wie immer sie sei, ohne gleich etwas zu bewegen wir entspannen uns in diese Körperhaltung hinein spüren den Bodenkontakt entspannen uns ganz zum Boden hin öffnen das Gewahrsein nach oben dehnen uns in die Aufrichtung hinein öffnen das Gewahrsein zum Raum um uns herum gehen achtsam in die Bewegung hinein dehnen und räkeln uns, immer in Kontakt mit unseren Gefühlen Dabei wissen wir genau was wir tun, mit welchen Körperteil wir dieses Aufstehen beginnen. Wie fühlt sich das an, wenn wir das Fußgelenk ergreifen wenn wir jetzt das Knie anheben wenn wir einen neuen Kontakt zum Boden gewinnen nun noch ein bißchen nachspüren Gut.
Es geht darum, das Gewahrsein der Übergänge zu schulen. Wir versacken mit unserer Aufmerksamkeit immer wieder in statischen, begrenzten Zuständen, statt wahrzunehmen, wie die Dinge auseinander hervorgehen, miteinander koexistieren, wie sie ineinanderfließen, wie eins das andere nährt und sich dabei verzehrt. Im Grunde geschieht das ständig, aber wir nehmen es kaum wahr. Wenn wir z.B. um uns herumschauen schon fixiert der Blick dieses oder jenes Objekt. Um von der einen Form zur anderen kommen, muß der Blick ja durch den Raum gleiten manchmal blinzeln wir auch dazwischen Kriegen wir mit, wie die Farben und Formen durch unser Sehfeld fließen, wie sie verschwinden und wieder auftauchen? Auch mit unseren Gedanken ist es so. Wir haben da vielleicht ein ganz wichtiges Problem - auch wieder so etwas Kompaktes, das unsere Aufmerksamkeit fesselt. Vielleicht interessieren wir uns bei dieser Gelegenheit mal für das Denken als solches? Was ist das eigentlich - Denken? Auch Denken ist etwas Fließendes, ist Bewegung, die man empfinden kann. Wenn wir jetzt irgendein Mantram im Geiste wiederholen würden, könnten wir es nach einiger Zeit ganz deutlich spüren. Wir würden wahrnehmen, wie das rollt und was das für Gefühle auslöst. Laßt uns das doch mal ausprobieren! Also denken und dabei spüren Denk mal bewußt den Vokal ?Aaa” jetzt das ?Uuu” und nun ?Iii” nicht wahr, das spürt man doch! Wir interessieren uns also in unserer Übung mehr für die feinen Veränderungen, als für das Statische und Feste.
Übergänge können auch Körperzonen sein. Da gibt es typische Übergangszonen, die Gelenke. Bei den aktiven Körperübungen achten wir besonders auf die Gelenke, gar nicht mal so sehr auf die Glieder als solche. Die Gelenke verbinden die Glieder mit dem Leib und die Gliedteile miteinander. Die Gelenke sind gleichsam die Weichen, die den Energiefluß bahnen in die eine oder die andere Richtung. Wenn wir der Gelenkräume nicht gewahr sind, können wir das Fließen der Gefühle nicht spüren. Eine ganz wichtige Übergangszone ist unsere Haut. Wenn z.B. die Haut an den Fußsohlen verspannt und nicht zu spüren ist, bekommen wir bei längerem Stehen gestaute Füße. Wir arbeiten nun mit unseren Übungen intensiv den ganzen Leibraum durch und lassen all diese Verspannungen in Bewegungsempfindungen und letztlich in pure Wachheit aufschmelzen. Dabei erleben wir, daß unsere Haut weniger eine Grenze ist als vielmehr ein Kontaktorgan. Überall, wo Kontakt bewußt wird, geschieht ein Austausch, dort fließt etwas, und das öffnet unser Gewahrsein und macht uns wach. Manchmal erleben wir unbequeme Gefühle wie Schwindel oder Übelkeit. Wir können das als einen Zwischenzustand der Schmelze sehen: Eis wird erst mal zu Schneematsch, dann zu Wasser, schließlich zu Dampf. Wir bleiben geduldig bei diesen Matschgefühlen, geben ihnen Raum, lassen sie sich weiter verteilen, schauen zu, wie sie sich auflösen. Wem es zu viel wird, der mag sich hinsetzen oder hinlegen. Übergänge sind auch all unsere Sinneskontakte: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Sie öffnen unser Gewahrsein zum umgebenden Raum. Bei Müdigkeit empfiehlt sich die behutsame Aktivierung der Sinne. Wir spüren etwa zur Hautoberfläche hin, zu den Haarspitzen, lauschen in den Raum hinein, öffnen die Augen oder dehnen uns ein wenig. Bei Aufgeregtheit empfiehlt sich eher die Wendung nach innen. Wir nehmen den Bodenkontakt wahr und die Schwere des ruhenden Leibraums. Überlaß alles der Schwerkraft. Alle Unruhe darf in die Erde sinken.
Die Bahnung des Leibgewahrseins unterstützen wir gelegentlich durch geeignete Vorstellungen. Wenn z.B. das Gewahrsein nach oben zu entfalten ist, dann sage ich vielleicht: ?Wir stellen uns vor, die Haare stehen zuberge…” oder ?Ein Fädchen zieht uns am Schopf zum Himmel…” Diese Bilder dienen lediglich als Schlüssel, das Gewahrsein in diesem Bereich zu öffnen. Wir sollten nicht zu sehr mit dem Willen arbeiten, sondern mehr bereit sein, uns einzulassen, uns hinzugeben. Hierzu ein kleines Experiment: Werdet euch mal eures Armes bewußt, der jetzt vielleicht irgendwo abgestützt ruht Macht euch klar, dieser Arm bewegt sich nicht von alleine Werdet euch der Muskeln bewußt, die notwendig sind, den Arm zu heben Wir innervieren behutsam diese Muskeln, ohne den Auflagekontakt gleich zu lösen und dann heben wir mittels dieser Muskeln den Arm hoch Spürt, wie sich das anfühlt! Wir heben den Arm bis über den Kopf und strecken die Hand ganz nach oben Nun laßt den Arm wieder sinken. Kleine Pause.
Laßt den Arm ruhen der darf sich ganz tief ausruhen keinen Millimeter bewegt der sich von alleine Nun spüren wir in unsere Achsel und öffnen uns dort behutsam öffnen uns im Ellenbogen im Handgelenk spüren in die Hand bis in die Fingerspitzen, Fingerzwischenräume hinein und nun folgen wir dem Bedürfnis nach weiterer Öffnung, dehnen uns noch ein bißchen nach vorn und räkeln uns dann nach oben Nicht wahr, das ist etwas völlig anderes, als wenn wir die Bewegung mit Muskelkraft machen, merkt ihr das? Wenn wir die Muskeln anspannen ist die Aufmerksamkeit beim Fleischkörper, nicht im Empfindungsleib. Der Arm ist ein materielles Ding, und ihr hebt dieses Ding mit einiger Mühe hoch. Das Dehnen in den Raum hinein ist eine völlig andere Erfahrung. Wir spannen nichts an, wir entspannen uns. Wir öffnen das Gewahrsein zum Leibraum und darüber hinaus, erleben fließende Gefühle und schließlich einfach Raum. Unser Bewußtsein wird raumartig.
Einige Leute, wenn sie meditieren, sind ständig bemüht, durch Muskelkraft mit aufgerichtetem Rücken zu sitzen. Es ist unmöglich, dabei tief zu entspannen. Es funktioniert ein paar Minuten lang und bindet enorm viel Energie. Dann wird der Rücken wieder müde und sackt zusammen. Man kann einen ganz mühelosen, aufrechten Sitz finden, indem man sich erst mal bewußt dem Boden anvertraut und sich dann nach oben in die Aufrichtung hinein entspannt. Eine Hilfe hierbei ist, wie gesagt, das Himmelsfädchen; es zieht uns sanft nach oben und wir überlassen uns diesem Zug Wie ein Hündchen, am Nackenfell gepackt, sich hochziehen läßt und alles baumeln läßt und sich schwer macht nach unten Wenn ihr diese beiden Dinge beachtet, das Sich-Niederlassen auf den Boden und das Sich-Öffnen nach oben, dann habt ihr einen mühelosen, aufrecht-entspannten Meditationssitz.
Das ganze Geheimnis des mühelosen, lustvollen Übens besteht darin, daß wir mit der Achtsamkeit von innen her Räume erschließen, nicht von außen her irgendwelche Objekte manipulieren. Den Unterschied merkst du am deutlichsten bei der Atembetrachtung. Wenn du mit der Achtsamkeit von außen an den Atem herangehst, ihn als Objekt betrachtest, mußt du ihn festhalten, um ihn nicht aus dem Gewahrsein zu verlieren. Das strengt an, und nach ein paar Atemzügen ist der frustrierte Geist woanders. Wenn du auf diese mühsame Weise unbedingt beim Atem bleiben willst, mußt Du von außen her, mit dem Willen, ständig Energie investieren. Schließlich wird der rebellische Geist müde und sagt sich: der Klügere gibt nach. Dann hast du den Trick raus, im Sitzen ‘bewußt’ schlafen zu können. - Ganz anders, wenn du den Atem vom Empfindungsleib her erschließt. Laß den Willen am besten beiseite, spür lieber. Sobald du dich in die Atemgefühle hinein entspannst, gewinnst du Raum, Weite, Wachheit. Das macht Spaß und der Geist ist voller Begeisterung dabei. Da entsteht offene Weite - und vor allem Klarheit. In der Rechten Sammlung sind Wohlgefühl, Ruhe und Klarheit miteinander verbunden. Diese Art Sammlung ist mühelos.
Festhalten verengt unser Gewahrsein, bewußtes Loslassen öffnet es wieder. Die Enge und Dumpfheit unseres Tagesbewußtseins ist zum großen Teil bedingt durch die übermäßige Bindung der Aufmerksamkeit an statische Objekte. Nun üben wir uns darin, aufmerksamer zu werden für alles, was fließt und pulsiert und sich verändert. Annähernd statisch ist zum Beispiel unsere Sitzposition. Wir sitzen also aufrecht-entspannt, der Körper darf sich ausruhen Da sind diese deutlichen Druckempfindungen im Gesäß, spür mal Bleib ein Weilchen in diesen Druckempfindungen Hilfreich mag die Vorstellung sein, daß wir die Empfindungen einfärben, um sie sichtbar zu machen. Wo sie deutlich zu spüren sind, in kräftigen Farben, und wo wir sie mehr ahnen als spüren, ganz leicht hintuschen Dabei kommen wir mit unserer Achtsamkeit immer tiefer in diesen Kontaktraum hinein spüren die Ruhe und den Frieden gut. Bleib ein Weilchen in diesem Raum, ruh dich aus ruh dich richtig aus Das ist ein wunderschöner, angenehmer Zustand, nicht wahr, aber auch etwas tranceähnlich. Würden wir bei dieser Ruhe bleiben und uns da hinein vertiefen, würden wir vermutlich einschlafen.
Da sind aber, wenn wir ganz still sitzen und in uns hineinlauschen, feine Bewegungen in uns, wie die Atembewegung oder ein ganz feines Schwanken des Körpers Das sind Empfindungen, die sich von Moment zu Moment ändern, im Gegensatz zu den annähernd statischen Druckempfindungen im Becken Diesen feinen Veränderungen gilt jetzt unser besonderes Interesse. Wo spürst du sie am deutlichsten? Wie fühlt sich das an wie weit wirken diese Empfindungen in den Leib hinein? So, wenn die Bewegung klar genug geworden ist, versuch jetzt mal beides zugleich wahrzunehmen, also die Druckempfindungen im Becken zusammen mit diesen feinen Bewegungsgefühlen Sind das eigentlich voneinander abgegrenzte Gefühle? Ist da eine Trennwand dazwischen? Was geschieht jetzt? Sind die Gefühle im Beckenraum noch statisch? Das Becken scheint mitzuatmen, oder? Ist das eine Täuschung, oder kannst du das wirklich spüren? Vielleicht entdecken wir gerade, daß unser Becken ein pulsierender, atmender Raum ist ?
Das Prinzip ist einfach. Die stabile Sitzhaltung mit den deutlichen Druckempfindungen im Becken bildet den Ankergrund für unsere Achtsamkeit. Im Stehen ist es der Bodenkontakt in den Fußsohlen. Wir bleiben ein Weilchen mit der Achtsamkeit in diesem Bodenkontakt. Wenn wir uns dort behaglich fühlen und der Schwerpunkt unseres Gewahrseins tief und sicher im Becken bzw. in der Erde ruht, können wir uns behutsam öffnen für alles, was sich bewegt. Was bewegt sich alles? Zunächst der Atem. Wir nehmen beides, die Druckgefühle im Becken und die Bewegungsgefühle des Atems, zugleich ins Gewahrsein und lassen es zusammenfließen. Später, mit zunehmender Sammlung und feinerer Achtsamkeit, entdecken wir immer mehr Bewegung in uns und um uns herum. Der schwingende Körper, fließende oder pulsierende Schmerzen, das feine Gewoge der Gemütsbewegung, Erinnerungsbilder, Wonneschauer, Geräusche wie Lachen oder fernes Rufen wir lassen alles in diesen Raum von Ruhe hineinfließen und schauen zu, wie es sich auflöst. Eine einzige große Schmelze! Unser Gewahrsein gleicht einer offene Schale, die alles in sich aufnimmt und in sich birgt. All diese zuströmenden Energien fließen in unsere Ruhe hinein, lösen sich auf, nähren unsere Ruhe, die dabei voller und tiefer wird. Ein See von Ruhe, von vielen kleinen Zuflüssen gespeist, ein Meer von Ruhe, das flutet und ebbt und doch machtvoll still ist in seinem Grunde.
Dieses unablässige Fluten und Ineinanderströmen, das wir besonders intensiv bei den Körperübungen und im nachspürenden Sitzen auf unserer Matte erleben, geschieht eigentlich immer und überall. Babys und kleine Kinder erleben es wohl noch, aber der Erwachsene muß es in der Regel durch geeignete Übungen wieder erschließen. Um wieder in Fluß zu kommen, müssen wir einfach mehr auf die Übergänge und kleinen Veränderungen achten. Es gibt im Alltag unendlich viele Gelegenheiten, Übergänge zu entdecken und näher zu erforschen. Übergänge sind z.B. das Ein- und das Ausatmen, das Beugen und Strecken der Glieder, das Hin- und das Herblicken, das Sichsetzen und das Aufstehen, das Gehen, das Kauen und Schmecken, das Entleeren von Kot und Urin, das Einschlafen und das Erwachen, und natürlich das Sterben, der Übergang von der einen Existenz zur anderen. Letzlich ist unser ganzes Leben ein einziger fließender Übergang.
Das Üben mit den Übergängen führt nach einiger Zeit dazu, daß sich eine ganz neue Dimension der Selbsterfahrung auftut. Unser gewohntes Selbstbild kommt ins Fließen: wir sind kein statisches Etwas, wir sind ein Fluß! Es ist erregend und beglückend mit allen Sinnen zu erleben, wie wir ständig in Fluß sind. Von allen Seiten her strömt es in uns hinein und durch uns hindurch, wir sind umflutet und durchflutet von Energie, von nährenden und stimulierenden Kräften! Ist das Leibgewahrsein erst einmal gebahnt und geöffnet, bedarf es keiner besonderen Mühe, es zu bewahren. Es tritt im Alltag immer mal wieder in den Hintergrund, aber kaum richten wir die Aufmerksamkeit darauf, wird uns sogleich wieder das Fließen und Fluten bewußt. Und dann - lassen wir uns ein Weilchen nähren und stillen! Wir brauchen nichts weiter zu tun, alles Wesentliche geschieht ganz von selbst, aller Segen ist im Überfluß da!
Eines will ich noch anfügen: Gehen wir ökonomisch mit dem Ertrag unserer Arbeit um! Gegen Ende der Übung lassen wir uns viel Zeit, die Ernte unser Bemühung einzuholen. Also - stell dir vor, wir haben gerade unser halbes Stündchen in Stille gesessen. Wir bewegen uns nicht sofort, wenn das Glöckchen ertönt. Erst mal nehmen wir bewußt wahr, wie es in uns ausschaut Was ist am deutlichsten zu spüren? Vielleicht fühlen wir uns erfrischt und glücklich, vielleicht aber auch müde und enttäuscht. Der eingeschlafene Fuß piekt, der Rücken tut weh Was immer es sein mag, würdige es als Erfolg deiner Übung, geh achtsam damit um! Wir bleiben still sitzen, spüren die besondere Qualität dieses Zustands, gehen noch einmal in ganz tiefen Kontakt damit so fühlt sich das an bleib dabei und erinnere zusätzlich die Körperhaltung Wir sitzen in der würdigen Buddha-Haltung mit unserer Energie, öffnen uns dafür in allen Gliedern, Organen, Geweben verkörpern es ganz Für ein paar Augenblicke werden wir zu Buddhas und Buddhinen der Freude, der Traurigkeit, des Schmerzes spür das in allen Zellen und Poren auch um dich herum laß es ausstrahlen in den Raum Und dann gehen wir behutsam in die Bewegung, dehnen und räkeln uns, lockern die Sitzposition und finden - geleitet von unseren Gefühlen - in eine bequemere Körperhaltung hinein.
Auf dieser Seite möchte ich einen kleinen Einblick in die Welt des Buddhismus geben. Dabei hoffe ich, dass meine Ausführungen auch dem Anfänger in Sachen Buddhismus verständlich und nützlich sind (Tip: einfach die Fachbegriffe in Klammern ‘überlesen’). Wem diese Einführung nicht genügt, dem empfehle ich meine Buddhismus - Links durchzusehen, denn dort sind auch einige Links zu anderen einführenden Buddhismus-Seiten zusammengestellt.
Kurze Geschichte des Buddhismus
Der erste Buddha (”Der Erwachte”), der die Lehre (”Dharma”) verbreitete, war Siddhartha (”Der sein Ziel erreicht hat”) Gautama, ein Königssohn, der ca. 565 v.u.Z. im heutigen Nepal geboren wurde. Obwohl man ihm das Leid der Welt ersparen wollte, indem man ihn von der Außenwelt abschottete, konnte er einmal seinen Bewachern entkommen und wurde mit dem Leid konfrontiert, das in den Straßen der Stadt, in der er lebte, die Menschen quälte. Im Alter von 29 Jahren beschloss er sein Haus und seine Frau mit dem gerade erst geborenen Sohn zu verlassen und sich verschiedenen asktetischen Lehrern anzuschliessen. Bald wurde ihm klar, daß er sein Ziel, die Befreiung vom Daseinskreislauf (samsara), nicht durch Askese erlangen könne, gab daher den asketischen Lebenswandel auf und wendete sich dem ‘Mittleren Weg’, d.h. der Mitte zwischen den beiden Extremen Völlerei und Askese, zu. Unter einem Bodhi-Baum sitzend erreichte er schließlich, nach langen Jahren der Übung in der Meditation, im Alter von 35 Jahren die Erleuchtung, das Erwachen (Bodhi). Ursprünglich wollte er seine Erkenntnisse anderen nicht mitteilen, da er sich bewußt war, daß man seine Erfahrung nicht mit Worten beschreiben könne. Schließlich begann er auf Bitten anderer, seine Einsichten darzulegen (er setzte das Rad des Dharma (”Lehre”) in Bewegung). Er führte bis zum Ende seines Lebens ein Wander-Dasein und zog lehrend von Ort zu Ort. Es scharten sich Jünger um ihn, die wißbegierig waren, seine Lehre aufzunehmen, und sie später in die Welt trugen. Man nannte ihn auch Shakyamuni, der Weise aus dem Geschlecht der Shakyas. Da auch Buddha vor seiner Erleuchtung schon oft wiedergeboren wurde, und er jeweils einen anderen Namen trug, beschreibt sein Name Shakyamuni Buddha das Leben, in dem er erleuchtet wurde und die Lehre verbreitete.
Shakyamuni Buddha starb im Alter von 80 Jahren an einer verdorbenen Speise.
Nach Shakyamunis Tod (ca. 480 v.u.Z.) teilte sich der Buddhismus bald in zwei grosse Schulen oder “Fahrzeuge” (für den Weg der Erlösung): Hinayana und Mahayana (näheres zu deren Unterschiede weiter unten). Später kam noch ein drittes Fahrzeug hinzu, das Vajrayana oder Diamand-Fahrzeug, das vom Tantrismus beeinflusst wurde und das man auch zum Mahayana zählen kann. Der tibetische Buddhismus (”Lamaismus”) beruht auf den Lehren des Vajrayana in Einbeziehung der tibetischen Ur-Religion “Bon”.
Trotz der grossen Vielzahl an buddhistischen Schulen ist ihnen das Ziel aller Bemühungen gemein: Die Erfahrung des Nirvana oder Erleuchtung durch intuitive (nicht-verstandesmässige) Erkenntnis der Tatsache, dass alles eins ist (”Buddha”, “Buddha-Natur”, “Das Absolute”, “Das Eine”, “Geist”). Der Term “Eingehen in das Nirvana” ist daher irreführend, denn es setzt ein Getrennt-Sein vom Absoluten voraus, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Dieses Getrennt-Sein ist eine Täuschung, eine Illusion, denn alles ist ein Teil des Absoluten (dualistische Sichtweise), ja das Absolute selbst (nicht-dualistische Sichtweise). Es ist daher angebrachter, vom “Erfahren des Nirvana” zu sprechen. (Dazu siehe auch Punkt 5 weiter unten)
Buddha lehrte den Dharma als ‘Gegenbewegung’ zum Hinduismus, der einen ewigen Lebenskreislauf (samsara) postuliert, dem kein Lebewesen je entkommen könne. Buddha hat in seiner Erleuchtung erfahren, daß es einen Ausweg gibt, nämlich das Loslassen von allem, was Leiden schaft. Somit ist der Buddhismus eine (Selbst-)Erlöserreligion. Der Mensch kann sich nur selbst, durch eigene Anstrengungen aus dem Kreislauf von Werden und Vergehen befreien.
Da es im Buddhismus keinen Gott in dem Sinne eines Schöpfergottes gibt, ist es eine atheistische Religion.In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiessen werden, dass auch Buddha kein Gott ist, sondern ‘nur’ der erste von vielen, die erleuchtet wurden und den Weg zur Beendigung des Leidens aufzeigte. Dadurch wurde er zum Stifter dieser ‘Religion’.
Die Lehre, aus der später der Buddhismus entstehen sollte, wird Dharma (Sanskrit; Pali: Dhamma) genannt. ‘Dharma’ hat viele Bedeutungen, u.a. ist es auch die Bezeichnung für die letzten Bestandteile, aus denen alles Seiende zusammengesetzt ist, die unbelebt und nicht dauerhaft sind (cf Demokrits ‘Atome’, die jedoch dauerhaft sind). Dharma mit der Bedeutung “Lehre” bezeichnet vieles, die wichtigsten Inhalte fasse ich nachfolgend kurz zusammen
Dharma - Die Lehre des Buddhismus
Die Vier Edlen Wahrheiten - Das buddhistische Glaubensbekenntnis
1. die Wahrheit vom Leiden (Duhkha)
Zu Leben bedeutet zu leiden; wollen, was man nicht bekommen kann; bekommen, was man nicht will;
die fünf Gruppen des Anhaftens (Skandha)
Leiden (Duhkha) entsteht aus: Gier (Trishna), Begehren/Hass und Verblendung bzw. Unkenntnis.
2. die Wahrheit von der Entstehung (Samudaya) des Leidens
Ursache des Leidens ist Begehren und Unwissen (der Vier Wahrheiten).
3. die Wahrheit von der Aufhebung (Nirodha) des Leidens
Sobald man nicht mehr begehrt/anhaftet, gibt es kein Leid mehr.
4. die Wahrheit vom Weg, der zur Aufhebung des Leidens führt
Das Mittel zur Befreiung vom Leiden ist der Achtfache Pfad oder Weg.
Nicht-Kenntnis der Vier Wahrheiten ist Nicht-Wissen (Avidya).
Der Achtfache Weg
1. vollkommene Erkenntnis der Vier Wahrheiten
2. vollkommener Entschluß zu Entsagung, Wohlwollen und Nicht-Schädigung von Lebewesen
3. vollkommene Rede
4. vollkommenes Handeln
5. vollkommener Lebenserwerb
6. vollkommene Anstrengung, dh. Fördern von karmisch Heilsamen und Vermeiden von Unheilsamen
7. vollkommene Achtsamkeit, dh beständige Achtsamkeit auf Körper, Gefühle, Denken und Denkobjekte (Satipatthana)
8. vollkommene Sammlung des Geistes durch Meditation
(anstelle von ‘vollkommen’ wird oft auch ‘recht’ verwendet)
Bedingtes Entstehen und Vergehen
Die zwölf Glieder des bedingten Entstehens (Nidana)
1. aus Unwissenheit (der Vier Wahrheiten) als Ursache entstehen die Gestaltungen — Avidya
2. aus den Gestaltungen als Ursache entsteht das Bewußtsein — Samskara
3. aus dem Bewußtsein als Ursache entstehen Geist und Körper — Vijnana
4. aus Geist und Körper entstehen die sechs Sinnesbereiche — Namarupa
5. aus den sechs Sinnesbereichen als Ursache entsteht die Berührung — Shadayatana
6. aus der Berührung als Ursache entsteht die Empfindung — Sparsha
7. aus der Empfindung als Ursache entsteht der Durst — Vedana
8. aus dem Durst (Gier) als Ursache entsteht das Anhaften — Trishna
9. aus dem Anhaften als Ursache entsteht das Werden — Upadana
10. aus dem (karmischen) Werden als Ursache entsteht die Geburt — Bhava
11. aus der Geburt (Jati) als Ursache entstehen Alter und Tod (Jara), Schmerz, Kummer, Leid, Betrübnis und Verzweiflung.
12. Auf solche Art kommt der Ursprung der ganzen Masse des Leidens zustande.
(aus S XII,2)
Wiedergeburt
Buddha vertrat, wie die Brahmanen des Hinduismus, die Wiedergeburtslehre, dh. die “karmische Tatvergeltung” (Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung).
Allerdings zeigt uns der Buddha einen Ausweg aus dem Lebenskreislauf (samsara) ->1.
Übrigens ist Wiedergeburt nicht zu verwechseln mit Reinkarnation, denn letzteres setzt eine ewige Seele oder ein ewiges Selbst voraus, deren Existenz Buddha jedoch verneinte. Der Buddhismus geht davon aus, dass kein Selbst wiedergeboren wird (was dann ja Reinkarnation bedeutet), sondern vielmehr Tendenzen zum Werden, die man praktisch ‘anhäuft’. (cf Punkt 3 das bedingte Entstehen)
Erlösung
Wer die Vier Edlen Wahrheiten erkannt hat und den Achtfachen Weg gegangen ist, der wird erleuchtet und gelangt zur Erlösung. Er ‘geht ein’ in das Nirvana (etwa: “Verwehen”, oder: “der Zustand einer Flamme, wenn sie verloschen ist” [aus: “Kl. Weltgesch. d. Philos.” von H. J. Störig]), d.h. sein Durst nach Leben, aber auch nach Tod, verlischt. Es gibt zwei Arten von Nirvana: Das eine erfährt der Erleuchtete während seines Lebens, das andere danach.
Die Leere
Die Leere (shunyata) ist ein zentraler Begriff im Buddhismus. Er besagt, daß alle zusammengesetzten Dinge leer, unbeständig, nicht-wesenhaft und leidvoll sind (->Herz-Sutra). Außerdem existieren alle Dinge nur im Wechselspiel mit all den anderen Dingen (=> Jeder/jedes ist ein Teil des Ganzen und das Ganze selbst). Jeder Wirkung geht eine Ursache voraus. Im Hinayana (kleines Fahrzeug) wird die Leere nur auf die >Person< bezogen; im Mahayana (großes Fahrzeug) wird sie dagegen auf alle Dinge angewandt. Erst die Leere erlaubt die Entwicklung der Dinge. Leerheit bedeutet nicht, daß die Dinge nicht existieren, vielmehr stellen sie nichts als Erscheinungen (des Absoluten) dar.
(Teile frei übernommen aus: F-K Ehrhard, I. Fischer-Schreiber: “Das Lexikon des Buddhismus”. Goldmann Verlag, 1995)
Buddhismus und Gott
Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung ergibt sich auch, dass es nach buddhistischer Auffassung keinen Schöpergott geben kann, da dieser von Anfang an hätte existieren müssen, ohne dass ihm eine Ursache voraus gegangen wäre. Ausserdem ist der (christl.) Gott von seiner Schöpfung durch die Anhängung des Attributs ‘gut’ getrennt. Der Begriff ‘Gott’ ist also einschränkend, denn durch die festlegung auf ‘gut’ wird gleichzeitig das Böse (= ‘nicht gut’) ausgeschlossen (cf auch: Theodizee-Frage). Dieses Getrennt-Sein wiederspricht der Einheit allen Seins bzw. der Nicht-Dualität.
Daher wird der Begriff ‘Gott’ von Buddhisten nicht gerne verwendet. Lieber benutzen sie die Begriffe “Das Eine”, “Das Absolute” oder “Buddha” (”Buddha” beschreibt nämlich nicht nur eine/viele historische Person(en), sondern auch das “Absolute”), denn in diesen Begriffen wird die Allumfassenheit am besten ausgedrückt.
Es gibt im Buddhismus jedoch eine Vielzahl von Göttern, die praktisch eine Stufe über uns stehen, weil ihr Leben sehr angenehm ist. Da es aber eben so angenehm ist, streben sie nicht danach Erleuchtung zu finden. Das macht sie dem Menschen unterlegen, denn nur ein Mensch wird nach Erleuchtung streben, bedingt durch das Leiden, das in der menschlichen Welt existiert. Im Sinne des Buddhismus ist es also besser, als Mensch wiedergeboren zu werden und Erleuchtung zu suchen, denn als einer der vielen Götter.
Die Drei Kostbarkeiten
Buddha
der Erleuchtete
Dharma
die Lehre
Sangha
die Glaubensgemeinschaft
Die fünf Gebote des Buddhismus
1. Töte kein Lebewesen
2. Nimm nicht, was dir nicht gegeben
3. Sprich nicht die Unwahrheit
4. Trinke keine berauschenden Getränke
5. Sei nicht unkeusch
cf: Hans Joachim Störig, Weltgeschichte der Philosophie. S.59f
vergleiche hierzu: Die Zehn Kais
Was ist der Unterschied zwischen Theravada und Mahayana?
Theravada
Theravada ist die einzige Form des Hinayana, die heute noch existiert. Hinayana bedeutet übersetzt ‘Kleines Fahrzeug’ und ist eigentlich eine degradierende Bezeichnung dieses Weges durch die Mahayanisten. Theravada heisst ‘Weg der Alten’ und man könnte es als Ur-Buddhismus bezeichnen, da sich der Theravada-Buddhismus auf Texte bezieht, die sehr alt und direkt von Buddha überliefert sind. Sie sind im Pali-Kanon zusammengefasst. Aus diesem Grund erkennt das Hinayana das Mahayana nicht als orthodox an, da das Mahayana auch Texte einschliesst, die nicht dieser direkten und ursprünglichen schriftlichen Übertragung angehören. Das Ideal des Theravada ist der Arhat, der Erwachte, der nach seinem Tod in das Nirvana eintritt. Erwachen kann laut Theravada nur ein Mönch, der seinen ganzen Lebensablauf auf das Erlangen dieses Ziels ausrichtet. Der Theravada ist hauptsächlich in Südostasien verbreitet: Sri Lanka, Burma, Thailand, Laos und Kambodscha.
Mahayana
Mahayana bedeutet übersetzt ‘Grosses Fahrzeug’ und unterscheidet sich vom Theravada durch den Wunsch, alle Lebewesen zu erlösen, wohingegen der Theravada nur seine eigene Erlösung anstrebt. Die Grundlage des Mahayana ist das Mitgefühl. Das Ideal der Mahayana ist daher der Bodhisattva, das Erleuchtungswesen, das aus Mitgefühl auf sein Erlöschen im Nirvana verzichtet und solange den Lebenskreislauf des samsara nicht verlässt, bis alle Lebewesen erlöst sind (”Bodhisattva-Gelübde”).
Im Mahayana können auch Laien das Nirvana verwirklichen.
Buddhisten in der Welt
Da der Buddhismus eine sehr weltoffene und tolerante Religion ist, schliesst seine Lehre eine Zugehörigkeit zu einer weiteren Religion nicht aus. Daher kann man die Zahl der Buddhisten nicht genau ermitteln. Schätzungsweise gibt es jedoch zwischen 150 und 500 Millionen Buddhisten auf dieser Erde.
Anteil der Buddhisten an der Bevölkerung in Prozent
Afrika 0,05%
Australien 0,09%
Bhutan 72%
Burma 87%
Nordamerika 1,3%
China 9%
Deutschland <<1%
Europa 1,0%
GUS 0,5%
Japan 77%
Kambotscha 90%
Laos 58%
Malaysia 17%
Mongolei 90%
Nepal 50%
Sri Lanka 70%
Südamerika 0,08%
Süd-Korea 51%
Taiwan 43%
Thailand 95%
Vietnam 55%
aus: DER SPIEGEL Nr.16/98, Seite 110
Fasziniert - angezogen und abgestossen - beobachten viele, was in den gentechnologischen Laboratorien vor sich geht. Die Berücksichtigung ethischer Traditionen, die im «Abendland» nicht zum Mainstream gehören, kann den Blick schärfen.
Manche suchen angesichts der Aussicht auf geklonte Menschen Halt in den «religiösen Intuitionen» der über lange Zeit stiefmütterlich behandelten christlichen Tradition. Vielleicht darf diese Tendenz als Berechtigung dafür dienen, auch die «Intuitionen» anderer Traditionen ins Spiel zu bringen, wie zum Beispiel die buddhistische. Ethische Diskurse in anderen Kulturen können zum hermeneutischen Schlüssel zu den verborgenen Dimensionen der eigenen Tradition werden. Nehmen wir als Beispiel dafür die von dem amerikanischen Japanologen William LaFleur untersuchte Diskussion zur Organspende.
Im Westen konnte die Praxis der Organspende an ein europäisch-christliches Grundethos anknüpfen, so dass nach anfänglichen Widerständen die Idee selbst mehrheitlich kaum mehr in Frage gestellt wurde. Vor allem ist es gelebte Nächstenliebe, wenn jemand zum Überleben eines anderen ein eigenes Organ spendet. Im buddhistischen Kontext Japans ist eine solche Haltung befremdlich, denn Liebe wird als ein Gefühl verstanden, welches prinzipiell nicht im Widerspruch zur natürlichen Ordnung stehen kann. Eine Liebe, welche die sakrosankte Folge von Leben und Sterben ausser Kraft setzen wollte, kann nicht Liebe sein. Doch nicht nur die freiwillige Organspende, sondern auch die Organentnahme bei «lebendigen Toten» kann nach den ethischen Erwägungen breiter buddhistischer Kreise nicht akzeptiert werden. Denn es ist für sie unbedingt vonnöten, dass auf die Feststellung des Todes die Rituale der Bestattung des Körpers folgen. Die künstliche Lebendighaltung von «Hirntoten» verletzt somit elementare Pflichten dem Verstorbenen gegenüber.
Wie LaFleur zeigte, wird in Japan die Diskussion zur Transplantation sogar von einem Begriff «belebt», dessen Anwendung in Europa geradezu schockiert: dem des Kannibalismus. In der Tat ist dessen basale Definition, sich vom Fleisch von seinesgleichen zu nähren, bei der Organtransplantation erfüllt. Nur ist es kein Akt des «Verzehrens» im wörtlichen Sinne. Warum ist im Westen der Gedanke, dass hier ein Fall von Kannibalismus vorliegen könnte, bisher kaum geäussert worden? Ist der Körper des Menschen tatsächlich so sehr zur Maschine geworden, dass eine dem «Hirntoten» zugeschriebene «Beseelung» heute geradezu als religiöser Fundamentalismus empfunden wird? Oder liegt die Abwehr des kannibalischen Momentes der Organtransplantation vielmehr darin, dass die kulturelle Prägung durch die christliche Abendmahlsvorstellung Gedanken ausschliesst, bei der Organtransplantation handle es sich um einen kannibalischen Akt?
Wie tiefgreifend kulturelle Überzeugungen verankert sind, lässt sich besonders an der Aussicht auf den geklonten Menschen, einem wohl nicht mehr lange nur hypothetischen Beispiel, verdeutlichen. Die deutschen Buddhisten haben sich zwar prinzipiell gegen das Klonen des Menschen ausgesprochen. In der «Erklärung der Deutschen Buddhistischen Union zur Genforschung und Biotechnologie» (vom 29. 4. 01) werden «alle Bestrebungen» verurteilt, «den Menschen durch Massnahmen . . . der genetischen Selektion, des reproduktiven Klonens oder der Keimbahntherapie biotechnisch optimieren» zu wollen. Als Gründe werden die notwendige Unvollkommenheit des Menschen, seine Begrenztheit und die darin liegende Würde, das Prinzip des «Nicht- Verletzens» (Sanskrit: ahimsâ) und das Illusionäre des Versuchs, auf künstlichem Wege einen «Übermenschen» zu schaffen, genannt. Das klingt nach vertrauten Argumenten. Nicht von ungefähr baut diese Erklärung stärker auf den europäischen Humanismus als auf die traditionellen Argumente der buddhistischen Ethik. Sind Buddhisten in unseren Breiten zunächst Europäer und dann erst Buddhisten?
Wiedergeburten
Nehmen wir nur ein Beispiel aus der Erklärung: die Einsicht des Menschen in seine Begrenztheit und Unvollkommenheit. Traditionell ist die Vollkommenheit dem Menschen im europäischen, griechisch-christlichen Kontext versagt. Es ist entweder Hybris, die Grenzen des Menschseins zu überschreiten, oder Sünde. Denn immer gibt es etwas, das den Menschen als Gattung begrenzt: Nach oben hin begrenzt ihn Gott und nach unten die Tierwelt. Nicht so im Buddhismus. Der Mensch ist die beste Wiedergeburt, denn von «hier» aus kann jeder «vollkommen», nämlich ein Buddha werden. Der jetzige 14. Dalai Lama steht dem Klonen deutlich weniger kritisch gegenüber als die deutschen Buddhisten. Zu dem ihm geschilderten Szenario, es könnten auf diesem Wege vielleicht Wesen entstehen, die alle unsere guten, aber keine unserer schlechten Eigenschaften hätten, antwortete er, dass eine solche technologische Entwicklung zu begrüssen sei, da sie den «Prozess der Wiedergeburt und Befreiung» vereinfachen könnte.
Zwar muss diese Bemerkung, angesichts der Inaussichtstellung eines «besseren» Menschen, die ihm der Fragende suggerierte, mit Vorsicht behandelt werden. Doch kommt in dem Statement des Dalai Lama die grundsätzliche und traditionsübergreifende Haltung asiatischer Buddhisten zum Klonen klar zum Ausdruck. Der thailändische Buddhist und Bioethiker Pinit Ratanakul sieht ebenfalls keinen Anlass, das Klonen des Menschen zu verbieten: «Wenn diese neue Technik das Bedürfnis kinderloser Paare befriedigen kann und es für alle Beteiligten weder Schmerz noch Leid, noch die Zerstörung von Leben impliziert», so der Gelehrte, «wird der Buddhismus keine Schwierigkeiten haben, das Klonen des Menschen zu akzeptieren.» Zu dieser Ansicht kommt auch Courtney S. Campbell, der im Rahmen des amerikanischen Regierungsreports zum Klonen des Menschen (1997) die Haltung der Buddhisten untersuchte.
Welche anthropologischen Konzepte des Buddhismus erlauben eine solche liberale Haltung zum Klonen? Steht zu vermuten, dass, wie zahlreiche Physiker und Biologen bekunden, der Buddhismus mit seiner praktikablen und weitgehend rationalen Sichtweise eine viel «bessere» Synthese mit den neuen Technologien einzugehen verspricht als etwa die westlichen Religionen?
Bewusstsein, Leiden
Wie stellen sich die Buddhisten, abgesehen davon, dass sie im Prinzip keine Einwände haben, konkret zum therapeutischen und reproduktiven Klonen des Menschen? Ganz zentral für alle buddhistischen Schulen ist der Gedanke, dass sich der Mensch durch keine wie auch immer geartete gefestigte Persönlichkeit auszeichnet, sondern nur durch eine Vielzahl vergänglicher Momente. Die Person ist «leer»; sie hat weder eine Seele noch einen konstanten, individuellen geistigen Kern. Schon Buddha riet, man solle sich auch nicht mit seinem Leib, seinen Gefühlen oder seinem «Ich- Bewusstsein» identifizieren: «Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Ich» - so möge sich der Mensch selbst betrachten, wenn er dem Leid, das jeder Identifikation mit Vergänglichem folgt, entgehen will.
Habermas hat kürzlich als Einwand gegen grössere gentechnische Eingriffe vorgetragen, dass der manipulierte Mensch, der als Heranwachsender von seiner genetischen Fremdbestimmung erfährt, die Möglichkeit verliere, seine eigene Bildungsgeschichte selbstkritisch anzueignen. Das kann aus buddhistischer Perspektive nur als eine unheilvolle Identifikation, ein «Anhaften» am vermeintlich «Eigenen» bezeichnet werden. Es scheint, als sei das Leiden an der genetischen Fremdbestimmung ein spezifisch europäisches Leiden. Es ist nicht die tatsächliche Beeinträchtigung der Freiheit, sondern vielmehr der Gedanke, nicht frei gewesen zu sein, der bei diesem Argument eine Rolle spielt. Dem genetisch Manipulierten könnte ja etwa vorenthalten werden, dass er manipuliert wurde. Vermutlich würde ihm oder ihr dann kein Problem aus der Herkunft erwachsen. - Alles Leiden entspringt dem Bewusstsein.
Selbst einem klonierten Menschen stehen alle entscheidenden Möglichkeiten offen, denn das Leben des Geistes ist ja keineswegs vollständig genetisch determiniert. Vor allem kann der Klonierte aus buddhistischer Sicht den Heilsweg beschreiten. Keine Frage: Auch ein Klon kann Buddha werden.
Wird die buddhistische Tradition also in den Ländern, in denen sie massgeblich kulturprägend vertreten ist, den Weg für eine schrankenlose Nutzung menschlicher Embryonen öffnen?
Entscheidend für die buddhistische Ethik, die weniger auf das «Opfer» als vielmehr auf den «Täter» sieht, ist, ob mit Worten, Handlungen oder auch in Gedanken absichtlich auf die Verletzung von Lebewesen gezielt wird. Werden aber durch das Klonen oder die Forschung, die das Klonen ermöglicht, Lebewesen verletzt oder gar getötet? Ein Lebewesen ist im buddhistischen Verständnis alles, was selbständige Lebenskraft bzw. -fähigkeit besitzt. Beim Klonen «überleben» zwar die erfolgreich geklonten Embryonen, aber auf Kosten zahlloser Fehlversuche. Im Falle von «Dolly» sollen es über 270 gewesen sein: aus buddhistischer Sicht eine unerhörte Inkaufnahme von getötetem Leben. Die Befürchtung einer grenzenlos permissiven Haltung der Buddhisten zum Klonen des Menschen muss also nicht geteilt werden, obwohl die charakteristischen Widerstände derer fehlen, die hierzulande mit dem Heraufziehen geklonter Abendländer auch den Untergang derselben besiegelt sehen möchten. Viele Buddhisten werden eine Technik, deren Anwendung die Tötung von lebensfähigem Leben im grossen Stil in Kauf nimmt, für die Anhäufung von schlechtem Karma verantwortlich machen, das zu einer niedrigeren Wiedergeburt führt. Wer weiss - vielleicht gar zur Wiedergeburt in einer Petrischale?
Jens Schlieter
Der Autor arbeitet an einem Forschungsvorhaben zur buddhistischen Bioethik an der Humboldt-Universität.