Einleitung
Diese Schrift über Zazen basiert auf Meister Dogens Fukan Zazengi sowie auf Kommentaren und Schriften über Zazen von Kodo Sawaki, Uchiyama Roshi und Gudo Nishijima. Beeinflusst wurde diese des Weiteren von Muho, dem gegenwärtigen Abt von Antaiji, Sodo Yokoyama, Brad Warner sowie meinen bisherigen Zazen-Lehrern.
Ziel des Textes ist es, eine möglichst klare, ausführliche und verständliche Anleitung für die authentische Zazen-Übung nach Dogen Zenji zu geben. Die Anleitung zum Zazen wurde über Jahre hinweg immer wieder verfeinert und erweitert. Dies ist nun die erste robuste Fassung, was aber nicht bedeutet, dass der Text nun endgültig “fertig” ist.
Ich hoffe dich mit dieser “Anleitung zum Zazen” zur eigenen Zazenpraxis zu motivieren, denn nur wenn diese in die Praxis umgesetzt wird, ist sie von Wert.
Zazen
Wird Zazen direkt Übersetzt, bedeutet es “Sitzen (Za) im ausgeglichenen Zustand von Körper und Geist (Zen)” oder auch “Sitzen (Za) in (der) Wirklichkeit/Wahrheit (Zen)”. Gautama Buddha war vermutlich der erste Mensch, der Zazen in der hier beschriebenen Form praktizierte. Aufgrund dessen, was Buddha in der Zazenübung verwirklichte, entstand später seine Lehre - der Buddhismus.
Durch das aufrechte Sitzen in Zazen realisierte Gautama Buddha intuitiv, dass er weder in seinen Gedanken und Ideen über die Wirklichkeit, noch in seiner Wahrnehmung dieser, sondern in der Wirklichkeit selbst lebte. Folglich lehrte Buddha seinen Schülern ebenfalls regelmäßig Zazen zu üben, und seine Lehre nicht nur intellektuell zu studieren. Es ist genau dieses Zazen, das von Patriarch zu Patriarch, von Buddha zu Buddha, bis heute als die Essenz des Zen weitergegeben wurde.
Meister Dogen schreibt hierzu im Zazenshin: “Wenn wir im Allgemeinen davon sprechen, dass der Buddha-Dharma im westlichen Himmel und in den östlichen Ländern überliefert wurde, heißt dies immer, dass das Sitzen als Buddha weitergegeben wurde. Das Wesentliche ist also, als Buddha zu sitzen. Wenn Zazen nicht weitergegeben wird, wird auch der Buddha-Dharma nicht weitergegeben. Allein dieser Sinn des Zazen wurde direkt von einem rechtmäßigen Nachfolger zum nächsten überliefert.”
Zazen praktizieren bedeutet, sich aufrecht in der richtigen Körperhaltung auf ein Kissen zu setzen, alle Gedanken und Gefühle loszulassen und einfach nur zu sitzen. Durch die senkrechte Körperhaltung und die tiefe Atmung kommt unser Autonomes Nervensystem in sein natürliches Gleichgewicht, Körper und Geist werden eins, und wir verwirklichen direkt die Wirklichkeit jenseits unserer Gedanken und Gefühle.
Durch dieses Tun realisieren wir intuitiv, dass nicht nur Körper und Geist, sondern auch wir selbst und das gesamte Universum, nicht getrennt voneinandern - sondern eins sind.
Dogen schreibt im Shobogenzo Bendowa, “Zazen ist das wahre Tor zum Dharma.” Wenn wir Zazen praktizieren, verwirklichen wir direkt den Dharma - die schlichte Wirklichkeit so wie sie ist - ohne Färbungen und Verzerrungen durch unsere Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Ängste etc. Es handelt sich dabei jedoch nicht nicht um einen speziellen, entrückten, “spirituellen” Geisteszustand. Wir gehen vielmehr einfach einen Schritt zurück - vor alle “Zustände”.
Shikantaza
Shikantaza bedeutet “nichts anderes tun als sitzen”, und stellt die reinste Form des Zazen dar. Meister Dogen legte großen Wert auf diese ursprüngliche, transparente Form der Übung.
“Einfach nur sitzen” bedeutet vor allem Zazen für Zazen zu tun - ohne irgendetwas zu erwarten. In der Praxis bedeutet dies, sich vollständig Zazen hinzugeben, und nichts anderes zu tun als mit Fleisch und Knochen zu sitzen. Zazen ist weder eine Meditation, noch eine Konzentrationsübung. Zazen ist keine Übung die zum Erwachen führt. Zazen ist das Erwachen - Zazen erwacht zu Zazen. Übung und Erwachen können nicht voneinander getrennt werden: Ohne Erwachen keine Übung, ohne Übung kein Erwachen.
Shikantaza bedeutet auch, dass Zazen letztendlich die essentielle Übung ist. Dogen sagte, dass “Einfach nur sitzen” genügt und es nicht notwendig ist, Sutren zu rezitieren, Mantras aufzusagen, Räucherwerk zu verbrennen, Zeremonien auszuführen oder irgendwelche Heiligen zu verehren.
“Nichts anderes tun als sitzen”, ist auch im praktischen Sinne wörtlich gemeint. Denn es gibt in der authentischen Zazen-Praxis keine Hilfen oder Stützen. Wir konzentrieren uns nicht auf die Atmung, zählen nicht die Atemzüge, meditieren nicht über etwas, beobachten nicht unsere Gedanken oder versuchen ein Koan zu lösen. Wir sitzen einfach nur mit ganzem Herzen Zazen - ohne etwas hinzuzufügen.
Zazen und das Autonome Nervensystem
Da Zazen einen starken Einfluß auf unser Autonomes Nervensystem hat - und diese Tatsache gerade in unserer wissenschaftlich orientierten Zeit recht bedeutend ist - möchte ich hier kurz auf die Grundlagen des Autonomen Nervensystems in Zusammenhang mit der Zazen-Praxis eingehen. Grundlage hierfür ist ein Vortrag von Gudo Nishijima.
Das Autonome Nervensystem besteht aus zwei Teilen - dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem. Diese beiden Teile des Autonomen Nervensystems funktionieren auf entgegengesetzte, polare Weise.
Wenn das sympathische Nervensystem stärker ist als das parasympathische, sind wir angespannt, haben wenig Appetit, leiden an Schlaflosigkeit usw.
Wenn hingegen das parasympathische Nervensystem stärker ist - sind wir matt, haben einen ausgeprägten Appetit, schlafen viel etc.
Kurz gesagt sorgt der Sympathikus für Spannung, während der Parasympathikus für Entspannung sorgt. Wenn einer der beiden Teile zu aktiv, und das Autonome Nervensystem nicht im Gleichgewicht ist, ist unser ganzer Körper - und somit auch unser Geist - ebenfalls nicht im Gleichgewicht. Dies hat zur Folge, dass wir uns nicht wohl fühlen und dazu neigen, unausgeglichen und einseitig zu handeln. Gautama Buddha lehrte den Weg der Mitte - den ausgeglichenen Zustand von Körper und Geist zu verwirklichen, und richtig zu handeln. Dies ist nur möglich, wenn unser Autonomes Nervensystem im Gleichgewicht ist. Daher ist dieses für die Zen-Praxis von großer Bedeutung, auch wenn das Autonome Nervensystem vor 2500 Jahren zur Zeit Gautama Buddhas als solches noch nicht bekannt war.
Es ist nicht möglich, das Autonome Nervensystem willentlich zu steuern, und dieses so wieder ins Gleichgewicht zu bringen, da dieses - wie der Name schon sagt - autonom ist. Gautama Buddha hat jedoch eine Übung entdeckt, durch die unser Autonomes Nervensystem auf natürliche Weise wieder ins Gleichgewicht kommt - Zazen.
Durch die natürliche, aufrechte Körperhaltung, und die tiefe Atmung beim Zazen, kommen Sympathikus und Parasympathikus ganz automatisch in ihren ausgeglichenen Zustand. Sind beide Teile fast völlig im Gleichgewicht, scheinen sich diese gegenseitig aufzulösen, und “Körper und Geist fallen ab - shinjin datsuraku” wie Meister Tendo Nyojo, der Lehrer von Dogen, dies ausdrückte. Auch hier sei wieder darauf hingewiesen, dass es sich hier nicht um die Beschreibung eines “mystischen”, “spirituellen” Zustandes handelt. Es ist nicht so, dass sich unser Körper und Geist beim Zazen plötzlich “auflösen” würden und wir dann nurnoch in irgendeiner “erleuchteten”, “spirituellen” Form existieren. “Körper und Geist fallen ab” bedeutet lediglich, dass unsere Konzepte von “Körper und Geist” abfallen, und wir uns so völlig auf das Sitzen selbst einlassen können.
Zazen praktizieren
shikantaza Ich will nun die praktischen Aspekte der Zazen-Praxis auf Grundlage von Dogens Fukan Zazengi beschreiben.
Zazen wird am besten in einer Gruppe geübt, alleine ist es in der Regel schwierig - vor allem am Anfang. Zum einen entsteht in einer Gruppe eine gewisse Gruppendynamik, die verhindert dass wir nach ein paar Minuten sobald wir keine Lust mehr haben gleich wieder mit dem Zazen aufhören. Zum anderen gibt es in einer Gruppe in der Regel Übende, die schon länger praktizieren und uns auf mögliche Fehler aufmerksam machen können. Diese Fehler, wie zum Beispiel eine falsche Körperhaltung, können sowohl geistige wie auch körperliche Schäden verursachen, und so dazu führen, dass die Praxis voreilig wieder aufgegeben wird.
In fast jeder größeren Stadt gibt es die Möglichkeit, in einer Gruppe oder einem Dojo zu praktizieren. Hierbei sollte es sich um ein Dojo handeln, in dem authentisches Zazen (Shikantaza) praktiziert wird.
Falls es kein Dojo in deiner Nähe gibt, ist es immernoch besser alleine zu praktizieren, als garnicht. Wenn möglich solltest du aber, auch wenn das nächste Dojo weiter entfernt ist, dieses trotzdem regelmäßig zur Selbstkontrolle aufsuchen.
Es ist von großer Wichtigkeit, möglichst täglich zu üben. Durch die regelmäßige, tägliche Praxis dehnt sich der ausgeglichene Zustand von Körper und Geist - der sich ganz natürlich in Zazen einstellt - Schritt für Schritt auf den gesamten Alltag aus.
Normalerweise dauert eine Zazenperiode 30 bis 45 Minuten. Zu Beginn ist dies jedoch für die meisten etwas zu lange, daher ist es besser mit 20-30 Minuten anzufangen, und die Dauer dann langsam auf 30-45 Minuten auszudehnen. Zazen wird am besten früh am Morgen bei Sonnenaufgang, oder abends bei Sonnenuntergang geübt.
Für Zazen ist ein möglichst ruhiger, sauberer und heller Raum geeignet. Der Raum sollte angenehm warm im Winter, und kühl im Sommer sein, sowie möglichst frische, lebendige Luft enthalten.
Zwischen einer Mahlzeit, und dem Beginn von Zazen, sollte einige Zeit (mindestens 30 Minuten) vergangen sein - auch sollten weder Alkohol noch sonstige Drogen Körper und Geist trüben.
Zazen wird mit dem Gesicht zur Wand geübt. Lege hierzu ein Zabuton (Sitzmatte, kann auch ein einfacher Teppich sein) auf den Boden vor die Wand, und auf dieses ein Zafu (schwarzes Sitzkissen, mit Kapok gefüllt) (Bild 1). Zwischen der Sitzmatte und der Wand sollte ein Abstand von ca. 1m liegen.
In vielen Gruppen und Dojos gibt es bestimmte Regeln zur Art und Weise wie wir uns hinsetzen sollen. Diese können je nach Tradition etwas variieren, daher ist es am besten diese direkt vor Ort zu erfragen. Ich will hier nun eine weit verbreitete Variante beschreiben.
Bevor du dich hinsetzt machst du eine kleine Verbeugung in Gassho zur Wand hin, drehst dich dann nach rechts um 180 Grad zur Raummitte hin um, und machst nochmals Gassho (Bild 2). Gassho ist hier eine Geste des Respektes und der Wertschätzung der eigenen Übung, sowie der Übung der anderen Praktizierenden. In Gassho werden die Hände so zusammengelegt, dass die Fingerspitzen in Höhe der Nase und die Arme waagerecht sind (Bild 9). Die Hände sollten dabei weder zu nahe am Gesicht, noch zu weit vom Gesicht entfernt sein.
Die Zazen-Haltung
Setz dich in Richtung Wand auf den vorderen Teil des Sitzkissens, und kreuze die Beine in der vollen, halben oder viertel Lotushaltung. In der vollen Lotushaltung wird der rechte Fuß auf den linken Oberschenkel und der linke Fuß auf den rechten Oberschenkel gelegt (Bild 3).
Ist dir das nicht möglich, legst du einfach nur den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel, und lässt den anderen Fuß auf dem Boden unter dem linken Oberschenkel ruhen (Bild 4). Es ist natürlich auch möglich, die Füße jeweils umgekehrt zu kreuzen. Die Knie sollten fest auf dem Boden aufliegen, und das Gewicht des Körpers gut auf Knie und Sitzknöchel verteilt sein. Der Schwerpunkt sollte im Unterbauch, unterhalb des Nabels im Tanden, liegen.
Ist es dir nicht möglich, die Beine im halben Lotussitz zu verschränken, kannst du auch im viertel Lotussitz oder einer anderen, für dich geeigneten Haltung sitzen. Wenn du im halben oder viertel Lotus sitzt, ist es wichtig bei jedem Zazen die Beine zu wechseln.
Sitze nun mit natürlich gestreckter Wirbelsäule so aufrecht, dass dein Körper so weit wie möglich zwischen Himmel und Erde ausgedehnt ist. Das Kinn wird leicht eingezogen und der Nacken gestreckt (Bild 5). Ist die Haltung zu schlaff wird dein Rücken rund, sitzt du mit zuviel Spannung entsteht ein Hohlkreuz. Beides sollte vermieden werden. Meister Sawaki sagte man solle so sitzen als “ob wir den Himmel mit der Schädeldecke stützen wollen.”
Es ist wichtig, dass du beim Zazen ein Sitzkissen mit der richtigen Höhe verwendest. Dieses sollte es dir erlauben, dein Becken ohne große Anstrengung so weit nach vorne zu kippen, dass du ohne größere Mühe aufrecht sitzen kannst. Die Ursache für die meisten Probleme bei der Zazenhaltung ist eine falsche Position/Neigung des Beckens, daher solltest du diesem entsprechende Beachtung schenken.
Sitze also weder nach links, noch nach rechts, weder nach vorne noch nach hinten geneigt - sondern möglichst aufrecht und gerade. Dies ist der wichtigste Punkt beim Zazen. Die Ohren sollten in einer Linie mit den Schultern und die Nase in einer Linie mit dem Nabel sein (siehe Bild 5 und 7).
Ist der Körper aufgerichtet, pendle dich in immer kleiner werdenden, kreisenden Bewegungen langsam von links nach rechts ein, um so das richtige Gleichgewicht in der Senkrechten zu finden (Bild 6). Sitze möglichst im Zuge der Schwerkraft, so dass du nur wenig Kraft benötigtst um die aufrechte Körperhaltung beizubehalten. Lege nun die rechte Hand auf den oberen Fuß, und die linke Hand in die rechte Hand. Die Handkanten berühren dabei den Unterbauch, die Daumenspitzen haben leichten Kontakt zueinander. Die Daumen bilden eine gerade Linie, zeigen weder nach oben noch nach unten, und können leicht am Unterbauch anliegen. Die Hände bilden dabei ein schönes großes Oval (Bild 8). Wenn du nicht im halben- oder vollen Lotus sitzt, kann es hilfreich sein eine kleine Stütze (z.B. ein zusammengerolltes Kleidungsstück) auf die Oberschenkel zu legen, um dann die Hände darauf auflegen zu können.
Ist der Nacken gestreckt, und das Kinn leicht zurückgezogen, fällt der Blick ganz natürlich um ca. 45 Grad nach unten auf einen Punkt auf dem Boden. Die Augen sollten nicht geschlossen werden, da dies leicht zu einem schläfrigen, dumpfen Zustand führt. Wir ziehen uns während Zazen nicht nach “Innen” zurück, sondern hören auf “Innen” und “Außen” zu fabrizieren - daher sollte der Blick klar und die Augen ganz natürlich geöffnet sein. Der Mund ist geschlossen, die Zunge liegt am oberen Gaumen an, und die Zungenspitze berührt leicht die oberen Schneidezähne.
Während Zazen ist es von größter Bedeutung, nicht von der Haltung abzuweichen. Sobald du merkst, dass deine Daumen nach unten fallen, dein Kopf nach vorne fällt oder du sonst irgendwie von der Haltung abweichst, korrigiere dich sofort. Dies ist der wichtigste Punkt beim Zazen.
Atmung und Spannkraft beim Zazen
Die richtige Atmung stellt sich ganz automatisch mit der richtigen Haltung und Spannkraft des Körpers beim Zazen ein. Ist die Haltung korrekt, und somit unser körperlicher Schwerpunkt im Unterbauch (Tanden), wird die Atmung ganz automatisch tief und ruhig. Atme zu Beginn des Zazen ein oder zwei Mal vollständig mit dem Mund, aus dem Unterbauch, ein und aus. Während Zazen atme einfach ganz natürlich vom Unterbauch aus durch die Nase ein und aus.
Es ist nicht notwendig, die Atmung während Zazen bewusst zu kontrollieren. Die korrekte Atmung ist keine Sache des Tuns, sondern des Zulassens. Unser Körper reguliert die Atmung ganz von alleine - unser Eingreifen würde diese natürliche Regulierung nur behindern. Auch konzentrieren wir uns während Zazen nicht auf den Atem oder beobachten diesen. Wir achten einfach ein wenig darauf, dass wir vom Unterbauch ausgehend durch die Nase atmen, genauso wie wir darauf achten, dass unser Kopf nicht nach vorne fällt. Es ist wichtig, aus dem Atem kein Konzentrationsobjekt zu machen - den Atem nicht als etwas Getrenntes zu betrachten auf den “wir” uns konzentrieren. Am besten ist es den Atem einfach zu vergessen und sich ganz dem Sitzen zu widmen.
Die Schultern sollten entspannt werden, jedoch vielmehr so, dass du dich in die Schultern fallen lässt, anstatt diese fallenzulassen bzw. nach unten zu drücken. Bei jedem Entspannen ist es wichtig nicht zusammenzusacken, die aufrechte Haltung beizubehalten. Achte darauf, weder mit zuviel, noch mit zuwenig Spannkraft, zu sitzen. Im Idealfall sitzt du ganz im Zuge der Schwerkraft, brauchst wenig Kraft um aufrecht zu sitzen - aber deine Haltung ist trotzdem aufrecht und voller Energie.
Kodo Sawaki sagte hierzu, “Erwachen bedeutet reine Klarheit mit dem Körper zu erfühlen. Das bedeutet, dass du über den Geist Buddhas verfügst, wenn deine Muskeln und Sehnen so angeordnet sind wie die Muskeln und Sehnen Buddhas. Zazen zu üben bedeutet sich auf diese Weise mit dem Universum auf gleiche Wellenlänge zu bringen, und das bedeutet wiederum das eigene Barometer, das am Verrücktspielen war, zurück zum exakten Funktionieren zu bringen. Was du als Mensch darstellst hängt von der Spannung und Ordnung deiner Muskeln und Sehnen ab. Erwachen bedeutet das richtige Gleichgewicht in der Spannung von Muskeln und Sehnen zu erfühlen. Wenn der Körper sein natürliches Gleichgewicht erreicht, ist das das Erwachen.”
Bei jeder Anweisung bezüglich der Haltung und Spannkraft ist es notwendig, diese mit Vorsicht und Vernunft umzusetzen. So sollte z.B. das Kinn zwar etwas eingezogen sein, aber eben nur etwas und nicht mit Gewalt. Entsteht ein Doppelkinn, ist das Kinn bereits zu weit eingezogen, oder die Haltung der Wirbelsäule ist nicht korrekt. Auch sollte die Haltung zwar aufrecht sein, aber “aufrecht in der Senkrechten sitzen” bedeutet nicht, die natürlichen Kurven der Wirbelsäule zu korrigieren.
Ein anderer oft falsch verstandener Punkt ist der Blick beim Zazen. Dieser sollte um ca. 45 Grad nach unten gerichtet sein, aber nicht so, dass du mit Anstrengung den Blick nach unten drückst. Vielmehr sollte sich dieser natürlich und entspannt bei ungefähr 45 Grad niederlassen. Ob dies nun bei 40 oder 50 Grad passiert, macht keinen Unterschied.
Kurz gesagt sollte beim Umsetzen der Anweisungen der gesunde Menschenverstand nicht ausgeschaltet werden. Am besten ist es, einen guten Lehrer zu finden, der die Haltung regelmäßig überprüft und wenn notwendig korrigiert. Aber auch hier ist Vorsicht notwendig - nicht jeder sonst vielleicht ganz gute Zen-Lehrer hat unbedingt die notwendigen Kenntnisse darüber was denn nun eine richtige Haltung ist und was nicht.
Die Geisteshaltung beim Zazen
Sobald wir in der korrekten Zazenhaltung sitzen, stellt sich uns in der Regel die Frage, was wir denn nun tun sollen. Hier kommt wieder der Begriff Shikantaza ins Spiel, “nichts anderes tun als sitzen”. Sitze einfach nur Zazen, vollständig mit Körper und Geist. Tue nichts anderes als einfach nur in der korrekten Zazenhaltung zu sitzen. Mit ganzem Herzen zu sitzen, das ist alles.
Sitzen wir aber in Zazen, fangen wir in der Regel an, zunächst ohne uns dessen bewusst zu sein, über irgendetwas nachzudenken. Zum Beispiel über die Arbeit, die Freundin, einen Film, ans Abendessen, oder wir denken vielleicht darüber nach ob wir denn nun richtig Zazen machen oder nicht. Vielleicht fällt uns auch irgendein berühmter Ausspruch eines Meisters ein, oder wir grübeln darüber nach wieviel Zeit denn nun schon in Zazen vergangen sei.
Wenn wir dies tun, denken wir aber und machen nicht mehr Zazen. Wir sind getrennt von Zazen, getrennt von unserer Lebenswirklichkeit, getrennt von der Wahrheit, getrennt vom Universum. Daher ist es entscheidend, dass wir, sobald wir merken dass wir von Zazen abgekommen sind, wieder mit Fleisch und Knochen zurückzukehren zur Zazenhaltung und unsere Gedanken loslassen. Dieses mit Fleisch und Knochen ist wörtlich gemeint, denn Zazen machen wir mit dem Körper, und denken es nicht nur. Zu Zazen zurückzukehren bedeutet also nicht zu denken “Ich mache Zazen, ich bin mir dessen bewusst”, sondern wir lassen das Denken einfach beiseite und sitzen einfach nur. Zazen ist eine Handlung, und immer wieder zu dieser zurückzukommen, ist es worauf es beim Zazen ankommt. Wenn wir uns in Gedanken verlieren, fällt uns in der Regel der Kopf etwas nach vorne, oder die Daumen fallen nach unten etc. Wenn wir dies merken, korrigieren wir einfach die Haltung und kehren zur korrekten Zazenhaltung zurück. Das ist alles.
In Zazen kommen wir also immer wieder zu Zazen, zu unserer Lebenswirklichkeit zurück. So können wir intuitiv verstehen, dass unsere Gedanken eben nur Gedanken sind, die meist zufällig entstehen und keine wirkliche Grundlage, keine Substanz besitzen. Diese Gedanken sind nicht als etwas Negatives zu betrachten, aber man muss deren wahren Wert sehen. Es sind lediglich Sekretionen unserer Hirnrinde, es ist also nicht notwendig diesen blindlings zu folgen und uns in sie verstricken zu lassen.
Dies wird oft missverstanden, und so ist die Idee, Zazen würde bedeuten garnicht mehr zu denken - keine Gedanken mehr zu haben, weit verbreitet. Dem ist aber ganz und garnicht so. Da dieser Punkt sehr wichtig ist, will ich an dieser Stelle kurz auf eine bekannte Begegnung zwischen Meister Yakusan und einem Mönch eingehen: Meister Yakusan machte gerade Zazen als ein Mönch kam und ihn fragte “Was denkt Ihr während Zazen?” Yakusan antwortete “Ich denke aus dem tiefen Grund des Nicht-Denkens.” Darauf fragte der Mönch weiter, “Wie kann man aus dem tiefen Grund des Nicht-Denkens denken?” und Meister Yakusan antwortete “Jenseits des Denkens.”
Hishiryo (”Jenseits des Denkens”) ist Zazen. Hishiryo bedeutet mit Fleisch und Knochen jenseits des Denkens und des Nicht-Denkens einfach Zazen zu praktizieren. Es ist also weder Denken noch Nicht-Denken sondern geht weit über beides hinaus - Zazen ist ein wirkliches Tun.
Dies bedeutet völlig im Hier und Jetzt zu sitzen, ohne sich um den Zustand seines Geistes zu kümmern. Wir versuchen weder die Gedanken anzuhalten, noch versuchen wir herauszufinden wo diese herkommen oder unsere Gedanken zu beobachten. Auch folgen wir den Gedanken nicht, sondern kommen einfach immer wieder zu unserer Lebenswirklichkeit, zu Zazen zurück. Es ist hierbei wichtig, die Gedanken nicht als etwas konkretes zu behandeln, sondern diesen einfach keine weitere Beachtung zu schenken. Wir sitzen “jenseits des Denkens”, inmitten der Gedanken.
Die Gedanken anhalten zu wollen ist nicht nur falsch, sondern schlichtweg absurd. Wer seine Gedanken willentlich unterdrückt wird hiervon höchstens krank, aber mit Zazen hat das absolut nichts zu tun. Sobald Gedanken aufsteigen, ist es richtig diesen nicht weiter zu folgen - dann vergehen diese von alleine. Aber auf keinen Fall dürfen wir während Zazen das Aufsteigen der Gedanken verhindern oder unterdrücken wollen. Ganz im Gegenteil - wir sollten während Zazen alles frei aufsteigen lassen, egal was es ist - ohne zu zensieren oder zu bewerten.
Auch ist unser Zazen nicht nur dann gut, wenn wir einen klaren Geist haben. Denn es ist die Natur unseres Gehirns, dass wir Gedanken haben und uns manchmal von diesen ablenken lassen. Der entscheidende Punkt liegt darin, dies rechtzeitig zu merken, und immer wieder zur Wirklichkeit, zu Zazen aufzuwachen. Auch kann es passieren, dass wir schläfrig sind und vor uns hindösen. Hier ist es ebenfalls notwendig aufzuwachen, und mit Körper und Geist zur Zazen-Wirklichkeit zurückzukehren. Es ist weder notwendig noch hilfreich sich während Zazen darüber zu ärgern, dass man sich nicht konzentrieren kann oder nicht gut sitzt. Ganz im Gegenteil ist es am besten dies einfach zu akzeptieren. Wir sollten nicht zwischen ruhigem und unruhigem Zazen unterscheiden, denn beide sind lediglich verschiedene Seiten ein und derselben Sache.
Shikantaza bedeutet also einfach in der korrekten Zazenhaltung zu sitzen. Es ist hierbei nicht notwendig, die Atemzüge zu zählen, sich auf den Atem zu konzentrieren, über etwas zu meditieren, oder sich mit einem Koan zu befassen. Denn wenn wir dies tun, ist es nicht mehr Shikantaza, sondern eine Praxis um die Gedanken zu beruhigen, oder einen besonderen Geisteszustand zu erreichen. Sitze einfach in Zazen und lass alles wie es ist. Das essentielle beim Zazen ist die Handlung des Sitzens selbst - das Tun, der Prozess des Sitzens. Wir tun nicht nichts, sondern wir sitzen. Und wenn wir wirklich “nichts anderes tun als sitzen” realisieren wir intuitiv, dass nicht wir, sondern dass das ganze Universum mit dem ganzen Universum durch das ganze Universum im ganzen Universum sitzt. Da gibt es kein “Ich” mehr das sitzt, da ist nurnoch “Sitzen” - Zazen macht Zazen.
Ich glaube, dass ich hier viel zu viel über Zazen geschrieben habe. Denn es besteht leicht die Gefahr, dass man während Zazen über diese Dinge nachdenkt, anstatt wirklich mit ganzem Herzen Zazen zu üben.
Anfang und Ende der Zazen-Praxis ist es, die richtige Haltung einzunehmen, diese beizubehalten und einfach mit dem ganzen Sein zu sitzen. Während Zazen sollten wir einfach alles vergessen - jede Unterweisung, jedes Koan, jede Geisteshaltung, jede Zazen-Anleitung.
Kodo Sawaki über Zazen
Zum Schluss noch einige erhellende Kommentare und Aussprüche von Meister Kodo Sawaki über Zazen:
Zazen bedeutet Buddha mit dem menschlichen Körper zu erschaffen.
Deine Illusionen wirst du nie vollkommen ausrotten: “Ich will ja nicht angeben, aber Illusionen habe ich nun gar keine mehr!” Versuche nicht, Zazen so zu praktizieren, als wolltest du eine Zwiebel schälen. Selbst wenn du auf diese Weise “Satori” oder was auch immer bekommst - das ist nicht echt. Praktiziere Zazen lieber mit diesem Normalbürger-Geist, mit all deinen Illusionen und Trieben. Setz’ dich mit diesem Leib, so wie er in den sechs Welten des Leidens herumirrt, einfach in Zazen - wenn du auf diese Weise einfach sitzt, sind dein Affengeist und Pferdewille selbst Undenken, deine Illusionen sind so wie sie sind unbefleckte Wahrheit. Das ist es, was Dogen Zenji im “Eihei Koroku” den “Lotus inmitten des Feuers” nennt.
Wenn du dich hängen lässt, “hängt” auch dein Geist. Nimmst du eine würdevolle Haltung an, verleiht das auch deinem Geist Würde. Wenn es uns deshalb darum geht, so wie Shakyamuni Buddha zu werden, müssen wir erstmal eine Haltung annehmen, die so fest wie die Shakayamunis ist. Auf diese Weise schalten wir auf die selbe Wellenlänge wie Shakyamuni: Die Form bestimmt den Inhalt.
Buddha ist kein Begriff. Wenn wir unsere Muskeln und Sehnen ins Gleichgewicht bringen, wird dieser Körper selbst Buddha. Die Übung selbst ist Satori. Die Form ist der Geist. Die Haltung ist der Weg.
Wieso ist Zazen so erhaben? Weil das Universum erhaben ist. Die kosmische Ordnung ist erhaben. Zazen bedeutet einfach, der kosmischen Ordnung zu folgen. Wenn wir uns in diesem Körper mit dem Universum vereinigen, dann manifestiert sich das in der erhabenen Form des Zazen. Was könnte es deshalb großartigeres für einen Menschen geben als Zazen zu üben?
Ich vertraue darauf dass Zazen eins ist mit diesem Sawaki. Zazen ist Sawaki, Sawaki ist Zazen. Und dazwischen gibt es nicht die kleinste Lücke. Das ist gar nicht so einfach. Gewöhnlich denkst du in Zazen an das Mädchen, das dir gerade auf der Straße begegnet ist, oder an sonst irgendetwas. Doch eigentlich ist Zazen so hoch und unbeweglich wie der Berg Fuji. Zappel deshalb nicht so herum, und schlaf auch nicht ein in Zazen! Wenn ich sitze wie ein Stein dann zieht Zazen den Sawaki ganz an sich, saugt ihn auf. Das bedeutet Samadhi, und das ist mein wahres Selbst.
Bei der Übung des Shikantaza (einfachen Sitzens) gibt es nichts hinzuzufügen. Denn Shikantaza allein erfordert bereits unsere ganze Kraft. Shikantaza ist unser Atem. Wir atmen nicht um Satori zu bekommen. Da gibt es keinen “Zweck”, da ist nur das Zazen das mit Leib und Seele geübt wird. Das bedeutet nichts anderes als “einfach zu sitzen”.
Samadhi bedeutet das Selbst, für das es keinen Ersatz gibt, zu ergreifen, es bedeutet eins mit dem gegenwärtigen Augenblick zu werden. Wichtig ist, dass wir dieses Samadhi unser ganzes Leben lang fortsetzen. Gestern Zazen, heute Zazen. Tag ein, Tag aus, Jahr für Jahr Zazen üben. Auf diese Weise werden wir vertraut mit uns selbst in Zazen, und dieses Zazen zu ergreifen bedeutet nichts anderes als uns Selbst zu ergreifen.
Setz’ dich erstmal hin. Kein Grund zur Eile. Nimm in Ruhe die richtige Sitzhaltung ein. Hier ist der Startpunkt: Betrachte dein ganzes Leben aus Zazen heraus, mach’ dich auf den Weg, Klarheit über dein Leben zu gewinnen.
Ein Normalbürger, der sich in einen Heiligen verwandelt, ist nur ein karmisches Fabrikat. Die Kunst des Zazen liegt darin, einfach zu sitzen, ohne sich mit irgendetwas anderem abzugeben. Der Wert des einfachen Sitzens liegt in seiner Transparenz und Geschmacklosigkeit.
Zazen fällt nicht auf. Die Menschen wollen ständig auffallen, deshalb können sie mit Zazen nichts anfangen. Was die Menschen als “Buddhalehre” ansehen, hat mit der Buddhalehre in Wirklichkeit nichts zu tun.
Du übst Zazen schon seit fünf oder zehn Jahren? Was ist da schon dabei! Du musst jeden Tag ganz von Neuem nach deinem Weg suchen.
Wenn du im vollen Lotus sitzt, wird es warm um deine Hüften werden, während sich der Blutandrang zu deinem Kopf senkt. Im Zazen geht es darum, diesen Blutandrang zu senken.
Die Bogensehne loslassen um die Zielscheibe zu treffen: Das hat mit Zazen nichts zu tun. Denn in Zazen stellt das ganze Universum die Zielscheibe dar - es ist unmöglich, sie zu verfehlen. Dafür bekommst du dann aber auch keine Packung Zigarretten, nur weil du das Ziel getroffen hast.
“Bringt es mir was? Oder bringt es mir doch nichts?” - lass ab von dieser Geisteshaltung und sitz einfach.
Einsame Stille herrscht nur dort, wo du gemäß der Lehre einfach Zazen übst - ohne die kleinste Abweichung. Da gibt es dann nicht die geringste Erwartung von irgendetwas, keine spirituellen Überraschungen. Von Anfang an spielt es überhaupt keine Rolle, ob das etwas bringt oder nicht. Nichts könnte einfacher sein als das, aber gleichzeitig gibt es auch nichts, das dich in größere Unruhe versetzen würde. Ständig fragst du dich, ob mit deinem Zazen auch alles stimmt. Selbst die Schüler Dogen Zenjis scheinen Schwierigkeiten zu haben, dieses ganz reine Zazen, von dem wir gar nichts zurückbekommen, zu verstehen.
Du übst Zazen - und das ist alles. Jede einzelne Handlung ist, als diese eine Handlung, genau diese eine Handlung. Und das ist alles.
Shikantaza (einfach sitzen) bedeutet, mit einem Eimer ohne Boden Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen.
Was hat wirklich Realität? Die Haltung deines Körpers! Wie es um dein Bewusstsein steht ist nicht das Problem. Das wirkliche Problem löst sich in dem Moment, in dem du dich der richtigen Form des Sitzen überlässt.
Deine Praxis des Shikantaza darf nicht oberflächlich sein. Du musst bis ans Ende gehen - alles ausschöpfen. “Einfach sitzen” bedeutet nicht, einfach nur so herumzusitzen. Dein ganzes Leben muss davon abhängen, dass die Richtung deiner Praxis stimmt.
Wenn du Zazen praktizierst, ist das in Wirklichkeit gar nicht “du”, der da Zazen praktiziert. Da ist nur unbegrenzte Weite, die unbegrenzte Weite praktiziert. Diese unbegrenzte Weite ist die Bedeutung des Glaubens an Zazen.
Dein Zazen darf keine halbe Sache sein. Kein Mittel zum Zweck. Zazen muss deine Welt sein: Wenn du den Weg bis ganz ans Ende gehst, kehrst du heim an diesen Ort, hier und jetzt, ganz du selbst.
Das Unergründliche, mit einem Wort ausgedrückt, heißt: Kein Gewinn. Und in der Umgangssprache: Zazen bringt nichts!
“Wo dieses Nichtdenken herrscht,
sind unermeßlich
die Sinne und das Gefühl.
Weder das eigene Selbst noch ein anderes
findest du je im Reiche der soseienden Wahrheit.
Wenn du plötzlich und ohne langes Besinnen
sie passend ausdrücken müßtest,
würdest du wohl sagen:
Nicht-Zwei ist sie.
Wenn es aber keine Zwei mehr gibt,
so ist alles das Eine und Selbe.
Alles umfaßt es. Es kommen
die Weisen aus aller Welt
und huldigen ihm.
Die Eine Wahrheit kann man
weder erweitern noch einengen.
Ein Augenblick ist
wie zehntausend Jahre.
Sein und Nichtsein,
die ganze Welt, eröffnet sich
grenzenlos dem Auge.
Das Kleinste ist dem Größten gleich,
die Grenzen sind weggewischt.
Das Größte ist dem Kleinsten gleich
ohne jede Scheidewand.
Sein ist nichts anderes als Nichts,
Nichts ist nichts anderes als Sein.
Und ist es dir noch nicht so,
dann darfst du auch an nichts festhalten!
Das Eine ist nichts anderes als das All,
das All ist nichts anderes als das Eine.
Und wenn dem so ist, was schiert dich dann
noch Unvollkommenheit?
Glauben ist Nicht-Zwei.
Nicht-Zwei ist Glauben dessen,
das unaussagbar ist.
Vergangenheit und Zukunft,
sind sie nicht
ein ewiges Jetzt?
“Wo immer dein Geist hinwandern mag, innerlich wie äusserlich - es geschieht hier, in diesem Moment, hier-und-jetzt”
Eine Meditationstechnik aus der Zen-Tradition ist:
Wenn ich müde bin, schlafe ich.
Wenn ich hungrig bin, esse ich.
Und das ist alles.
Das ist die Antwort vieler Zen-Meister, auf die Frage was sie tun.
Das ist sehr schwer, auch wenn es einfach aussieht.
Wenn du beim Essen einfach nur essen kannst, wenn du beim Sitzen einfach nur sitzen kannst - ohne etwas anderes zu tun, wenn du in diesem Augenblick sein kannst, ohne dich von ihm zu entfernen, wenn du mit dem Augenblick verschmelzen kannst ohne Zukunft und ohne Vergangenheit, dann bist du ein Buddha.
Wenn wir essen, tun wir meist gleichzeitig viele verschiedene Dinge, sind vielleicht völlig geistesabwesend.
Der Körper isst zwar - genau wie ein Roboter - der Geist ist aber irgendwo anders (plant vielleicht gerade das kommende Wochenende).
Wenn deine Gedanken abwandern, versuche sie nicht aufzuhalten.
Versuche nicht die Gedanken auf einen Punkt festzuhalten, sie auf irgendetwas zu konzentrieren.
Lass sie einfach wandern und erinnere dich daran, dass du der Beobachter der Gedanken bist - und nicht die Gedanken. Mache dir den Beobachter bewusst und lass die Gedanken ziehen.
Du bist der leere Himmel.
Die Gedanken sind Wolken.
Die Wolken ziehen am Himmel vorbei.
Erinnere dich immer an den Himmel.
Du bist der Himmel, nicht die Wolken.
Wenn du den Wolken, den Gedanken zusiehst, entdeckst du früher oder später, dass sie sich verlangsamen und manchmal schon eine Lücke entsteht.
Sei dir bewusst, dass du der leere Himmel bist und eines Tages werden alle Wolken verschwunden sein.
von Kai Kracht verfasst 2001
Zen – was ist überhaupt das für ein Buddhismus: Ohne Tempel, ohne Buddha-Reliquien in goldenen Schreinen, ohne Priester und Gebete, ohne Blumenopfer und bunte Prozessionen, ohne heilige Bücher und ohne das Gemurmel heiliger Mantras … Nichts ist hier heilig.
Frag die Zen-Meister: “Wer ist der Buddha?” – “Drei Pfund Flachs”, antwortet Tung-Shan*. “Der ausgewrungene Putzlappen”, sagt Yün-Men*. – Und Buddha, endlich wieder frei und erlöst aus der mild lächelnden Erstarrung vergoldeter Statuen, kann über solch rätselhafte Sprüche herzlich lachen.
Zen, diese Religion der Himmelsstürmer, die keinen Gott kennen und Buddha nicht anbeten, sondern selber Buddha werden, die sich nicht zufriedengeben mit diesem metaphysischen Dunst von Heiligkeit, mit dem andere Religionen ihre ungelösten Fragen verhüllen, sondern um Klarheit ringen, um die Erleuchtung, um die glasklare Einsicht in das wahre Wesen der Dinge – diese Religion hat mich fasziniert, seit ich mit Zen in Berührung kam.
Diese Faszination hat natürlich ihre Vorgeschichte. Denn seit ich denken kann, habe ich Gott gesucht:
Von all den Göttern, mit denen ich in meiner Kindheit im Germanenkult des Dritten Reiches aufwuchs, war mir der treuherzig-polterige Donar der liebste; zudem war ich an einem Donnerstag geboren und schon deshalb ein ‘Donarskind’. Der finstere Wotan oder der schlitzohrige Loki waren kaum verlässliche Freunde. Aber Donar ist immer gleich da, sobald man seinen Namen ausspricht, und verleiht einem seinen draufgängerischen Mut und seine Bärenkräfte, und bald trug ich ein grosses Amulett aus Schieferstein um den Hals, in das ich Donars Namen in Runenschrift eingeritzt hatte, und brauchte nun keiner Keilerei mehr aus dem Wege zu gehen. – Aber dann, mit der Pubertät, kamen neue Fragen und Nöte auf mich zu, mit denen ich mich nun doch eher dem ‘lieben Gott’ anvertrauen wollte, von dem ich in der Schule hörte.
Als ich zwölf war, hab ich gedacht, ich find ihn in der Kirche. Ich wollte unbedingt evangelisch werden. Ich war nicht getauft, meine Eltern nicht mal kirchlich getraut, aber das musste auf mein Drängen hin jetzt alles im Eiltempo nachgeholt werden … und dann war ich endlich Christ: In Religion hatte ich eine Eins, ich betete herzergreifend, stand sonntags früh vor allen anderen auf und eilte zur Kirche, und im Konfirmandenunterricht lernte ich eifrig – ich kann’s heute noch mit allen Strophen: “Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not”, aber begegnet ist er mir in der Kirche nicht.
Dann hab ich die Bibel gelesen – ganz, von der doppelten Schöpfung bis zu den Albträumen des Johannes. Haarsträubende Geschichten hab ich gefunden, von einem Gott, der ersäuft die ganze Welt mit Mann und Maus und “vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis hin zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel”*; der radiert ganze Städte aus und lässt “Schwefel und Feuer regnen von dem Herrn vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra”*; der erschlägt eigenhändig in einer einzigen Nacht alle erstgeborenen ägyptischen Kinder, “und es ward ein grosses Geschrei in Ägypten; denn es war kein Haus, darin nicht ein Toter war”*; und seinem Volk befiehlt er, alles auszurotten, zu brandschatzen, zu plündern und zu vergewaltigen, was ihnen in die Quere kommt: “Schone ihrer nicht, sondern töte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel”*, “sie sollen durchs Schwert fallen und ihre jungen Kinder zerschmettert und ihre schwangeren Weiber zerrissen werden”*, “aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben”* … das war nicht gerade der ‘liebe Gott’, den ich suchte; trotzdem hab ich weitergelesen, aber Gott kam nicht raus zu mir aus der Bibel. Auch nicht aus dem Koran, und nicht aus all den Traktaten anderer Religionen, die ich in die Finger bekam.
Auf Zen kam ich dann in der Jugendbewegung, in der ‘autonomen jungenschaft dj.1.11′, wo man damals schon den Horizont weltweit geöffnet hatte, Auslandsfahrten machte, Lieder und Instrumente fremder Völker mitbrachte und eben auch Zen entdeckt hatte: Am Lagerfeuer lasen wir aus “Gammler, Zen und hohe Berge”* vor, begeisterten uns für Samurai-Tugenden, übten “Zen in der Kunst des Bogenschiessens”* und lernten Karate, eine damals hierzulande noch absolut unbekannte Zen-Kunst.
Dass auch die Meditation zum Zen gehörte, lernte ich dann aus einem dicken Taschenbuch von Daisetz Teitaro Suzuki über Zen-Buddhismus und christliche Mystik; es war nicht leicht zu verstehen, ich las immer wieder darin, und so wurde das Buch für die nächsten Jahre mein ständiger Begleiter. Ich lernte, dass Meditation überhaupt die wichtigste Methode im Zen-Buddhismus ist, denn das japanische Wort ‘Zen’ bedeutet nichts anderes als ‘Meditation’.
Darum ist der Zen-Buddhismus auch hierzulande für jeden von uns ganz lebensnah und einfach zu praktizieren: Du brauchst keine Tempel oder Priester oder Rituale, lies einfach ein Buch über Zen, dann setze dich hin und meditiere. “Um die Zen-Erleuchtung zu erlangen,” sagen die Zen-Meister, “brauchst du nicht deine Familie aufzugeben, deine Arbeit zu verlassen, Vegetarier zu werden, Askese zu üben oder in die Einsamkeit zu fliehen”*, sondern nur “Zen unmittelbar da zu verwirklichen, wo du bist”*.
Daraufhin habe ich in meiner einsamen Studentenbude fast jeden Tag meditiert, oft mehrere Stunden lang. Was Meditation eigentlich ist, musste ich erst lernen – eine Anleitung dazu war damals nirgendwo zu finden, nicht mal in Suzuki’s Zen-Buch.
Anfangs glaubte ich, das wäre so etwas wie Yoga. Ich besorgte mir Patanjali’s Yoga-Sutra und Bücher über Hatha- und Kundalini-Yoga und lernte, mit Entspannungstechniken und Konzentrationsübungen Körper und Geist zu steuern und zu kontrollieren. Das waren ganz neue Erfahrungen für mich, spannend und in manchen alltäglichen Situationen hilfreich bis heute.
Aber beim Meditieren geht es gar nicht um Beherrschung und Lenkung von Körper und Geist, sondern um Selbstbetrachtung und Selbsterforschung. Unser Wort ‘Meditation’ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ‘Nachdenken, Nachbesinnung’: In der Meditation beobachtest du deinen Körper und ergründest deine Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und dein Bewusstsein, um zu ganzheitlicher Harmonie, zu innerem Frieden und am Ende zu deinem wahren Wesen zu finden.
Schliesslich hatte ich meine eigene Methode dafür entwickelt; die Buddhisten, die auch noch andere Meditationstechniken kennen, würden dies wohl als ‘Betrachtende Meditation’ bezeichnen:
– Setze dich aufrecht hin im Schneidersitz, lege die Hände im Schoss zusammen, schliesse die Augen und atme ganz normal. Dabei beobachte dein Atmen und denke mit: “Ich atme ein, ich atme aus, atme ein, atme aus, ein, aus, ein, aus …”.
– Beobachte deinen Körper, und du spürst, wie er sich mit jedem Ausatmen etwas mehr entspannt und leicht und locker wird; auch dein Geist entspannt sich, Ruhe und Frieden kehren ein.
– Wenn du merkst, dass deine Atmung einem starren Rhythmus folgt, bist du vom reinen Beobachten deiner Atemzüge abgekommen und steuerst sie mit deinem Willen. Das ist falsch: Durchbrich den Rhythmus mit einem langem Atemzug, lass deinen Körper wieder ganz natürlich atmen und beobachte ihn bloss dabei.
– Bald tauchen Bilder vor deinem geistigen Auge auf, Gedanken kommen, Gefühle drängen sich auf: Unterdrücke sie nicht, mische dich nicht ein, atme ruhig und bewusst weiter, beobachte deine Gedanken und lass sie laufen – wenn sie unwichtig sind, laufen sie bald davon.
– Wenn die oberflächlichen Erinnerungen an Ereignisse des Tages dich verlassen haben, tauchen grundsätzlichere Fragen auf: Verscheuche sie nicht, klammere dich nicht an sie, sondern beobachte einfach, wie sie sich entwickeln.
– Unmerklich wird eine dieser Fragen dich in ihren Bann ziehen, du wirst dich in das Problem versenken und sozusagen mit jeder Faser daran arbeiten, nicht nur mit der blanken Vernunft. Darum erwarte nicht, dass dein Verstand am Ende eine ausformulierte Antwort parat hat. Vielleicht werden Einsichten heranreifen, viel wichtiger aber ist, dass in der Meditation alle Komponenten deiner Persönlichkeit aktiv sind: Körper, Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und Bewusstsein treten in Beziehung zueinander, arbeiten ganzheitlich und auf ihre Weise zusammen, ohne dass dein Wille sie stört, sie stimmen sich aufeinander ab, finden ihre eigene Harmonie und bringen dich jedesmal ein Stückchen weiter auf dem Weg, dein wahres Wesen zu erkennen.
Fragen hatte ich ja genug, denn ich hab immer wieder in Suzukis Buch gelesen, das ich überall mit mir herumtrug. Schliesslich habe ich dann ‘Zen’ auch als Prüfungsthema in Religionspädagogik angegeben und musste schon deshalb allmählich mal dahinterkommen, was hinter den rätselhaften Textstellen bei Suzuki steckte, die mein Verstand nicht begreifen konnte.
Und da, im Prüfungssemester, hatte ich mein Zen-Erlebnis, das mich so stark wie kein anderes Ereignis in meinem Leben zuvor oder danach erfüllt hat mit Gefühlen des Glücks, der Stärke, Gelassenheit und Güte und das meine Sicht auf diese Welt total verändert hat, sozusagen auf den Kopf – oder besser: vom Kopf auf die Füsse – gestellt hat.
Es war ein ganz persönliches, ganz intimes Erlebnis, und ich habe es fast vierzig Jahre lang als mein Geheimnis gehütet – so lange habe ich mich nicht getraut, daran zu rühren, darüber nachzudenken oder gar darüber zu sprechen. Ich wusste ja, was ich da erlebt hatte, aber ich fürchtete, dass jeder Versuch, es in Gedanken und Worte zu fassen, es doch nicht beschreiben könnte und es unweigerlich weniger gross und wichtig erscheinen lassen müsste, als es war – vielleicht sogar für mich selbst. Und wer würde je verstehen können, was es für mich bedeutete, wenn ich es doch nicht richtig schildern konnte.
Heute, vier Jahrzehnte nach dem grossen Erlebnis, gehe ich dieses Risiko ein. Ich möchte darüber sprechen. Ich möchte wissen, ob da irgendjemand ein ähnliches Erlebnis hatte. Vielleicht bringt mein Bericht ja irgendwo in der Welt verwandte Saiten zum Schwingen – über jede Resonanz würde ich mich sehr freuen.
So einen Bericht habe ich nämlich noch nirgends gefunden. Die buddhistische Literatur ist zwar voll von Erleuchtungsgeschichten, und im Zen-Buddhismus sind die Worte und Handlungen von Zen-Meistern, die vor über tausend Jahren zur Erleuchtung ihrer Schüler geführt haben, bis heute aufs genaueste überliefert*. Aber immer geht es dabei um die Methode, um den Weg zur Erleuchtung – was dann in dem Glücklichen vor sich ging, was er empfand, dachte, sah, tat … darüber habe ich nur sehr wenige, dürre Andeutungen gefunden.
Deshalb, denke ich, könnte meine Schilderung von allgemeinem Interesse sein. Ich erzähl einfach mal, was da passiert ist:
Mein Zen-Erlebnis
Also, es ist Samstag früh, ich sitz in der Mensa, denn um zehn, in einer halben Stunde, hab ich eine Übung – kein Mensch sonst hält samstags Übungen ab, aber Professorin Dr. Dr. Adolphs ist eine fleissige, schneidige, kluge Frau und so scharfzüngig, dass sie allgemein gefürchtet ist. Kein Student kommt an ihr vorbei, denn sie nimmt im Staatsexamen die Prüfung in Allgemeiner Pädagogik ab. Da muss jeder durch, auch ich. Darum sitz ich hier. Ich hab noch nie eine ihrer Übungen geschwänzt, bin immer überpünktlich und gut vorbereitet, aber ich hab noch nie gewagt, mich bei ihr auch zu Wort zu melden.
Meine Hausaufgaben habe ich gerade nochmal durchgesehen, und jetzt lese ich, zur Entspannung, noch ein bisschen in Suzuki’s Buddhismus-Buch. Es ist still in der Mensa, der Verkaufsschalter ist geschlossen, ausser mir sind nur noch drei andere Studenten da, die ein paar Tische weiter sitzen und sich leise unterhalten. Ich kann mich gut konzentrieren. Trotzdem, was Suzuki hier schreibt, das habe ich nicht ganz verstanden, ich les das lieber nochmal …
… da, vor meinen Augen wird es hell, verschwommene Konturen werden schärfer, und ich werde mir bewusst, dass ich durch das Mensafenster hindurch nach oben zur Giebelspitze des Vorlesungsgebäudes hinstarre – wie lange schon, weiss ich nicht. Der Giebel ist ca. 20 Meter entfernt, aber ich sehe jetzt alles ganz scharf und vergrössert wie durch eine Lupe, erkenne jede Erhöhung im Rauputz der Giebelwand hellgrau, jede Vertiefung tiefschwarz. Ich wende meine Augen von der Giebelwand ab und staune: Wohin ich auch blicke, alles sehe ich messerscharf, vergrössert und plastisch. Dieses Scharfsehen dauert noch eine ganze Zeit an.
Jetzt spüre ich, wie sich ein heller werdendes Strahlen warm in meinem Körper ausbreitet, wie mich langsam ein Hochgefühl ergreift, ein Glücksgefühl, das mich schier überflutet. Ich könnte lachen und singen und tanzen, aber ich brauche mich gar nicht zu rühren: Ich sitze auf meinem Stuhl in der Mensa, schau lächelnd ins Nichts und seh und fühle mich lachen und singen und tanzen …
Die drei Kommilitonen sind aufgestanden und gehen; sie müssen wohl auch zur Adolphs. Ich bleibe noch sitzen, um dieses Wohlgefühl noch etwas auszukosten, aber dann steh ich auch auf, ich bewege mich ganz leicht, und langsam lege ich meine Sachen zusammen. Als ich durch die Mensatür ins Freie trete, bleibe ich unwillkürlich stehen, sehe mit grossen Augen in eine veränderte Welt und sauge sie mit einem tiefen Atemzug ein: Alle Dinge sehen plastischer, praller aus, wölben sich mir entgegen und haben selbst etwas von diesem inneren Strahlen, das mich erfüllt.
Allem, was ich da sehe, fühle ich mich auf eine seltsame Weise verbunden. Langsam geh ich los, lächele den Steinen und Blumen im Vorgarten der Mensa zu, begrüsse das Gras am Wegrand, die parkenden Autos, zwei eilige Kommilitonen und schliesslich den dicken kunstgeschmiedeten schwarzen eisernen Griff der schweren Eingangstür zum Vorlesungsgebäude.
Ohne Eile steige ich die Treppe hinauf. Die Hörsaaltür ist schon zu, die energische Stimme der Adolphs dringt heraus, ich komme zu spät. Aber das macht mir gar nichts. Das Strahlen füllt mich ganz aus, hell und warm, ich bin gross, stark, voller Güte und Freundlichkeit. Ohne Zögern trete ich ein, gehe durch den ganzen Hörsaal und suche mir einen Platz vorn in der dritten Reihe. Meine Gedanken sind auf ungewohnte Weise klar, sie scheinen aus dem Hinterkopf zu kommen und alles zu erfassen. Mehrfach melde ich mich, komme zweimal zu Wort, und am Ende melde ich mich für ein Referat …
Danach gehe ich langsam, glücklich lächelnd meine neue Sicht der Welt auskostend, durch das kleine Städtchen nach Hause. Die Blumen, Büsche, Bäume am Wege, die Pflastersteine, über die ich gehen, die Menschen, denen ich begegne – alle sind ich und ich bin sie, alles hat den gleichen Pulsschlag, ich bin eingebettet in eine freundliche Welt.
In meiner kahlen Studentenbude sehe ich in meiner Meditations-Ecke das Sitzkissen am Boden, das meine Wirtin schon lange nicht mehr wegräumt, und das grosse goldene Om-Symbol an der Wand, aber ich habe keine Lust auf Yoga und Meditation – seit diesem Tag habe ich nie mehr das Bedürfnis verspürt, stundenlang zu meditieren. Ich kann auch nicht im Hause bleiben – mein Glücksgefühl sprengt den Raum. Ich zieh meinen Karate-Anzug an und gehe in den Garten, zelebriere ein paar Mal die Kata-Übungsfolge und habe meine Freude an dem konzentrierten harmonischen Fluss meiner Bewegungen. Später kippe ich meine Isetta auf die Seite und schrubbe den Motor vom Winterdreck frei …
Das Hochgefühl dauert an bis in den Nachmittag, dann ist es irgendwann verflogen – ich entsinne mich, dass ich erstaunt stehenblieb, als mir das bewusst wurde, und dass ich ernüchtert und etwas traurig war: Ein grosses, überwältigendes Erlebnis war zu Ende. Nie zuvor hatte ich Ähnliches erlebt, und auch nie mehr danach.
Das Hohlspiegel-Gleichnis
Später las ich dann bei Suzuki etwas über Meister Ekkehard, einen christlichen Mystiker im frühen Mittelalter. Suzuki beschäftigt sich sehr intensiv mit ihm – wohl in der Hoffnung, den abendländischen Leser über die christliche Mystik besser an Zen heranführen zu können. Es gibt tatsächlich viele verblüffende Berührungspunkte. Besonders schön ist das Hohlspiegel-Gleichnis von Meister Ekkehard, das Suzuki ausgiebig zitiert: Meister Ekkehard bezeichnet seine spirituelle Erfahrung als ein ‘durch den Hohlspiegel gehen’.
Es ist erstaunlich, wie viele Märchen und abergläubische Bräuche mit Spiegeln verbunden sind, und immer ist der Spiegel dabei das Tor zu einer anderen Welt, zur Welt der Geister, der Wunder, des Unbekannten und Unheimlichen: Alice betritt das Wunderland durch einen Spiegel; das Phantom der Oper steigt aus seiner Höhlenwelt und erscheint Christine im Spiegel ihrer Garderobe; das Spieglein-Spieglein-an-der-Wand verrät der bösen Königin, dass Schneewittchen hinter den sieben Bergen lebt; Spiegel können wahrsagen, in der Johannisnacht zeigen sie dir deinen künftigen Liebsten; wer einen Spiegel zerbricht, hat sieben Jahre Pech, denn die Dämonen können nun in unsere Welt gelangen und heften sich an seine Fersen; im Haus eines Verstorbenen werden alle Spiegel verhängt, damit seine Seele geradewegs gen Himmel strebt und sich nicht in die Geisterwelt hinter dem Spiegel verirrt …
Ich glaube, dass all diese volkstümlichen Bräuche und Sagen nur die unverstandenen Vulgärversionen des alten mystischen Geheimnisses des Durch-den-Spiegel-Gehens sind, das Meister Ekkehard in seinem Hohlspiegel-Gleichnis enthüllt.
Dabei hat er sicherlich nicht gemeint, dass man dabei das Spiegelglas durchbricht, sondern dass man durch den Brennpunkt geht, denn da passiert’s.
Hast du, lieber Leser, einen Hohlspiegel zur Hand, einen Kosmetik- oder Rasierspiegel zum Beispiel, der dein Gesicht vergrössert? Dann hol ihn doch mal und mach am besten gleich mit:
*
Ist der Spiegel einige Meter weit von dir entfernt, siehst du darin dich und die Welt auf dem Kopf stehen: Gleichnishaft mag das bedeuten, dass deine Weltsicht verkehrt ist.
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Kommst du jetzt allmählich dem Spiegel näher, erkennst du die einzelnen Dinge deutlicher und grösser, aber sie stehen immer noch auf dem Kopf: Deine Bemühungen, die Welt zu erkennen, verleihen dir neue Einsichten und einen schärferen Blick – das mag dich bestätigen, auf dem richtigen Wege zu sein, wenngleich deine Anschauung von der Welt immer noch verkehrt ist.
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Bewege dich jetzt ganz langsam, millimeterweise, auf den Hohlspiegel zu, und du siehst die Dinge immer schärfer … Geh noch ein bisschen näher ran, und du siehst sie noch genauer und sogar grösser, als sie in Wirklichkeit sind: Obwohl alles noch kopfsteht und deine Auffassung von der Welt noch verkehrt ist, bist doch ganz nahe an der Lösung.
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Komm noch ein kleines Bisschen näher – da plötzlich verzerrt das Bild sich und verschwimmt dann total, du selbst und alle Gegenstände um dich herum verlieren ihre Form und wogen als Lichter und Farben durcheinander: Du erlebst, wie alles sich auflöst, ineinander fliesst und Eins wird.
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Geh langsam weiter auf den Spiegel zu, hindurch durch die wogende Ursuppe, und sieh, wie sie wieder in weiche Formen fliesst, und plötzlich erkennst du dich selbst, nicht mehr auf dem Kopf stehend, sondern wirklichkeitsgetreu und riesig gross. Wenn du jetzt noch näher kommst, siehst du alles grösser und viel klarer und deutlicher als je zuvor: Du bist ‘durch den Spiegel gegangen’, und nun hast du die richtige Weltsicht …
Das alles könnte Meister Ekkehard sich fein ausgedacht haben: Ein hübsches Gleichnis, das sich jeder mit seinem Rasierspiegel selber vorführen und dabei die hintergründigen Gedanken des Meisters nachvollziehen kann.
Das Verblüffende aber ist, dass genau so auch mein Erlebnis ablief:
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Ich sass da in der Mensa und las, zur Entspannung, aber natürlich auch, um mehr über Zen zu lernen: Bezogen auf das Hohlspiegel-Gleichnis war ich noch weit weg und erkannte wohl was, aber meine ganze Weltsicht war verkehrt.
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Beim Lesen einer bestimmten Textstelle fing ich an, etwas davon zu begreifen, aber der Rest blieb mir rätselhaft. Spontan stoppte ich, um – und das ist das Letzte, woran ich mich vor dem Blackout noch erinnere – denselben Satz nochmal zu lesen. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf diesen einen Satz konzentriert: Ich kam, bildlich gesprochen, dem Spiegel langsam näher, um noch klarer zu sehen.
*
Da setzt meine Erinnerung aus … bis zum Wiederauftauchen aus der Versenkung weiss ich nicht, was da abgelaufen ist, oder auch nur, wie lange das gedauert hat. Es ist reine Spekulation, wenn ich annehme, dass ich wohl diese Textstelle nochmal gelesen habe und dann, um darüber nachzudenken, meinen Blick durchs Mensafenster auf den Giebel gerichtet habe, weil ich das oft so mache: Wenn ich über irgendwas nachdenke, schau ich unwillkürlich aus dem Fenster, lass meinen Blick auf dem höchsten Punkt ruhen und lass meine grauen Zellen arbeiten … Und so muss ich den Brennpunkt des Spiegels erreicht haben.
*
Wahrscheinlich ist in diesem Augenblick genau das mit meinen Gedanken passiert, was beim Hohlspiegel geschieht, wenn die Bilder plötzlich verschwimmen: Die Gedanken verschwimmen und überfluten die Konturen jener starren, auf Wahrnehmungen unserer beschränkten Sinne gegründeten Begriffskomplexe; gedankliche Inhalte lösen sich von den Bildern und Vorstellungen, mit denen sie ursprünglich verbunden waren, und verselbstständigen sich, fliessen auseinander, durchmischen sich, finden sich zu neuen, neuartigen Kombinationen zusammen, so bilden sich neue Gedankenverbindungen und Wissenskomplexe …
*
Wenn diese spontane Bewegung zur Ruhe kommt, ist mein Blackout vorbei: Ich tauche ich wieder auf aus der Versenkung und stelle erstaunt fest, dass ich plötzlich die Welt mit neuen Augen betrachte und die tiefe Gewissheit habe, dass ich und die Dinge um mich rum alles Eins sind, Eins in vielerlei Gestalt. Um ein letztes Mal das Hohlspiegel-Gleichnis zu bemühen: Ich bin ‘durch den Spiegel gegangen’, und dies ist jetzt die richtige Weltsicht.
Diese Einsicht konnte sich nicht auf Grund sinnlicher Erfahrung bilden, sondern nur durch einen rein geistigen Prozess, der spontan ablief – vielleicht sobald ein letztes fehlendes Glied hinzukam, oder in der Art einer Kettenreaktion, sobald eine kritische Masse erreicht war – und das Hirn so intensiv beschäftigte, dass es mich derweil abschaltete, was ich als einen totalen Blackout erlebte.
Da haben sich offenbar Datenbestände in meinem Hirn selbsttätig nach eigenen Gesetzmässigkeiten neu organisiert und so eine neue geistige Harmonie gefunden, die mir eine neue Grundlegung für meine Orientierung in dieser Welt gegeben hat.
Was bleibt
Ein besserer Mensch bin ich dadurch nicht geworden. Klüger auch nicht. Aber ich bin gelassener geworden. Wenn du weisst, dass du nicht alleine dastehst gegen diese ganze Welt, sondern eins bist mit ihr – was kann dir dann etwas anhaben? Du bist sicher aufgehoben, kannst entspannt in der Gegenwart leben und die Unwägbarkeiten der Zukunft getrost auf dich zukommen lassen, kannst deinen Mitmenschen ohne Angst aufgeschlossen und freundlich begegnen, kannst über deine eigenen Fehler lachen und den Eigenarten anderer gegenüber verständnisvoller, nachsichtiger, toleranter sein.
Und meine Suche nach Gott hat aufgehört. Ich habe ihn, wenn du so willst, gefunden: Ich bin es, und du, und der Wind, der Stein, der Klang, der Abendstern … wir alle zusammen. Ich habe die tiefe Gewissheit – nicht wie eine neu gewonnene Erkenntnis, eher wie ein freigeschaufeltes Urwissen tief drinnen – eins zu sein mit all den Dingen um mich rum, ein Teil, ein Reflex vom grossen Ganzen, nichts im Besonderen, nicht zu trennen vom Ganzen.
Wenn du mich jetzt nach meiner Religion fragst, möchte ich fast sagen: Zen-Buddhist – aus Dankbarkeit für Suzuki und die anderthalbtausend Jahre Zen-Tradition, die er mir erschlossen hat; auch aus Anerkennung für die Zen-Methode, die auch ‘Plötzlichkeits-Schule’ heisst, weil sie ihre Schüler oft ganz überraschend in die Erleuchtung hineinstolpern lässt; und dann natürlich wegen der buddhistischen Weltsicht, die auch ohne Gott und Jenseitsverheissung meinem Leben Sicherheit, Frieden, Freundlichkeit und Gelassenheit gibt.
Aber richtiger wäre zu sagen: Ich hab keine Religion. Ich brauche keine, ich praktiziere keine, ich bete nicht, meditiere nicht, beichte nicht und büsse nicht, bin kein Sünder und kein Heiliger, kein Eremit und kein Philosoph – ich lebe einfach, inmitten dieser bunten Welt, erfüllt von dem immer wieder neuen Erleben der unmittelbaren Nähe und tiefen Gemeinsamkeit mit allem, was existiert, und getragen von der Erkenntnis, dass alles Eins ist, ein allumfassendes Ganzes, das sich in mir wie in allen anderen Dingen manifestiert, in das ich unerschütterlich eingebettet bin und das mir die Sicherheit gibt, getrost im Heute zu leben und Tag für Tag so zu nehmen, wie er kommt – denn*
Jeder Tag ist ein guter Tag!
Februar 28th, 2007 Autorin: Clu Maria Schattenwelten
Ja, es ist ver-rückt, Dinge zu wünschen, die man “eigentlich” gar nicht will: die verstörenden Sehnsüchte nach dominant-sadistischen Zumutungen, die Selbstzweifel angesichts des Wunsches “solche Dinge zu tun” kostet viele Einsteiger eine lange Zeit innerer Auseinandersetzung, bevor sie sich die “Lizenz zum Experimentieren” erteilen. Dieser Artikel spürt den Irrungen und Wirrungen nach, die das BDSM-Paradox mit sich bringen kann.
Zum Einstieg sei kurz erinnert, wie die Frage nach dem “Wünschen des Unerwünschten” außerhalb der BDSM-Szene gesehen wurde und wird:
Eine Frau, die lustvolle Vergewaltigungsfantasien hat, will nicht etwa tatsächlich vergewaltigt werden. In der Fantasie genießt sie die Überwältigung, die Machtlosigkeit, den Sex mit dem Fremden, das Unberechenbare und auch Gewalttätige, doch ist sie in jedem Moment Herrin der Situation, denn SIE ist es, die die Fantasie steuert. Sie erschafft den Mann in der Täter-Rolle gemäß ihren persönlichen Kicks; sie setzt Zeit, Ablauf und Ende der Handlung - sie ist Regisseurin des eigenen Kopfkinos, nicht etwa Opfer, obwohl sie sich in die Rolle eines Opfers träumt. Es verbietet sich also, aus der Fantasie des Kopfkinos auf eine etwa erwünschte Realität rückzuschließen. Das Argument tatsächlicher Vergewaltiger und anderer Frauenfeinde (”die wollen es ja nicht anders”) hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun, sondern ist Ausdruck ihres Frauenhasses und ihrer gestörten Psyche.
Soweit, so bekannt, so sonnenklar - wer würde denn auch dieser Sicht der Dinge heute nicht zustimmen? Der entsprechende Disput wurde in den 70gern und 80gern im Rahmen der Frauenbewegung geführt, da es Frauen gab, die sich aufgrund solcher Fantasien ausgesprochen mies und “unfeministisch” fühlten. Heute ist die “Erkenntnislage” in dieser Frage weitgehend entspannt, Erotik-Ratgeber ermuntern dazu, die Fantasien einfach zu genießen und durchaus auch mal “Spiele mit Macht” in der eigenen erotischen Praxis zu wagen - unter “Stinos” ist also alles im grünen Bereich.
Spiel, Theater und “das Echte”
Für Menschen, die sich dem Ausleben solcher und anderer “dunklen” Fantasien öffnen und nach und nach ein Selbstverständnis als BDSMer/innen gewinnen, verschwimmt allerdings dieser “Standardkonsens” zur Einordnung bzw. Deutung der eigenen Wünsche gelegentlich auf irritierende Art:
Einerseits ist er für jegliches BDSM-Selbstverständnis konstituierend: Niemand will eine Beziehung zum “echten Vergewaltiger” (um im Beispiel zu bleiben), sondern man sucht Kontakt zu einem Gegenüber, das ebenfalls “auf Rape-Play steht”. Was geschieht, geschieht bewusst im Konsens zur beiderseitigen Lust im Sinne der Neigung. Evtl. gelingt dann die Inszenierung einer “Vergewaltigung als ob”, die die geträumten Gefühle tatsächlich real erleben lässt, ODER es stellt sich heraus, dass sogar die inszenierte Wirklichkeit schon zu real ist, um noch genossen werden zu können - was wiederum aufs Selbstverständnis und auch die Fantasien selbst zurück wirkt.
Andrerseits gibt es im Fall gelingender Inszenierungen und mehr noch in der Phase des Sehnens, aber - mangels Partner - noch-nicht-Lebens, die Möglichkeit, sich im Paradox der Neigung hoffnungslos zu verstricken. Die endlich zugelassenen Wesensanteile gewinnen gewaltig an Strahlkraft und so mancher setzt dann die “Neigungswirklichkeit” für das Ganze, um zumindest für sich selbst eine konsistente Realität zu bewahren. Mit einem Paradox zu leben, das den Verstand beleidigt, bzw. ihm seine Grenze im Irrationalen aufzeigt, ist ja auch nicht unbedingt leicht - der Hang zur (vermeintlich) einfachen Lösung also verständlich.
Um das Beispiel Vergewaltigung/Rape-Play noch weiter zu bemühen: Manche reden nun (innerhalb der SM-Welt!) so, als ginge es ihnen darum, tatsächlich vergewaltigt zu werden bzw. zu vergewaltigen. So ein Selbstbild (oft mühsam und gegen viele Widerstände akkzeptiert, nun aber trotzig verteidigt) speist sich also aus der Neigung, nicht mehr aus dem allzu nüchternen Blick aufs Ganze: alles, was daran erinnert, dass es sich um Inszenierungen handelt, wird möglichst ausgeblendet, evtl. sogar wütend bekämpft. Die Neigungswirklichkeit bildet eine mehr und mehr abgeschottete Immanenz, die nicht mehr transzendiert werden soll, damit nichts das Genießen stört. Dabei können die Vorstellungen leicht so extrem und absurd werden, dass es immer unwahrscheinlicher wird, dafür einen Partner zu finden: jeder, der mit Relativierungen und mehreren Wirklichkeiten lebt, wird ja als “bloßer Theaterspieler” (bzw. Mode-SMer, Rollenspieler, Pseudo etc.) erscheinen und ist damit ungeeignet, nicht “echt” genug. Man will das Absolute und nichts bloß Relatives: total (natur-)dominant, wahre Sklavin, vollständiges Eigentum, bedingungslos hingegeben, absolut unterworfen bzw. beherrschend etc. usw.
Wer ein x-beliebiges BDSM-Forum aufsucht, findet leicht die Fronten, die sich entlang an der unterschiedlichen Einstellung gegenüber dem BDSM-Paradox bilden. (”Spielen”, “DS und Liebe”, “24/7 - geht das?”, “das Tier in mir/das andere ich”, “psychisches Edgeplay” usw.) Meiner Erfahrung nach sind sehr extreme Positionen besonders bei “virtuellen SMlern” verbreitet, deren Denken noch kaum durch den Versuch einer lebbaren Praxis in längeren Beziehungen angekränkelt wurde. Denn diese erfordert Kompromisse und Relativierungen: Subs stimmen eben mit den Füßen ab, wenn ihre Sehnsüchte auf Dauer keine Erfüllung finden, Doms wollen nicht auf ihre dominante Rolle reduziert werden. Der Alltag einer Beziehung umfasst MEHR als das Reich des Erotischen (wozu für mich auch BDSM gehört, auch dann, wenn er “ohne Sex” auskommt) - eine Wahrheit, die in reinen “Spielbeziehungen” mit bloß sporadischen Treffen allerdings ausgeblendet werden kann.
Bei Paaren, die mehr sind als Spielbeziehung, findet sich denn auch IMMER eine Relativierung der “Neigungs-Wahrheit”: Etwa die Rede vom liebenden und verantwortlich handelnden Dom, der selbstverständlich darauf achtet, dass auch “sein Eigentum” nicht zu kurz kommt und sich in den verschiedensten Lebensbereichen zur Blüte entfalten kann (=die romantisch-domantische Lösung). Oder eben die verbreitete Einsicht, dass die Neigung nur einen Aspekt des Ganzen darstellt, dass gemeinsames Erleben immer “ein Tanz für zwei” ist und nie bloßer Durchmarsch der Kopfkino-Vorstellungen nur einer Seite. Was wiederum bedeutet, dass die DS-Ebene mit ihrer “lustvollen Hierarchie” etwas ist, dass gelegentlich aktualisiert wird, jedoch nicht durchweg das Miteinander bestimmt.
BDSM als KOAN
Was aber ist nach alledem Wahrheit - und was Lüge, Illusion, Theater??? Nun, das wechselt, je nach der eigenen Positionierung im oben erläuterten Spannungsfeld. Die bewusste Inszenierung des “Spielers” wird dem DS-Extremisten als “bloßes Theater” erscheinen, wogegen umgekehrt die totalen Ansprüche und absoluten Aussagen als “bloßes Kopfkino” und Realitätsverlust abgetan werden. Man kann auch beide Haltungen nacheinander durchleben, denn Neigung entwickelt sich, genau wie die Integration ins Ganze, die jeder leisten muss, der BDSM praktiziert - der also Dinge wünscht und tut, die “man nicht tut”, die man aber auch selbst “im normalen Leben” der Gesellschaft nicht will. Wie unerträglich widersprüchlich!
Ist es wirklich so unerträglich?? Je länger ich mich mit dem BDSM-Paradox auseinander setze, desto deutlicher zeigt sich mir sein Charakter als KOAN, als eine Art Initiation in ein komplexeres und auch plastischeres Bewusstsein:
Wollen, was man - eigentlich - nicht will, ergibt eine Suchbewegung des Geistes nach der “Auflösung”, die jedoch nicht in den Praktiken selbst oder in den jeweils gewählten “Rationalisierungen” zu finden ist. Es geht darum, das “entweder-oder” durch ein “sowohl-als auch” zu ersetzen: Einerseits inszeniere ich und bin mir dessen voll bewusst, andrerseits ist das Erleben in der Inszenierung auf der Gefühlsebene ebenso “echt” wie jeglicher Alltag, der - genauer betrachtet - auch immer Inszenierung ist, gestützt auf Gewohnheit, Tradition und Routine.
Über das BDSM-Erleben lerne ich jenseits bloßen Bücher-Wissens, dass ich immer schon meine Realitäten selber schaffe: wenn ich z.B. aufhöre, als Arbeitnehmer zu denken, verhalte ich mich auch nicht mehr so und hege keine Erwartungen, dass mir jemand “Arbeit gibt” oder “einen Arbeitsplatz schafft”, um mal ein Beispiel ohne BDSM-Kontext zu nennen. Statt dessen werde ich “etwas unternehmen”, um mir ein Einkommen zu erwerben.
Selbsttäuschung setzt da ein, wo ich meinen Anteil an der laufenden Inszenierung oder die Inszenierung als solche leugne, bzw. nicht erkenne. Das wirkt sich dann auch beziehungsschädlich aus, denn etwas, das ich leugne, kann ich nicht verhandeln. Dann geht es einzig darum, ob die jeweiligen Kopfkinos sich passgenau entsprechen - und das ist nun mal sehr selten und nie auf Dauer der Fall. Und: Wer will schon bloß Darsteller im Kopfkino des Anderen sein??
Und die Lösung?
Für das Paradox an sich gibt es keine “Lösung” aus dem Verstand, das hab’ ich für mich erkannt. Es gibt nur verschiedene Interpretationen, die sich im Lauf der Erfahrungen und der Reflexion darüber ändern. Was es aber gibt, ist die Lösung im Leben: manches Kopfkino verschwindet, wenn es oft genug inszeniert wurde - die Neigung verändert sich entsprechend. Was zu Anfang unsäglich kickte, ist auf einmal ohne jeden Reiz. Aber keine Sorge: WENN das geschieht, bedauert man es nicht, denn es hat seinen Zweck erfüllt. Man wird deshalb nicht gleich wieder zum “Vanilla”, genau wie ja auch der ZEN-Weg nicht zu Ende ist, sobald ein einziges KOAN gelöst wurde.
“Das Ziel der Koan-Praxis ist die Erkenntnis der Nichtzweiheit. Die Illusion, dass die Dinge unterschieden sind und dass das Ich eine eigene, vom Rest abgegrenzte Existenz hätte, soll sich in der Übung mit dem Koan auflösen.”
BDSM ist ein Abenteuerspielplatz, auf dem wir das wunderbar ausexperimentieren können.
Ein Mann trat vor Tao-hsin und fragte ihn “Darf ich den Weg suchen, ohne Rücksicht auf meine Familie?” Tao-hsin antwortete “Nein.” Der Mann fragte weiter “Dann muss ich meine Suche beenden?” Tao-hsin antwortete wieder “Nein.”
Später fragte der Mann Hung-jen nach dem Sinn der Antworten. Hung-jen riet ihm, ein zweites Mal seinen Lehrer aufzusuchen.
Also ging der Mann erneut zu Tao-hsin und fragte “Darf ich den Weg suchen, ohne Rücksicht auf meine Familie?” Tao-hsin antwortete “Ja.” Der Mann fragte überrascht weiter “Dann muss ich meine Suche nicht beenden?” Tao-hsin “Doch.”
Ein Einsiedler saß am Fluß und meditierte, als ihn ein junger Mann unterbrach. “Meister, ich möchte euer Schüler werden.”
“Warum?” fragte der Einsiedler.
“Weil ich Gott finden will.”
Der Meister sprang auf, packte den Burschen am Kragen, zog ihn zum Fluss und drückte seinen Kopf unter Wasser. Nachdem er den zappelnden und tretenden Burschen eine Minute dort gehalten hatte, zog er ihn wieder heraus. Der junge Mann spuckte wasser und rang nach Luft. Als der Bursche sich gefangen hatte, sprach der Meister: “Nun sag mir, was hast du am meisten gewollt als du unter Wasser warst?”
“Luft”, antwortete der Mann.
“Sehr gut.” sagte der Meister. “Jetzt geh nach Hause und komm wieder, wenn du Gott genauso brauchst, wie du gerade Luft gebraucht hast.”